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Die Lithografie im “langen Jahrhundert” zwischen Revolution und Krieg. Dem Erfinder der Lithografie Alois Senefelder zum 250ten Geburtstag

Kupferstich und Lithographie raufen. Henri Daniel Plattel. Lithografie von A. Fournier

 

Alois Senefelder, der Erfinder der Lithografie, wäre heute 250 Jahre alt geworden. Dies nehmen wir zum Anlass, um im Jahre 2022 den technik- und kulturgeschichtlichen Spuren der Lithografie von ihren Anfängen bis zum Ende des „langen Jahrhunderts“ (1789 bis 1914) mit mehreren geplanten Blog-Beiträgen zu folgen. „Die Lithografie im langen Jahrhundert zwischen Revolution und Krieg“ ist der gemeinsame Titel, unter dem die Einzelbeiträge stehen. Die ab Mai 2022 geplanten Blog-Beiträge stehen auch in Zusammenhang mit der Jahrestagung 2022 des IADM e.V. vom 16. bis 19. Juni in Eichstätt, die dem Thema “Der Stein des Senefelder: ein druckgeschichtliches Kulturerbe” gewidmet ist.

Zu Lebzeiten von Alois Senefelder dominierten in Europa seit mehr als 300 Jahren Holzschnitt, Kupferstich und Radierung den Bildermarkt für gedruckte Kunst und gedruckte Buchillustrationen. Im Hochdruck und Tiefdruck wurden gedruckte Bilder entweder durch erhabene oder tiefliegende Reliefstrukturen bestimmt. Alois Senefelder erfand den Bilderdruck neu und befreite ihn durch das Flachdruckverfahren der Lithografie vom Primat der Linie. Im Alter von 25 Jahren wird Senefelder, ein künstlerischer und zeichnerischer Laie, ungewollt zum Erfinder dieses neuen druckgrafischen Verfahrens für die Vervielfältigung handgeschriebener Texte und des Bildes.

Als Sohn einer Schauspielerfamilie in Prag geboren, studiert er auf Geheiß seines Vaters, Peter Senefelder, die Juristerei in Ingoldstadt. An seiner eigentlichen Liebe zum Theater und dem Schreiben von Theaterstücken kann der erfolgreiche Abschluss seines wohl eher ungeliebten Studiums nichts ändern. So versucht er sich zuerst vergeblich als Schauspieler zu profilieren, aber sein Talent reicht nicht aus. Als es ihm auch nicht gelingt, Verleger für seine Theaterstücke zu finden, entschließt er sich, selbst zum Verleger zu werden, was ohne Bleilettern, Druckerpresse und Geld in damaliger Zeit allerdings ein schwieriges Unternehmen ist. So wird er ungewollt zum „Quereinsteiger“ in die druckgrafischen Verfahren des Bilderdrucks, obwohl es ihm zunächst nur darum ging, zu Gutenbergs teuren Bleisatzlettern eine Alternative zu erfinden: Dazu schreibt er in seinem 1818 veröffentlichten Lehrbuch der Lithografie und des Steindrucks:

„Ich wollte nämlich gewöhnliche Buchdruckerschrift ganz genau und zwar verkehrt nachschreiben lernen. Wenn ich einmal hierin die gehörige Geschicklichkeit hätte, dachte ich dieselbe auf eine nach gewöhnlicher Art mit Ätzgrund überzogene Kupferplatte mit einer elastischen Stahlfeder zu schreiben, sodann mit Scheidewasser (Salpetersäure, Anmerk. des Verfassers) einzuätzen und beim Kupferdrucker abdrucken zu lassen.[1]

Von dem Gedanken getrieben, sein eigener Verleger zu werden, entfaltet sich Senefelders unermesslicher Erfindergeist. Zwischen 1796 und 1798 erfindet er 25 verschiedene „Manieren“, um auf einem glatt geschliffenen Kalkstein aus Solnhofen mit einer selbst erfundenen lithografischen Tinte zu schreiben und zu zeichnen, um von diesem Stein drucken zu können. Er erfindet eine revolutionäre handwerkliche Technik, deren Vorteil gegenüber Holzschnitt, Kupferstich und Radierung vor allem ihre „Wohlfeilheit“ ist, mit der sich die Bildnachfrage des Bürgertums nach Bildern für unterschiedliche soziale Schichten befriedigen lässt. Die Zeit der napoleonischen Koalitionskriege ist einerseits geprägt vom Geist der Aufklärung und andererseits vom Geist der Restauration und geistigen Verklärung. In diesem Zeitgeist wird die Lithografie noch vor der Erfindung der Fotografie zu einem Medium, das der Bildpublizistik und der Farbigkeit der Druckgrafik maßgeblich einen Impetus gibt. Die Lithografie bleibt im Unterschied zum Holzschnitt, dem Kupferstich und der Radierung resistent gegenüber dem nächsten neuen Medium, der Fotografie, weil sie mit der fotografischen Technik eine Symbiose eingehen konnte, die selbst die Digitalisierung der Bilder und ihrer Verbreitung überdauert hat.

  1. Alois Senefelder. Lehrbuch der Lithographie und des Steindrucks; S. 5
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Die Briefkultur im Internetzeitalter vor dem Hintergrund von 2000 Jahren schriftlicher Kommunikationsgeschichte

 

Dr. Annette Nünnerich-Asmus, Dr. Annette Ludwig und Dr. Erwin Kreim bei einer Veranstaltung auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse
Bildrechte: Gutenberg-Museum, Mainz

 

Vortragsveranstaltung im Gutenberg-Museum in Mainz

Mittwoch, 3. 11. 2021, um 18 Uhr

Gibt es im Internetzeitalter noch eine Briefkultur? Und was versteht man unter Netiquette? Diesen Fragen gehen der Sammler Dr. Erwin Kreim, die Museumsdirektorin Dr. Annette Ludwig und Verlegerin Dr. Annette Nünnerich-Asmus bei dieser Veranstaltung im Gutenberg-Museum nach.

Unter dem Titel „Briefkultur im Internetzeitalter — Netiquette” wird aus Anlass der Museumspublikation „Bestseller – Briefsteller. Die Sammlung Kreim“, ein Blick auf die Geschichte der schriftlichen Kommunikation geworfen. Anhand der einzigartigen Briefsteller-Sammlung des Gutenberg-Museums beleuchten die „Macher“ der Publikation die Kultur des Briefeschreibens und klären, was unter Netiquette zu verstehen ist. Marie-Christin Stabel wird dazu kurze Textpassagen aus dem Band rezitieren.

Wer auf bibliophile Entdeckungsreise gehen möchte, erhält mit dem vom Gutenberg-Museum herausgegebenen Werk „Bestseller – Briefsteller. Die Sammlung Kreim“ einen umfassenden Überblick über sechs Jahrhunderte Kommunikationshistorie.

Der Band stellt den Auftakt der neuen Schriftenreihe „Verborgene Schätze des Gutenberg-Museums“ dar, die in loser Folge Einblicke in die reichen Sammlungsbestände des Gutenberg-Museums geben soll.

 

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Von Gutenberg zu Goethe: Dr. Annette Ludwig verlässt das Gutenberg-Museum und geht nach Weimar

Die Direktorin Dr. Annette Ludwig verlässt 2022 das Gutenberg-Museum Mainz. (Foto: Klassik Stiftung Weimar)

Anlässlich des 500. Geburtstags von Johannes Gutenberg, dem Erfinder der Typografie, gründeten die Bürger der Stadt Mainz im Jahre 1900 das Gutenberg-Museum, um dessen Erfindung einem breiten Publikum bekannt zu machen. Die Eröffnung eines der ersten Druckmuseen der Welt fand am 23. Juni 1901 statt. Seit 2010 ist die Kunsthistorikerin Dr. Anette Ludwig mit viel Engagement und Kreativität dabei, das kulturelle Erbe Johannes Gutenbergs zeitgemäß in unsere digital gewordene Gegenwart zu transformieren, um so die kulturelle Erinnerung an Gutenberg zu erhalten.

„Wir wollen ein lebendiges Museum werden, Maschinen zum Sprechen bringen, neue Elemente integrieren“

sagte Dr. Annette Ludwig seinerzeit gegenüber der Internet-Zeitung Mainz&. Nun verlässt sie das Gutenberg-Museum und folgt einem Ruf in die Goethe-Stadt Weimar, wo sie voraussichtlich ab Frühjahr 2022 Direktorin der 21 Museen der Klassik Stiftung Weimar wird. Wir gratulieren ihr dazu. Ein großer persönlicher Erfolg für Dr. Annette Ludwig und ein herber Rückschlag für den Neubau des Gutenberg-Museum in Mainz.

Als die engagierte Initiative von Dr. Annette Ludwig für den Neubau und die Neukonzeption des Gutenberg-Museums im Februar 2016 zu dem aus einem Architektenwettbewerb hervorgegangenen Plan für einen Museumsneubau mit modern gestalteten Bibelturm quasi unter Dach und Fach war, bewirkte 2018 ein Bürgerentscheid der Mainzer Bürger die Politik der Stadt Mainz dazu, die Pläne erst einmal auf Eis zu legen. Hatten 118 Jahre zuvor Mainzer Bürger dem Weltmuseum zu seiner Gründung verholfen, so verhalfen sie ihm jetzt zu einem vorläufigen Ende. Doch Dr. Annette Ludwig ließ sich nicht entmutigen und kämpfte weiter. Jetzt, 2021, steht ihr “Herzensprojekt” erneut am Start und wartet auf seine Realisierung. Aber an der Stelle war die Stadt Mainz vor drei Jahren ja schon einmal.

Nicht zuletzt ihr unermüdlicher Kampf für die Rettung des kulturellen Erbes Gutenbergs in die digitale Zeit hat Dr. Annette Ludwig schließlich zu Goethe nach Weimar geführt, denn in einer Presseerklärung der Klassik Stiftung Weimar heißt es:

„Mit Annette Ludwig gewinnt die Klassik Stiftung Weimar eine profilierte Museumsmanagerin, die gattungsübergreifende Erfahrungen aus den Bereichen des Sammelns, Forschens und Vermittelns mitbringt. Seit Mai 2010 ist sie Direktorin des Gutenberg-Museums in Mainz und prägt das Profil des „Weltmuseums der Druckkunst“ nicht nur durch einen strukturellen Innovationskurs, der die Erschließung des Themas Bauhaus in Rheinland-Pfalz einschließt, sowie die Initiative für die baulichen, inhaltlichen, szenografischen und trägerschaftlichen Vorbereitungen eines Museumsneubaus, sondern auch als Kuratorin für das 19. bis 21. Jahrhundert mit international beachteten Sonderausstellungen zu Typografie, Buchkunst und Druckgrafik.“

Ausführlichere Informationen zum Wechsel von Annette Ludwig von Mainz nach Weimar gibt es auf dem Podcast des SWR 2 zur Kultur aktuell und der Internetzeitung für Mainz .

 

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Wie Noten aufs Papier kommen zeigt das Gutenberg-Museum in Mainz

Notenstichvorführung im Gutenberg-Museum in Mainz

Im Rahmen seiner Ausstellung „Noten für die Welt,“ die noch bis zum 7. November in Mainz zu sehen ist, zeigt das Gutenberg-Museum am 30. September 2021 um 16 Uhr die Technik des Notenstichs live. Peter Gass-Domes, gelernter Notenstecher und langjähriger Mitarbeiter des Musikverlags  Schott, führt anlässlich des 250-jährigen Jubiläums des Mainzer Schott-Verlags diese spannende Technik vor.

Der Notenstich ist ein Tiefdruckverfahren und wurde bis ins späte 20. Jahrhundert angewandt. Er erfordert das spiegelverkehrte Einschlagen jeder einzelnen Note in Metall. Dieses alte und bedrohte Verfahren des Notenstichs bekam ab etwa 1798 Konkurrenz durch die von Alois Senefelder erfundene Lithografie, bei der die Noten spiegelverkehrt mit Feder und Tinte auf einen Litho-Stein  geschrieben wurden, die anschließend im Flachdruckverfahren gedruckt wurden. Beide handwerklichen Techniken sind heute durch computergestützte Satz- und Drucktechniken völlig verschwunden. Die Gäste bekommen einen einzigartigen Einblick in das alte, bedrohte und verschwindende Handwerk des Notenstichs. Für die Führung ist lediglich der Museumseintritt zu entrichten. Es ist eine Anmeldung erforderlich unter Telefon 06131/123411 oder per Mail

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Peter Neumann, eine wichtige Persönlichkeit der Druckgeschichte, ist verstorben

Peter Neumann (Foto Sivia Werfel)

Immer engagiert in der Welt des Drucks, der Schrift und der Gestaltung war er ein Leben lang beruflich und ehrenamtlich unterwegs. Am 7. August 2021 verstarb im Alter von 94 Jahren Peter Neumann, dessen kritische und gleichzeitig konstruktive Stimme uns nicht nur im IADM fehlen wird.

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Anmeldung zur Fachtagung und Migliederversammlung des IADM am 2. Oktober 2021 nicht vergessen!

Die diesjährige Fachtagung zum Thema “Bucheinband” und die Mitgliederversammlung des IADM findet online statt und ist kostenlos. Eine rechtzeitige vorherige Anmeldung per E-Mail ist jedoch unbedingt erforderlich. Nähere Informationen zur Fachtagung und zur Anmeldung finden Sie hier.

Willkommen auf  den Blog

 

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Veranstaltungen im Museum für Druckkunst in Leipzig

Museum für Druckkunst Leipzig. Quelle: https://www.druckkunst-museum.de

Das Druckmuseum in Leipzig gibt bekannt, dass noch bis zum 12.9.  die Ausstellungen „RevierWechsel“, „Ton – Holz – Blei“ und „From Futura to the Future“ zu sehen sind. Zum Abschluss von „RevierWechsel“ finden verschiedene Veranstaltungen statt.

Ab 6.9. ist der Drucksaal des Museums wieder Schauplatz von „Let’s print in Leipzig“. Bereits zum vierten Mal nutzen neun internationale Künstlerinnen und Künstler zwölf Tage die Werkstätten des Museums und Sie können ihnen dabei über die Schulter schauen. Eine anschließende Ausstellung präsentiert ab 19.9. die Ergebnisse. In den kommenden Monaten können Sie außerdem unsere Artists in Residence erleben. Fünf Künstler/innen arbeiten jeweils vier Wochen an den Pressen des Museums. Eine Ergebnisausstellung folgt im Frühjahr 2022.
Es lohnt sich auch ein Blick in unseren Kalender, um Führungen oder Workshops nicht zu verpassen, zum Beispiel am Tag es offenen Denkmals am 12.9.

Veranstaltungen zum Abschluss von “Revierwechsel”

7.9., 15 Uhr  Führung 60+ (halber Eintritt für Besuchende ab 60 Jahren)

10.9., 18–20 Uhr
Trinationales Künstler/innengespräch und Finissage (Eintritt frei, bitte anmelden)
Es diskutieren: Aafke Ytsma und Wendelien Schönfeld (NL), Sebastian Utzni und Georges Wenger (CH), Susann Hoch und Bettina van Haaren (D), Moderation: Susanne Richter (Museum für Druckkunst) und Imke Harjes (Bund Bildender Künstler Leipzig).
Künstlerische Druckgrafik hat in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden eine lange Tradition. Im aktuellen Kunstgeschehen der drei Länder ist ihre Rolle jedoch sehr unterschiedlich. Wohin entwickelt sich die Druckgrafik in den nächsten Jahren? Welche Themen sind in den drei Ländern gerade virulent? Welchen Stellenwert hat die Druckgrafik im eigenen künstlerischen Schaffen? Diese und andere Fragen werden im trinationalen Künstler/innen-Gespräch diskutiert. Fragen aus dem Publikum sind herzlich willkommen.

Weitere Termine

Jeden Dienstag, 14–17 Uhr: Offene Werkstatt Letterpress, Infos

Jeden Donnerstag, 14–17 Uhr: Offene Werkstatt Radierung, Infos

The New Old – Hochdruck-Workshop mit Dafi Kühne

25.9., 10–17 Uhr, Infos
Im Rahmen des Busyhandsfest.

Let’s print in Leipzig 4

Öffentlicher Workshop: 6.–17.9.
Ausstellungsdauer: 19.9.–14.11.2021
Soft Opening am 17.9., 17–20 Uhr, Infos

36. Leipziger Grafikbörse. hortus secretus – der geheime Garten

10.10.–21.11.2021
Soft Opening am 8.10., 17–20 Uhr, Infos

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“Überzeugungsarbeit und Stehvermögen” — Günter Gerhard Lange und der Fotosatz bei der H. Berthold AG

 

Das Fotosatzgerät “Diatype” der H.Berthold AG. Foto:Industriemuseum.de

 

Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg löst mit seiner Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und Druckerpresse ab 1450 die erste Medienrevolution aus. Knapp 500 Jahre später bahnt sich im Nachkriegsdeutschland mit der Entwicklung des Fotosatzes ein weiterer elementarer Umbruch der Satzherstellung an. Die H. Berthold AG wird die erste Schriftgießerei Europas, die den Fotosatz aufnimmt. Motor dieser Entwicklung bei Berthold sind zwei Personen. Einer davon ist Direktor Carl Graumann, dazu im Folgenden mehr – der andere der spätere künstlerische Leiter Günter Gerhard Lange (1921—2008). GGL, so sein bekanntes Kürzel, wäre am 12. April 2021 100 Jahre alt geworden: ein Grund mehr, einen genaueren Blick auf diese Übergangszeit vom Blei- zum Fotosatz und seiner Rolle in dieser umwälzenden Entwicklung zu werfen. Einer Zeit, die GGL rückblickend als die schwierigste Zeit bei Berthold mit vielen Widerständen, Misstrauen und Vorurteilen in einem eher konservativen Gewerbe bezeichnet hat und sich dennoch mit vollster Überzeugungskraft dafür einsetzte.

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Mainzer Stadtwerke unterstützen die “Internationale Gutenberg-Gesellschaft Mainz e. V.” mit großzügiger Spende zu ihrem 120ten Gründungstag

Spendenübergabe

Spendenübergabe der Mainzer Stadtwerke

Pressemitteilung des Gutenberg-Museums Mainz

Am 23. Juni 1901 und damit vor genau 120 Jahren wurde die „Internationale Gutenberg-Gesellschaft in Mainz e. V.“ gegründet. Seither verfolgt die Gesellschaft zwei bedeutende Ziele: Die Erforschung der Geschichte und Entwicklung der Drucktechnik und der schriftorientierten Medien sowie die ideelle und finanzielle Förderung des Gutenberg-Museums.

1971, also vor genau 50 Jahren, wurde der städtische Eigenbetrieb Stadtwerke Mainz zu einer Aktiengesellschaft – damals noch unter dem Namen Stadtwerke Mainz AG. Angesichts der Corona-Pandemie hat das inzwischen in Mainzer Stadtwerke AG umfirmierte kommunale Unternehmen im laufenden Jahr auf Festakte und große öffentliche Feierlichkeiten verzichtet. Stattdessen möchten die Mainzer Stadtwerke die wichtige Arbeit der Gutenberg-Gesellschaft und damit auch die des Gutenberg-Museums anlässlich deren 120. Geburtstages finanziell im größeren Rahmen unterstützen.

Oberbürgermeister Michael Ebling in seiner Funktion als Präsident der Gutenberg-Gesellschaft, Vizepräsident Prof. Stephan Füssel, die Direktorin des Gutenberg-Museums, Dr. Annette Ludwig, und der Stadtwerke Vorstandsvorsitzende Daniel Gahr stellten den Medien heute bei einem Presse- und Fototermin im Gutenberg-Museum Einzelheiten der Kooperation vor. Daniel Gahr überreichte dabei einen symbolischen Scheck über 100 000 Euro an den Verein und die Verantwortlichen des Museums.

In der Druckwerkstatt gab es außerdem eine Druckaktion: Die Verantwortlichen der Gutenberg-Gesellschaft, des Gutenberg-Museums und der Stadtwerke druckten dabei auf einer historischen Presse das markante „M“, seit 2016 das Firmenlogo der Mainzer Stadtwerke. Daniel Gahr: „Wir sind seit vielen Jahrzehnten fest verwurzelt in der Stadt Mainz. Dabei sind wir längst mehr als ein Wasser- und Energieversorger oder Mobilitätsanbieter. Wir tragen unseren Teil zum Klimaschutz sowie einem nachhaltigeren Leben in dieser Stadt bei und schauen bei unserem Engagement auch über den Tellerrand von Mainz hinaus: Vor wenigen Wochen haben wir 100 000 Euro den Flutopfern in Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellt, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen dort für weitere Aufbauhilfe zur Verfügung. Wir engagieren uns in gemeinnützigen Stiftungen, unterstützen Initiativen und Vereine durch Sponsoring. Unsere Kooperation 2021 zum 120. Geburtstag der Gutenberg-Gesellschaft soll auch dabei helfen, die Bedeutung Gutenbergs und des Gutenberg-Museums für unsere Stadt noch stärker im Bewusstsein der Menschen zu verankern.“

Oberbürgermeister Michael Ebling zeigt sich als Präsident der Gutenberg-Gesellschaft sehr erfreut über die Zuwendung. „Die Gutenberg-Gesellschaft erforscht seit ihrem Bestehen die Geschichte und Entwicklung der Drucktechnik und der schriftorientierten Medien. Die weltweit anerkannte Institution hat heute rund 700 Mitglieder in über 30 Ländern und ist ein wichtiger Repräsentant des Erbes Gutenbergs in der Welt. Die Zuwendung ist eine nachdrückliche Anerkennung der Arbeit der Gesellschaft als auch des beliebten Weltmuseums, das sich im Umbruch befindet und sich baulich wie konzeptionell neu für die Zukunft ausrichtet. Mit dieser Zuwendung kann die Gutenberg-Gesellschaft in diesem Prozess für massiven Rückenwind sorgen“, so Ebling.

Dr. Annette Ludwig: „Auch ich freue mich sehr über diese Zuwendung und danke den Mainzer Stadtwerken und allen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr herzlich. Das Gutenberg-Museum, 1900 von der Mainzer Bürgerschaft gegründet, wurde seither immer wieder durch bürgerschaftliches Engagement in Form vom Spenden oder anderen Zuwendungen, aber auch durch ehrenamtliche Arbeit unterstützt. Wir sind dankbar für die Wertschätzung unserer Arbeit für jährlich rund 160.000 Besucherinnen und Besucher aus aller Welt. Die Unterstützung der Mainzer Stadtwerke ist gerade jetzt sehr wichtig, um an der Wiege des europäischen Buchdrucks ein neues, zeitgemäßes Museum zu errichten, auf das die Welt blickt und auf das alle Mainzerinnen und Mainzer stolz sein können.“

Dr. Annette Ludwig, Direktorin,
Tel. 06131 / 12 26 40, E-Mail: gutenberg-museum@stadt.mainz.de

Martina Illner, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,
Tel. 06131 / 12 26 79, E-Mail: martina.illner@stadt.mainz.de

Mainz, den 26.08.2021
Dr. Annette Ludwig

 

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Ausstellung zu Braking News Making News und Faking News im Zeitungsmuseum in Wadgassen noch bis 31. Dezember 2021

Die Ausstellung Breaking News Making News Faking News im Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen widmet sich einem aktuellen Thema des öffentlichen Diskurses. Auch wenn der Untertitel, Von Gutenberg zu Trump. Eine medienkritische Ausstellung,  auf den ersten Blick überholt anmutet; dieser Eindruck täuscht. Die Ausstellung beleuchtet den Diskurs über die Presse aus historischer Perspektive, zeigt Kontinuitäten auf, legt aber einen besonderen Wert auf sprachliche Differenzierungen, die dabei helfen können, den aktuellen öffentlichen Diskurs über Pro und Kontra von Corona-Impfungen bis hin zu damit einhergehenden Verschwörungstheorien strukturierter zu begegnen.

Passend zu der historisch ausgerichteten Thematik gibt Dr. Harry Neß zwei Literaturempfehlungen und bespricht diese anschließend in diesem Blog-Beitrag.

1. Moritz Rauchhaus & Tobias Roth (Hrsg. u. Einf.): Feindflugblätter des Zweiten Weltkriegs. Verlag Das Kulturelle Gedächtnis. Berlin 2020. Preis: 28,00 EURO.

2. Roger Münch (Hrsg.): BREAKINGNEWSMAKINGNEWSFAKINGNEWS – Von Gutenberg zu Trump. Katalog des Deutschen Zeitungsmuseums. Wadgassen 2021. Bestellung: www.deutsches-zeitungsmuseum.de. Preis:  29,90 Euro plus 5,00 EURO Versand.

Von Flugblättern und Faking News

Das „Feindflugblatt“ ist kein Objekt von Nebenkriegsschauplätzen, sondern ist ein strategisch wichtiges Element der psychologischen Kriegsführung. Wie kaum eine andere Drucksache ist es ambivalent: Sein Besitz kann Leben retten, aber auch das Leben kosten.

Alleine 20.000 unterschiedliche Flugblätter, die im Zweiten Weltkrieg als Propaganda und als Passierscheine über feindliche Frontlinien hinweg zum Einsatz kamen, lassen sich in der Sammlung historischer Drucke der „Staatsbibliothek zu Berlin“ finden. Sie wurden meist in der Muttersprache der jeweils gegnerischen Kriegspartei verfasst, um den Feind zu motivieren, den Kampf aufzugeben. Teilweise wurden sie direkt an der Front verfasst, auf mitgeführten LKW’s und später in Eisenbahnwaggons im Hoch- oder Flachdruckverfahren gedruckt. Ihre Auflage in oft sechsstelliger Höhe wurde danach mit Verschussgeräten von Flugzeugen abgeworfen oder mit Granatwerfern über die feindlichen Stellungen hinweg gebracht.

In dem Buch „Feindflugblätter des Zeiten Weltkriegs“ wurden für eine exemplarische Sammlung 84 amerikanische, britische, deutsche, französische und sowjetische Flugblätter zusammengestellt, sorgfältig editiert und – wo nötig – übersetzt. Zu jeder Abbildung finden sich auf der Seite Angaben zu Absender und Empfänger, Abwurfdatum, Abwurfort, Abmessung, Auflage und jeweiliger Skalierung. Gegliedert ist das Werk des in Bildern gefassten Lügens und Grauens nach Themen wie beispielsweise Kapitulation, berühmte Autoren und Karikaturisten, Weiße Rose, Pin-up und Erotik, Popkultur und Antisemitismus. Ergänzt werden die ausgewählten Flugblätter von reproduzierten Schwarzweiß-Fotografien, die das Innere der Frontdruckereien, die Aktivitäten des Transports und des Abwurfs zeigen.

Um den historischen Hintergrund dieser tiefen Einblicke in die „Propagandamaschine“ zu vertiefen, sollte die Ausstellung „BREAKINGNEWSMAKINGNEWSFAKINGNEWS“ im Deutschen Zeitungsmuseum besucht bzw. der dazu gehörige Katalog in die Hand genommen werden. Er führt die Leser:innen an Beispielen und mit medienkritischen Fachaufsätzen in den geschichtlichen Entstehungskontext von Flugblättern bzw. der „Neuen Zeitungen“ ein, zum objektiven Zweck ihres Drucks beispielsweise in der frühen Neuzeit, der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges.

Ihr Erscheinen und ihre Verbreitung waren schon sehr früh von oftmals manipulativer Absicht geprägt. Das betraf den Bericht über politische und militärische Ereignisse, aber auch den über sensationelle Geschehnisse wie Naturkatastrophen, medizinischen Abnormitäten und Verbrechen. Hier herrschte auch eine Ambivalenz vor, die einer Handelsware: Allein käuferorientiert changieren die Flugblätter zwischen Unterhaltung und Information. Einer konsumorientierten Kontinuität zu der heute Aufmerksamkeit weckenden und Sensationslagen nutzenden Organe der Boulevardpresse, des Trash-TV und manchem Internetportal kann anhand der Ausstellung und des Katalogs gefolgt werden. Das museumsdidaktische kluge Konzept der über Epochengrenzen hinweg geradlinig vorgenommene Materialwahl der aufgenommenen Objekte und  ihre thematische Bearbeitung führt bis in die Gegenwart der neueren Zeitgeschichte, in der von Mediennutzern:innen kaum noch zwischen dargestellter Wirklichkeit, manipulativer Text- und Bildauswahl sowie der dahinter stehenden Wahrheit zu unterscheiden ist.

Beide Veröffentlichungen sollten zusammen gelesen werden, denn sie tragen aus unterschiedliche Perspektive dazu bei, dass der kritische und distanzierte Geist der Vernunft immer wieder fragt, wem nutzen die weitergegebenen Nachrichten und welchen Zwecken werden die dafür zum Einsatz kommenden Werkzeuge der Druck- und Medientechnik unterworfen.

 

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Das Interview mit dem letzten Schriftgießer

Transkript[1] eines rund einstündigen Interviews, das Rainer Gerstenberg in seinen Räumen im Hessischen Landesmuseum Darmstadt am 25. Oktober 2018 vermutlich dem Klingspor Museum Offenbach gegeben hat und das, am 20.5.2021 auf Youtube veröffentlicht, im Rahmen der virtuellen AEPM-Jahrestagung im Mai 2021 gezeigt wurde.

Mein Name ist Rainer Gerstenberg. Ich bin seit 1961 in den Beruf des Schriftgießers eingestiegen und habe 1964 die Gesellenprüfung abgelegt. Ich betreibe dieses Metier bis zum heutigen Zeitpunkt – also über 55 Jahre.

Wir sind hier in Darmstadt im früheren Haus für Industriekultur. Heute heißt es Hessisches Landesmuseum für Satz und Druckverfahren, Außenstelle des Landesmuseum Darmstadt.

Wie sind Sie Schriftgießer geworden?

Ich hatte versucht, Schriftsetzer zu werden, hatte bei der Brönners-Druckerei einen Test gemacht, da waren über 90 Bewerber und zehn sind genommen worden. Da bin ich durchgefallen und durch Zufall, mein Vater hatte ein Friseurgeschäft in Sachsenhausen und die Firmenmitglieder bekamen dort die Haare geschnitten, hat mein Vater gefragt, ob sie Lehrlinge aufnehmen. Da hieß es, ja, wir suchen noch Schriftgießer, und so bin ich zum Schriftgießer gekommen, ohne zu wissen, was der Beruf beinhaltet.

War es Ihnen von Anfang an klar, dass Sie etwas mit Schrift machen wollten?

Gar nichts. Total nein. Ich war überhaupt nicht mit diesem Gewerbe konfrontiert, hatte auch keine Ahnung, was auf mich zukommt. Und erst am ersten Tag habe ich gewusst, was Schriftgießer bedeutet.

Bei der D. Stempel AG fing ich 1961 an. Damals gab es noch eine Lehrlingsabteilung, das heißt also, es gab einen Lehrlingsmeister. In diesem Gewerbe des Schriftgusses gab es nie einen Meister für Schriftguss, sondern es gab nur einen Leiter, der die Lehrlingsabteilung geführt hat. Ich bin dann in diese Schriftgießerei reingekommen und habe dann erst gemerkt, dass man mit Maschinen arbeiten musste. Ich habe dann auch drei Jahre die Lehre durchgezogen. 1964 habe ich meine Gesellenprüfung abgelegt und war dann mit unter 18 Jahren Schriftgießer und habe ab diesem Zeitpunkt Akkord gearbeitet bei der Firma Stempel. Ich bin da auch Jugendvertreter geworden, bin dann Betriebsratsvorsitzender geworden im Aufsichtsrat der Firma Stempel, und habe dann 1986 die Liquidation mitgemacht bis zum Schluss.

Ich bin dann mit vier Kolleginnen und Kollegen nach Darmstadt und habe dort eine Schriftgießerei mit der damaligen Tochter der D. Stempel AG, der Haas’schen Schriftgießerei, die älteste Schriftgießerei der Welt, aufgemacht und habe mich an der Firma mit 20 Prozent beteiligt. Wir haben diese Firma bis 1997 in der Zeppelinhalle, einem Anbau an die Zeppelinhalle, durchgeführt und sind 1997 dann in das Haus für Industriekultur, das war ein Gebäude der Firma Donges, das die Museumsgesellschaft für 5,5 Millionen erworben hatte, eingezogen. Ich habe dann bis 2013 mit der Haas’schen Schriftgießerei und dann Fruttiger AG die Schriftgießerei betrieben. Und 2013 habe ich sie allein erworben und führe sie bis zum heutigen Zeitpunkt hier in dem Gebäude durch.

Das war ein anderer Frutiger als der Schriftentwerfer Adrian Frutiger, oder?

(Nickt.) Herr Adrian Frutiger mit einem t war der Schriftentwerfer. Univers war sein großer Durchbruch. Er hat es als Erster fertiggebracht am Flughafen Orly in Frankreich die Ankunftszeiten damit zu machen. Der andere Fruttiger wird mit zwei t geschrieben. Er war Vizedirektor der Haas’schen Schriftgießerei und führte die später allein weiter.

Sind Sie als Schriftgießer mit der Univers von Adrian Frutiger in Berührung gekommen?

Mit der Univers bin ich als Schriftgießer bei der D. Stempel AG und dann später auch bei der Schriftgießerei Service Gerstenberg GmbH nicht in Berührung gekommen, weil die Univers nur in der Schweiz gegossen wurde. Erst später, als das in der Schweiz aufgelöst wurde, habe ich die Univers als Matern bekommen und hab sie dann gegossen.

Wir als Schriftgießer, wir haben nur bei Neugestaltung einer Schrift wie dann die Sabon und so, mit den Schriftkünstlern zusammengearbeitet. Vorher bekamen wir nur die Matern und einen Probesatz und mussten gießen. Wir sind nicht mit Schriftgestaltern und Schriftkünstlern in Berührung gekommen, sondern wir mussten mehr oder weniger acht Stunden Akkord arbeiten und Schriften gießen. Mit dem Schriftkünstler oder mit der Schrift an sich haben wir wenig zu tun gehabt.

Wie sind Sie mit der Schriftgießerei nach Darmstadt gekommen?

Die Problematik war so: Dadurch, dass ich als Betriebsratsvorsitzender auch für die Belegschaft der Arbeitnehmer eine gewisse Verantwortung hatte, bin ich an den damaligen Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, das war der Herr Dr. Wallmann, gegangen, habe ihn angesprochen in einer Podiumsdiskussion in Sachsenhausen und habe ihn gefragt, ob ich die Schriftgießerei weiterhin in Frankfurt betreiben könnte. Da hat er mir gesagt, wir brauchen kein Museum, wo man sich die Hände dreckig macht.

Durch die Intervention von Professor Böhme, und von Walter Wilkes und der Frau Scoplis hier in Darmstadt, bin ich nach Darmstadt gekommen, weil die Firma Stempel unter dem damaligen Direktor Dr. Greisner in einer Schenkung die Maschinen an die TH Darmstadt übergeben hat. Und somit war ich gezwungen in Darmstadt zu arbeiten.

Ich hab es nicht bereut, aber mir wäre es lieber gewesen in Verbindung mit der Stadt Frankfurt und mit der Tradition, die durch die Buchmesse entstanden ist, und durch drei Schriftgießereien, die in Frankfurt ihr Dasein hatten, das war damals die D. Stempel AG als Größte, die Bauer’sche Gießerei auf der Hamburger Allee und Ludwig & Meyer in Frankfurt, und alle drei sind heute nicht mehr existent.

Es gibt jetzt nur noch eins. Hier in Darmstadt die Schriftgießerei Gerstenberg, und sie ist ja auch die einzige Schriftgießerei der Welt, die noch einzelne Bleibuchstaben herstellt.

Wir haben von der Firma Stempel einen Fundus von einer Million Matern hier im Keller liegen, das heißt also Matern, oder Schablonen, wie man sagt. Und die Haas’sche Schriftgießerei hat ungefähr drei Millionen. Da liegen ungefähr 750.000 bei mir in Frankfurt auf meinem Gelände, und der Rest ist noch in Münchenstein, in Basel deponiert.

Was sind Matern und wie werden Lettern daraus?

Aus Matern werden Buchstaben gegossen. Das heißt also, das große und kleine ABC von A bis Z sind je 26 Figuren. Dazu kommen Ziffern und Punkturen, und dann die jeweiligen Akzente, je nachdem in wessen Land ich liefere. Wenn ich in die nordischen Länder liefere, ist es das a mit Kringelchen oder des o durchstrichen, und wenn ich nach Spanien liefere, ist die Tilde obendrüber, dieser Ringel, und so muss ich zu jeder Schrift, die ich liefere ins Ausland, die jeweiligen Akzente hinzufügen. Das heißt also, ich liefere im Kern einen Normalsatz und dann den jeweiligen Zusatz für das Land, in das ich liefere.

Und der zweite Punkt ist, dass Deutschland, Frankreich und die Schweiz die normale Höhe hat, das ist die Höhe von 23,566. Wenn ich nach Italien liefere, hat jede Druckerei ihre eigene Höhe. Wenn ich nach Holland oder nach Russland liefere, habe ich 24,85 Höhe und die niedrigste ist die englische Höhe mit 23,32.

Also habe ich 1986 den Entschluss gefasst, alle Maschinen, die ich mitnehme von der D. Stempel AG als „lagerhoch“, höher als alle Schrifthöhen, zu installieren und fräse dann dementsprechend für den Kunden, den ich beliefere, auf diese Schrifthöhe. Ich deponiere also den Lagerbestand in lagerhoch und fräse bei Kommissionierung runter auf die Höhe, die der Kunde verlangt.

Wer sind heutzutage Abnehmer von Bleilettern?

Also in Deutschland sind es Firmen, die zum Teil Spiegelschriften verwenden, um dann auf Folien zu drucken, dass sie nicht weggekratzt werden können. Oder ich habe Institutionen, die gewisse Formulare damit machen.

Aber im Ausland ist es so, dass ich in Amerika und so speziell Schriften verkaufe, die nicht im Monosatz oder im Linosatz erhältlich sind.

Die Monogießer in Amerika und so gießen ein Kilo Blei für ungefähr 15 bis 18 Euro, und wer bei mir eine Schrift kauft muss zwischen 50 und 70 Euro bezahlen pro Kilo. Es ist aber auch so, ich muss jeden einzelnen Buchstaben, den ich schließe, auf Dickte, Linie, Weite, Höhe und alles kontrollieren. Wenn ich Mono gieße, habe ich auf einem Karree alle Buchstaben, die ich brauche für eine Schrift und die wird hintereinander gegossen.

Und ich muss jeden einzelnen Buchstaben gießen und kontrollieren auf Höhe. Das ist sehr sehr zeitaufwendig, und wenn man bedenkt, dass hier in der Schriftgießerei von 4 bis 72 Punkt gegossen wird und jede Schriftpunktzahl hat ihre eigene Maschine, und die müssen alle funktionsfähig sein. Und das sind Maschinen, die vor 1900 schon produziert wurden und heute noch ihre mechanische Wirkung ausüben. Es ist also kein Computer, sondern es sind mechanische Maschinen mit einem Räderwerk und sie laufen heute noch so präzise wie damals. Wenn sie gut gewartet sind.

Was passierte mit dem Schriftguss, als die Setzmaschinen Monotype und Linotype aufgekommen sind?

Es ist so gewesen: Der Schriftguss hatte bis Anfang der 70er Jahre seinen Höhepunkt. Dann kam der Offset und dann kam Linotype und dann kam Monotype. Aber es ist nicht so, dass die gekommen sind, um das alles abzulösen, sondern es war ein ganz spezieller Vorgang. Die Menschen wollten halt viel schneller ihre Zeitung lesen, sie wollten viel schneller ihre Formulare und alles, und das war im Schriftguss nicht möglich.

Als ich 61 angefangen habe, den Schriftgießerberuf zu erlernen, haben die Flugzeuge sogar auf Rhein-Main gewartet, dass die D. Stempel AG die Schriften per Kisten nach Südamerika geschafft haben oder in den Iran und alles, das wäre heute nicht mehr möglich. Und dieser Zeitdruck und alles hatte es bewirkt, dass die Linotype und Monotype ihren Aufschwung erlebt haben.

Der Unterschied zwischen unserem Schriftguss, dem traditionellen, und der Linotype und Monotype ist: Linotype wurde in Zeilen gegossen und: das Material war weicher. Das heißt also eine Bleilegierung besteht aus Blei, das ist die Masse, Antimon ist, dass der Buchstabe eine gewisse Härte bekommt und Zinn ist, dass alles ausgegossen wird auf diesen Buchstaben. Das heißt also, wenn ich eine Künstlerschreibschrift gieße mit ihren feinen Haarstrichen, brauche ich mehr Zinn. Wenn ich eine Helvetica oder eine breitmagere Helvetica gieße, brauche ich mehr Antimon, weil da der Buchstabe mehr Druck aushalten muss.

Und die Frage, die unsere Zuschauer hier im Museum immer wieder stellen: wie viel kann man eigentlich mit diesem Buchstaben drucken? Das Problem beinhaltet ja die Frage, wie gehe ich mit dem Buchstaben um. Wenn ich heute gleich richtig Druck auf einem Heidelberger Tiegel nehme oder eine andere Maschine, dann ist es so, dass ich den Buchstaben gleich voll belaste. Früher haben die Buchdrucker versucht, den Offsetdruckern gleich zu kommen und haben ganz langsam angefangen immer mehr Druck zu geben und dann gedruckt. Aber in der heutigen Zeit, wo keiner mehr Zeit hat, wird gleich drauf gepowert und die Leute, wenn die heute Buchdruck haben wollen, wollen sie Visitenkarten haben, die hinten noch ein bisschen geprägt sind, dass man sieht, dass es Buchdruck ist. Dem Buchdrucker früher wären die Nackenhaare hochgegangen, der hätte gesagt, das mache ich nicht. Aber die heutige Zeit beinhaltet das.

Und Monotype ist halt so, dass es auch einzelne Buchstaben sind, die gegossen werden, aber es ist noch weicheres Material. Wenn ich heute auf den traditionellen Schriftguss hindeute, dann ist es so, dass ich einen anderen Kolbenschlag brauche, wenn ich einen Punkt gieße oder einen Versal-i oder ein gemeines i oder ein m oder ein ei in schönen dicken Buchstaben.

Im Monosatz muss der Kolben so weich und so flach sein, dass er immer mit dem Kolbenschlag einen Punkt gießen kann, ein i gießen kann oder auch ein m oder ein ei und darum muss das Material weicher sein. Es kann einfach die Härte nicht haben und somit können die Buchstaben auch nicht so lange halten wie im traditionellen Schriftguss.

Aber Monotype war ja auch gemacht für den Zeitungsdruck oder andere Sachen, die schnelllebig waren, dann hat man das wieder eingeschmolzen.

Was passiert mit den überflüssigen Buchstaben?

Normalerweise ist dieser Schriftguss der Vorreiter vom Recyclingverfahren. Ich brauch beim Zurichten mehrere Schriftbuchstaben, bis ich dann den richtigen Buchstaben habe, um den dann mehr zu gießen. Aber alles andere wird wieder eingeschmolzen und wieder auf Legierung gebracht.

Und ich gebe das in die Schmelze oder Hütte und dort bekomme ich dann die jeweilige Legierung, die ich dann will.

Früher hatte die D. Stempel AG in Frankfurt Sachsenhausen im Keller riesen Kessel gehabt und haben umgeschmolzen. Aber das ist heute nicht mehr möglich, bei den Umweltbestimmungen, die hier herrschen.

Wie oft kann man mit den gleichen Bleilettern drucken?

Ja ,es ist so. Wenn hier Besucher oder Gruppen durchgehen, es sind nicht nur Studenten, es sind auch alte Schriftsetzer und Drucker, die in ihrem Leben früher ihren Arbeitsbereich gekannt haben, aber nie in eine Schriftgießerei reingesehen haben, sie sind überrascht, dass hier mehr oder weniger 20, 30 und hier jetzt über 40 Maschinen voll funktionsfähig sind, damit man den Schriftguss machen kann.

Wir haben ja ein Punktsystem. Das Punktsystem bedeutet, dass ein Punkt 0,376 Millimeter ist, das heißt also bei 12 Punkt hat man 4,51 Millimeter, und die Leute fragen immer wieder, wie lange hält eigentlich ein Buchstabe, den sie jetzt aus der Gießmaschine rausholen.

Das ist aber hypothetisch, weil ich nie sagen kann, wie der Setzer oder der Drucker mit den Buchstaben umgeht. Und darum sage ich immer wieder, das kommt immer auf die jeweilige Person an, die den Buchstaben weiterbearbeitet.

Welche Lettern und Typen stellen Sie her?

Diese Schriftgießerei beinhaltet den Hochdruck, also den Buchdruck. Das bedeutet, wir produzieren hier – von 4 bis 52 Punkt – Buchstaben für diesen Bereich. Wir haben ungefähr eine Million Matern oder Schablonen, aus denen wir gießen.

Der zweite Bereich, den wir haben, ist der Etikettierdruck. Das sind Buchstaben mit kleinen T-Füßchen, die auch heute noch benutzt und benötigt werden. Zum Teil für Leute, die das Verfallsdatum auf Gewürz- oder Samentüten drucken. Die werden noch mit diesen Buchstaben produziert.

Der dritte Bereich, den wir haben, ist der Prägetypenbereich. Das ist der Bereich von 6 bis 36 Punkt für Prägetypen. Dort wird nicht Blei mit 360° oder 380° vergossen, sondern Aluminium mit 430° Grad. Blei kann sich nur bis 90° erwärmen, dann werden die Konturen schwach. Aber wenn ich Aluminium habe, kann ich das bis 150 Grad erwärmen und kann Foliendruck und so machen.

Oder ich mache Bücherrücken mit Leinenkarton, die kann ich mit Prägetypen bedrucken und wenn gewisse Leute das dann hochqualifiziert haben wollen, dann nehmen sie also diese Buchstaben und lassen sie gravieren in Messing oder in Stahl.

Aber diese drei Bereiche beinhaltet diese Schriftgießerei, die ungefähr 40 voll komplett funktionstüchtige Maschinen hat.

Sie arbeiten hier zu zweit?

Ich bin allein. Meine Tochter kommissioniert. Meine Tochter setzt die Buchstaben, die ich produziere, ein, und wenn ein Kunde das verlangt, werden sie wieder ausgepackt. Dann werden sie an der Höhenfräsmaschine, die ich habe, auf die Höhe gefräst, die der Kunde verlangt, und werden wieder eingesetzt.

Ich habe letztes Jahr im November in Essen eine Universität komplett eingerichtet in Bleisatz. Da ist der Professor De Jong jetzt zuständig. Die haben alles Alte rausgeschmissen, haben das jetzt neu gemacht. Er hat mir gesagt, er hat ungefähr so 10, 12 Arbeitsplätze für Studenten, aber er hat gesagt, wenn die Räumlichkeiten stimmen würden, könnte er das Doppelte gebrauchen, weil s die Nachfrage der Studenten, die mit dem Bleisatz arbeiten wollen, so groß ist. Also, das ist schon wieder da.

Oder vor einem halben Jahr in der Vollzugsanstalt in Moabit Berlin, die haben Bleisatz zum Prägen und zum Bleisatz. Also eine gewisse Rückbesinnung ist schon da.

Wir hatten selbst hier in den Räumlichkeiten, als der Umbau vom Landesmuseum stattgefunden hat, sehr viele Kinder, die hier unterrichtet wurden. Die haben mit Bleibuchstaben, Hygiene­bestimmungen wurden eingehalten, Finger waschen, nichts essen, während sie arbeiten, wenn die gekommen sind, konnte ich hier nicht telefonieren. Da war so ein Krach da vorn, aber wenn die ihre Buchstaben zusammengesetzt haben, war so eine himmlische Ruhe. Das war so toll, wie die das gemacht haben.

Dasselbe ist: in Stuttgart gibt es eine Behindertenwerkstatt. Da werden am Wochenende Behinderte hergebracht aus dem Stuttgarter Raum. Ich habe Bilder von diesen Gruppen, die waren hier, und ich hab sie auch besucht. Die haben so viele positive Feelings bekommen, das ist Wahnsinn. Dieses Arbeiten mit Bleisatz, wenn sie dann ihren Spiegel drangehalten haben, was sie gesetzt haben, und haben das dann gedruckt. Die haben so viel Positives aus diesem Bleisatz rausgezogen. Und das macht einem dann wieder richtig Freude.

Wie erleben Sie den Bleisatz in der heutigen Zeit?

Japan ja, wenn man dann die Resonanz dort hört, dass Alt und Neu ganz normal nebeneinander arbeiten ohne in Konkurrenzkampf zu treten, und dass diese alten Gewerbe, der „letzte seines Standes“, hochgehalten wird, und nicht sozusagen als Schuhabtreter genommen wird.

Hier in Deutschland ist man nicht einmal bereit, diese alten Berufe hochzuhalten. Sondern man wacht man immer erst auf, wenn alles weg ist, und dann will man das wieder neu beleben. Das ist etwas was ein Riesenfehler ist hier.

Und wenn man jetzt sieht, wir haben jetzt das Gutenberg Museum in Mainz, und wenn man jetzt hier diese Räumlichkeit sieht, nicht nur hier, sondern unten auch alles, dieses Haus braucht sich hinter dem Gutenberg Museum nicht zu verstecken. Aber wenn ich heute nach Deutschland komme, ob ich der Herr Bush bin oder wer auch sonst, der kommt nach Mainz, der geht ins Gutenberg Museum. Weil die Tradition und alles.

Ich war Anfang des Jahres in Straßburg, da haben die ihr Gutenberg-Fest gehabt, und wenn man dann diese Resonanz sieht, wie dort mit Gutenberg umgegangen wird, da muss man den Hut ziehen. Da gibt es wirklich andere Städte wie Frankfurt, die so viele Museen haben und haben das nicht mal fertiggebracht, eine Schriftgießerei dort zu erhalten.

Wie kann man ihre Gießerei besuchen?

Also normalerweise in den Öffnungszeiten hier im Museum. Am Dienstag zwischen 10 und 12 ist das komplette Haus offen oder donnerstags von 15 bis 17 Uhr oder freitags von 10 bis 12. Da ist das komplette Haus offen.

Aber hier in diesen Räumlichkeiten bin ich täglich von 6 bis 12 Uhr. Und wenn einer kommen will, kann er kommen. Aber meistens sind es die öffentlichen Zeiten, denn die Person die dann kommt, kann dann das komplette Haus, nicht nur die Schriftgießerei, begutachten. Auch den Handsatz, den Monosatz, den Linosatz und die ganzen Druckmaschinen.

Wie ist es mit Gruppen oder Studierenden, die zu Besuch kommen möchten?

Wenn sie sich für die Schriftgießerei interessieren wird es meistens so gemacht, dass sie donnerstags kommen, so um 9 Uhr hier antanzen, um die Schriftgießerei zu besichtigen und über die Situation des Schriftgusses informiert werden. Und dann mittags um 15 Uhr wird das gesamte Haus besichtigt. Das ist so der Ablauf für die Studenten oder Designer, die das Haus besuchen.

Es gibt auch welche, die sich dann am Samstag anmelden und das geht alles. Das ist alles eine persönliche Sache.

Was wird aus dem Material und den Räumen, wenn Sie sich nicht mehr damit beschäftigen?

Also der Teil, der dem Museum gehört, das ist der kleinste Teil. Der wird stehen bleiben und das andere muss ich halt sozusagen vernichten oder liquidieren. Ich bin hier nur eingemietet und habe nur den Mietvertrag, so lange ich hier tätig bin. Wenn nicht, muss ich den Raum dann wieder besenrein verlassen. So hat man mir es gesagt seitens des Museums.

Das ist die Problematik. Und das ist das, was ich im Vorfeld schon gesagt habe: das wird alles erst richtig gewürdigt in dem Augenblick, wo es nicht mehr da ist. Wenn man bedenkt, diese Schriften, diese alten Schriften von Klingspor – das ist ja so gewesen, dass die Firma Stempel 18hundert soundsoviel bei Gründung eine Ausschlussgießerei war. Das heißt also nur nichtdruckendes Material produziert hat. Nur durch die Aufkäufe vieler Schriftgießereien, der Kernpunkt war Klingspor, haben sie sich zu ihrem Weltruhm hochgearbeitet. Und das war ein stetiger Prozess.

Dasselbe war die Haas’sche Schriftgießerei, die auch Aufkäufe von über 20 Schriftgießereien weltweit erworben hat. Zum Teil, weil die Schriftgießereien in ihrer Existenz bedroht waren, dass sie Pleite gingen oder aufgekauft wurden. Es ist so, wie heute beim Bankensystem. Es wird immer alles zentralisiert, und so ist es in den Schriftgießereien auch gewesen. Früher hat eine Druckerei eine Schriftgießerei angegliedert gehabt, und dann haben die Schriftgießereien sich selbständig gemacht und eigene Kreationen gemacht. Jede Schriftgießerei hat ja ihren Stab von Schriftkünstlern gehabt. Die Firma Stempel den Herrn Zapf und seine Frau, und die haben dann diese Schriften für die Firmen erarbeitet. Und dann haben sie ihre Lizenzen davon bekommen und konnten nicht schlecht davon leben.

Wie international war der Bleisatz?

Wenn man überlegt, dass die Firma Stempel nicht nur Arabisch, sondern Persisch und die ganzen Sprachen aus Bangladesch und so, diese ganzen Slangs von Schriften, alles an Matern gehabt hat. Oder Hieroglyphen, das ist alles in Matern da gewesen, und alles musste erst mal erstellt werden. Das ist schon Wahnsinn.

Und heute versucht man, schon wieder das alles zu zentralisieren. Auch diese griechischen Schriften, wenn man sieht, was da für Akzente und Zusätze oben drauf waren und heute versucht man das alles zu minimieren und in einen gewissen Rahmen zu bringen. Früher wurde das richtig ausgeweitet, ist blumig groß geworden.

Ich habe letztens, ich habe es hier noch stehen, für Japan, japanisch gegossen. Die gießen ja auch in Japan noch, aber die haben ein Gutes, sie gießen alles auf dem Quadrat. Die richten nicht zu die Dickte nach dem i und dem m und dem w, sondern die haben ihre Schriften komplett auf dem Quadrat. Und wenn man diese Gießereien und Druckereien in Japan sieht, kriegt man schon von den Bildern Platzangst. Da haben wir hier einen üppigen Raum gegenüber Japan. Das ist Wahnsinn.

Ich habe jetzt erst vor Kurzem wieder nach Japan geliefert, aber Bleischriften. Die drucken auch mit unseren Bleischriften. Global ist das ja kein Problem mehr.

Was sehen wir hinter Ihnen?

Hinter mir, das ist alles die Künstlerschreibschrift in normal und in halbfett. Die Künstlerschreibschrift wurde erst gegossen und dann wurde sie mit der Hand nachgeschnitten. Das haben meistens die Frauen gemacht, dass die Männer alle noch die Finger hatten. Das war eine sehr aufwendige Arbeit und sehr diffizil. Da hat schon mancher Finger dran glauben müssen.

Das heißt also auch in der heutigen Zeit, wenn wir Buchstaben gießen, die sehr weitläufig sind wie ein w oder ein v oder ein t und ich muss die nächsten Buchstaben dran setzen, muss der über den Körper des Buchstabens hinaus unterschnitten werden. Das heißt also, es wird weggehobelt, dass der nächste Buchstaben näher dran kann. Das muss man heute alles noch mit Handarbeit machen.

Das gibt es also bei der Mono nicht. Die hat dann diese Abstände größer. Das ist im Schriftguss wieder das Plus, das wir haben. Dafür ist es aber mehr Arbeit.

Wie verhält es sich mit Künstlerschreibschriften im Bleisatz?

Das müssen sie alles hier im Vorfeld im Bleisatz machen, und es muss haargenau sitzen. Man hat ja versucht so identisch wie möglich die Schreibschrift nachzumachen, als würde sie mit der Hand geschrieben. Die Franzosen hatten die calligraphe noir. Stempel, hatte dann die Künstlerschreibschrift, die auch eine Schrift von Klingspor ist.

Wenn man sieht, Wilhem Klingspor und die ganzen Schriften, die Klingspor rausgebracht hat, die heute auch in Amerika wieder gefragt sind.

Wie war das mit dem Unterschneiden im Bleisatz, wenn man Buchstaben ganz eng setzen wollte?

Wenn Sie diese gebrauchten Schriften manchmal sehen – oder ich habe damals die komplette Setzerei der TH Darmstadt gekauft, und wenn man gesehen hat, wie die Studenten die Buchstaben bearbeitet haben. Und sie haben dann in den Kasten vom W oder vom V oder vom F oder vom T gepackt, und dann haben Sie die Buchstaben gesehen und wollten ein F rausholen, das war ganz abgefräst und manchmal mit der Feile bearbeitet, um dann so nah wie möglich den nächsten Buchstaben anzusetzen.

Das ist sehr schön, wenn dann ein Kunde wie jetzt aus Österreich, der sagt mir, ich brauche die aber 20 Hundertstel mehr unterschnitten und so, das ist hier alles möglich. Aber im Mono ist das nicht möglich. Sie kriegen dann einfach nur die Schrift, die aus der Mono rauskommt. Mehr kann man nicht machen.

Wie war das für Sie als Bleigießer, als sich der Fotosatz verbreitet hat?

Tja, 61 bis 64, das war noch Blütezeit vom Bleisatz. Das habe ich schon vorher erzählt, wie die Flugzeuge sogar gewartet haben nach Südamerika, um Blei auszuliefern.

Aber dann zwischen 70 und 80, da haben wir das verspürt in den Schriftgießereien, dass der Bleisatz zurückgegangen ist. Auch die Belegschaft wurde dann mehr oder weniger reduziert. Es wurde dann Ende der 70er schon nicht mehr ausgebildet zum Schriftgießer und dann ist es mehr oder weniger rückläufig gewesen.

Die Situation von der D. Stempel AG war durch die Überalterung der Belegschaft schwierig. Ich war ja damals der jüngste Schriftgießer zum Zeitpunkt der Liquidation, so dass es firmenmäßig, so brutal es klingt, man durfte es als Gewerkschafter und Betriebsratsvorsitzender gar nicht sagen, aber es war ein Schritt in die richtige Richtung von den Arbeitgebern her gesehen. Aber die Firma war kerngesund, und zu diesem Zeitpunkt war es ja auch nicht möglich eine Künstlerschreibschrift im Fotosatz zu machen, weil dann diese Treppen immer drin waren, wenn man diese Rundung gemacht hat.

Und dann, als das alles überwunden war, war es halt vorbei mit dem Bleisatz. Und dann ist es richtig zusammengebrochen.

Durch den Zusammenschluss mit der Haas’schen Schriftgießerei hatten wir dann auch Zugriff auf den italienischen, Schweizer Raum und haben dann Ende der 90er Jahre die größte Schriftgießerei Italiens aufgekauft, Herr Fruttiger und ich. Er hat’s bezahlt und ich hab’s gemacht.

Ich habe dann die kompletten Schriftgussmaschinen aus Italien nach Deutschland geholt. Der größte Teil ist vernichtet worden, aber der Maternbestand ist dann hier. Und diese Schriften sind ja überhaupt nicht auf dem europäischen, deutschen, französischen und Schweizer Markt gewesen.

Die Futura war ja von Bauer, Stempel hat die Helvetica gehabt und Nebiolo hatte die Forma gehabt. Das heißt also, jede Schriftgießerei hatte ihre Brotschrift, mit der sie Geld verdient haben, und alles andere war Zubrot.

Die Firma Stempel hatte ja noch versucht, die Reißleine zu ziehen und wollte dann nochmal mit der Sabon in das Marktgeschehen eingreifen. Aber es war schon zu spät, das hat nicht mehr gefruchtet.

Wir reden heute nicht mehr vom Fotosatz, dafür ist der Bleisatz noch präsent, oder?

Ja nun, Bleibuchstaben werden ja auch als exotisch behandelt. Wenn ich irgendwo hinkomme: was sind Sie von Beruf gewesen und ich sage Schriftgießer, dann sagt die Masse, was ist denn das? Die können sich da gar nichts mehr darunter vorstellen. Das ist schade, aber es ist so.

Was ist die Geschichte dieses Gebäudes?

Dieses Museum wurde 1986 von Initiatoren, das heißt also von dem Kanzler der TH, Professor Wilkes, dem Herrn Bach vom Darmstädter Echo und zwei Banken hier in Darmstadt installiert. Es ist dann in den 90er Jahren mit 2,7 Millionen in die Miesen gegangen und die damalige Kultusministerin, die Frau Ruth Wagner, hatte es fertiggebracht, dass dieses Museum nicht pleiteging, sondern es wurde dem Landesmuseum Darmstadt als Außenstelle, man muss sagen als nicht geliebte Außenstelle, zugeschustert. Und es steht bis heute. Aber sie kämpft im Moment schon wieder dafür, dass es weiter existiert. Muss man sagen, auch im hohen Altern noch. Die geht ja auch auf die 80 zu.

Wissen die Menschen noch, was Bleigießen ist?

Sie wissen schon, was Bleigießen ist, aber nur an Neujahr, wenn dann Blei gegossen, wird, aber nicht um die Buchstaben herzustellen. Ich gieße nicht mit dem Löffel, sondern stelle die Bleibuchstaben maschinell her. Und ich mache das mit Komplettgießmaschinen.

Komplettgießmaschinen bedeutet, dass diese Maschinen die Buchstaben so herstellen, dass sie druckfähig sind, bis auf die Höhe.

Kommt man heute noch an neue Bleilettern?

Das Problem wird erst auftreten, in dem Augenblick, in dem es keine Schriftgießerei Gerstenberg mehr gibt, denn es gibt keinen Nachschub. Wenn Sie heute auf dem freien Markt Schriften erwerben, die sagen wir mal von Auflösungen von Druckereien oder privaten Sammlungen kommen, kommt dann immer wieder die Frage: ja, ich habe aber kein e. Das e ist ja einer der meist gefragten Buchstaben im Satz in Deutschland und was mache ich dann?

Die Problematik ist, dass derjenige dann nicht mehr weiter machen kann, wenn ihm so einzelne Kronjuwelen aus den Schriften fehlen. Und so lange jetzt hier noch eine Schriftgießerei da ist, die nachgießen kann, ist es kein Problem. Aber dann wird das mehr oder weniger eingestampft und dann wird es so passieren, wie es früher war. Da werden große Container geholt und der Rest wird alles reingeschmissen und damit ist es weg. Aber solange noch es Nachschub gibt, fragt ja keiner danach. Es ist ja ok und das ist die Problematik an diesem Beruf, dass er erst richtig anerkannt wird, wenn er nicht mehr existent ist.

Gibt es in unterschiedlichen Ländern bestimmte Vorlieben bei den Schriften?

Ja, früher war es halt so: man konnte gewisse Schriften einem Land zuordnen. Wenn man die Millio nimmt, die war eine englische, die Optima war mehr Österreich und das ist heute nicht mehr so der Fall. Durch die Vielfalt der Schriften im Digitalen und dem Fotobereich gibt es ein Wirrwarr von Schriftformen, und wenn man heute sieht, dass man Visitenkarten bekommt, auf denen Schriften drauf sind, die ein Schriftsetzer nie miteinander kombiniert hätte – dem würden sich die Nackenhaare hoch stehen, wenn er diese Visitenkarten sieht.

Früher ist es ja so gewesen, wenn der Schriftsetzer etwas gesetzt hat, musste er sich vorher Gedanken machen, was er setzt. Wenn das nicht der Fall war, dass es druckfähig war, musste er es wieder in den Kasten einsetzen und musste neu setzen. Wenn ich heute am Computer bin, dann drücke ich die Taste und dann mache ich eine Halbfette oder eine Kursiv draus und das ist halt beim Schriftsetzer nicht möglich gewesen. Er musste den Hirnkasten vorher einsetzen und musste überlegen, wie er vorgeht.

Wenn ich heute unsere Ehrenamtlichen sehe, wir haben hier in Darmstadt über 20 ehrenamtliche Mitarbeiter, und wenn dann noch alte Schriftsetzer dabei sind und die jetzt gerade um die Weihnachtszeit die Weihnachtsdekoration machen, sehe ich, wie kreativ die sind. Dann muss ich sagen, dann sehe ich manche Werbung, die um die Weihnachtszeit ist, mit ganz anderen Augen. Die Kreativität von den Schriftsetzern früher war traumhaft. Die haben sich Gedanken gemacht, wie kann ich das am besten aufs Papier bringen. Die haben im Vorfeld schon gesehen, was sie machen wollen. Wie ein Architekt oder einer, der einen Garten anlegt. Der sagt, ich will das so und so haben und wenn ich fertig bin, muss es so und so aussehen. Und so war das auch bei den Schriftsetzern.

Wie stellen Sie die Bleilettern her?

Wenn ich jetzt Buchstaben herstelle, das heißt also der Kunde verlangt jetzt eine Schrift, dann muss ich ins Lager gehen und muss die jeweiligen Matern und Schablonen heraussuchen. Und dann muss ich eine Maschine, die die Punktzahl beinhaltet, die der Kunde verlangt, anwärmen. Das heißt also, ich muss das Blei auf 360, 380 Grad erhitzen und muss die Maschine einstellen. Das heißt also, die Mater wird in die Maschine eingespannt, und als erstes stelle ich die Dickte des zu gießenden Buchstabens in der Maschine ein, spanne die Mater ein, die wird dann arretiert mit einem Stift, der mit einer Feder versehen ist und die Mater an das Instrument drückt. Und dann muss ich nach der Dickte die Weite einstellen, das heißt also, den Buchstaben rechts und links in die Mitte der Dickte stellen. Zum Schluss wird dann die Linie eingestellt, das heißt also die Schriftlinie, die vorher schon angegeben ist. Bei der Schrift gieße ich zuerst das m und dann das Versal h, die kleinen Buchstaben richte ich unten alle nach dem m zu, und die Großbuchstaben nach dem h. Rundungen lasse ich immer etwas weiter nach unten rausgucken, weil die beim Druck „knäppern“, ich sach etwas nach oben zu sehen sind. Und wenn ich dann fertig bin, hab den Buchstaben alles richtig gemacht und der durch die Maschine gelaufen ist, und von allen Seiten mit den Messern beschnitten ist, darum heißt es auch Komplettgießmaschine, nehme ich die Buchstaben und setze sie auf Winkelhaken und die werden dann in ein Setzschiff eingelegt und werden eingepackt.

Wenn der Kunde dann kommt und eine Bestellung speziell für diese Schrift macht, wird es wieder ausgepackt, wird es auf die Höhe des Kunden gefräst und kommissioniert.

Wie gehen Sie bei der Künstlerschreibschrift vor?

Die gieße ich genauso, aber die wird mit Züge gegossen. Das heißt also, alles was überhängt, wird unterbaut mit Zügen, damit die nicht abbrechen, wenn der Druck draufkommt. Das ist sehr problematisch. Wir müssen das dann abknipsen, müssen feilen, müssen sehen, dass das im m läuft und dass es nach oben und unten stimmt. Weil wenn ich das näher mache, rutscht der Buchstabe hoch, also muss ich sehen, dass das alles stimmt und dann wird es mit der Hand geschnitten. Das ist eine sehr aufwändige Sache. Diese Künstlerschreibschrift hat ja früher in den Tresoren vom Setzermeister gelegen, und nur der beste Setzer durfte mit dieser Schrift umgehen.

Es hat mich letzte Woche ein Kunde angerufen aus Flensburg: „Ja ich bin jetzt über 70, und wenn ich meinen Setzkasten heraushebt, dann tut ihm der Rücken so weh, der ist so schwer. Ich hab von 12 bis 48 Punkt Künstlerschreibschrift. Die habe ich nur einmal benutzt. Können Sie die gebrauchen?“. Ich hab gesagt, ich hab so viel hier davon, ich verkaufe die sogar.

Können Sie uns etwas über Ihr Archiv erzählen?

Ja, also im Keller, im Keller ist … – es war also so: 1986 als die D. Stempel AG aufgelöst wurde, wurde auch im Zuge der Schenkung der komplette Schriftsatz an Matern nach Darmstadt transferiert. Und da es keine Räumlichkeiten gab, sind die in die TH Darmstadt gekommen und sind in dem Keller der Technischen Hochschule Darmstadt von zwei Studenten archiviert worden.

Im Zuge des Umzugs 1997 in die Kirschenallee 88, im damaligen Haus für Industriekultur, wurden die Matern von der TH Darmstadt in das Haus für Industriekultur transportiert, aber nicht einsortiert. Und dann haben sich zwei Herren, der Herr Zimmermann und noch ein Kollege, bereit erklärt, die Archivierung zu machen und auf dem digitalen Weg in den Computer einzugeben.

Wir haben jetzt im Keller hier eine Million Matern liegen und auch einen riesen Satz an Schablonen. Zu den Matern ist es so, dass zu jeder Schrift, die wir im Keller haben, ein Probesatz vorrätig sein muss, dass der Schriftgießer, wenn er diese Schrift gießt, die Buchstaben genau auf Linie, Weite und Höhe bringt. Und bei den Schriften bis 20 Punkt ist eine Dicktentabelle vorhanden. Und ab 20 Punkt muss der Schriftgießer die Buchstaben ausmessen.

Wir haben nicht nur die Schriften von Stempel, sondern auch von den Schriftgießereien Klingspor und noch anderen Schriftgießereien hier eingelagert und können jederzeit auf diese Matern zurückgreifen.

Was befindet sich noch in diesem Gebäude?

Ein Stock tiefer ist nur Lagerhaltung. Im ersten Stock dieses Hauses ist die komplette Handsetzerei der D. Stempel AG, die ja auch bekannt war durch die Trajanuspressen, die Stempel betrieben hat. Die komplette Handsetzerei beinhaltet nicht nur den Handsatz, sondern es sind auch sehr viele orientalische Schriften dort vorhanden. Es ist eine der komplettesten Sammlungen, die es in der Bundesrepublik Deutschland gibt. Dazu kamen dann noch von dem Darmstädter Echo alle Bleisetzsachen, die das Darmstädter Echo gehabt hat. Also wir haben hier einen Fundus, der einmalig in Europa ist. Das alles ist im ersten Stock.

Dazu kommt noch eine Sammlung von Linotypemaschinen, das heißt also die kompletteste Sammlung, die es in Europa oder der Welt gibt an Linotypemaschinen.

Wir haben eine Ludlow noch dazu unten und haben einen Vorführraum für eine Monogießmaschine.

Gleichzeitig haben wir noch alte Druckmaschinen voll funktionsfähig, die werden auch in den Öffnungszeiten hier vorgeführt von ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Wer sind die Menschen, die bei Ihnen Schriften kaufen?

Also vor Jahren war es ja so, dass es in Deutschland so eine kleine Rückbesinnung an Druckereien gab. So als Beispiel die Druckerei Garagendruck München oder so, das ist heute nicht mehr so der Fall. Mehr sind es noch diese ganz alten Kollegen, die dann, wenn sie den Beruf aufgegeben haben, ob sie jetzt Drucker oder Setzer waren, es dann weiterführen und hier im Bleisatz noch tätig werden.

In Amerika ist es natürlich anders. In Amerika ist eine gewisse Rückbesinnung da. Die Leute wollen wieder was in der Hand haben und wollen nicht auf dem Computer rumdrücken, sondern die wollen wirklich mit Hände Arbeit ein Produkt herstellen, von dem sie sagen, das habe ich entworfen, das ist vom Entwurf bis zur Fertigstellung auf dem Papier das, was ich mir vorgestellt habe, und das habe ich im Bleisatz gedruckt. Und dieser Prozentsatz wird größer.

Ich habe sogar jetzt in Japan Leute, eine junge Frau oder ältere, ich weiß es meistens nicht, die in Bleisatz macht.

In Finnland vor Jahren hat ein Mann jetzt eine Buchdruckerei, die einzige in Finnland eingerichtet und die läuft ganz großartig. Der ist so happy. Sogar nach Norwegen habe ich jetzt geliefert. Das heißt also überall fängt irgendeiner an mit Buchdruck, und vielleicht kommt es ganz groß raus. Aber da werde ich nicht mehr da sein.

Leider. Es macht viel Spaß. Sonst würde ich diesen Beruf nicht ausüben. Es ist kein Beruf mehr, das ist eine Berufung. Ich habe ja auch eine Verantwortung gegenüber den Leuten, die jetzt Blei hier bestellen, dass sie auch nachgeliefert bekommen.

Wie werden die Formen (Matrizen) für das Gießen hergestellt?

Die wurden früher auf galvanischem Weg gemacht. Es ist also ein Zeugschnitt. Aus einem Bleiklotz hat er dann einen Rußabdruck da drauf gemacht, der Schriftschneider, und dann hat er das mit Hand alles weggekratzt. Dann wurde dieser Buchstabe über 24 Stunden in ein Nickelbad gelegt und dann hat sich ein Nickelauge angesetzt über 24 Stunden um den Buchstaben rum und das wurde in eine Mater eingearbeitet.

(Steht auf und holt eine Mater). Das ist das Nickelauge, und das wurde hier eingearbeitet. Da vorne ist eine Schautafel, das können sie dann auch mal aufnehmen.

Und später ist es dann so gemacht worden, dann ist es graviert worden. Und heute wird es mit Computer gemacht.

Und das wichtige ist dabei, dass diese Linien hier nach unten konisch ablaufen. Weil von hier wird der Buchstabe eingespritzt in die Form, und er muss sich dann auch wieder lösen, wenn die Mater weggeht von dem Instrument. Also muss der konisch sein, der darf nicht steil sein, sonst würde es ist ja nicht aus der Form lösen.

Gutenberg hat es halt anders gemacht. Gutenberg hat einen Stahlstempel gehabt und hat dann in Kupfer das eingeschlagen. Er hat dann mit dem Löffel gegossen und dann wurde der Buchstabe nicht gefräst wie hier, sondern er wurde mit dem Hobel auf Höhe gebracht. Also es war eine unwahrscheinliche Handarbeit. Er hat nicht nur gegossen, sondern hat ja dann noch gefeilt. Wenn man dann die Bibelschrift sieht und wie das alles produziert wurde, es war eine zeitaufwändige Sache und sehr viel Handarbeit. Aber damals war die Zeit ja noch bezahlbar. Heute ist sie ja nicht mehr bezahlbar. Oder es gibt nicht mehr die Leute, die dann so arbeiten wollten. Weil die Computerarbeit ja leichter ist, theoretisch.

Allerdings arbeiten inzwischen die meisten am Computer.

Das ist nicht von der Hand zu weisen. Das muss auch so sein. Es könnte ja gar nicht anders gehen heute. Ich kann doch nicht sagen,es muss jeder jetzt noch Buchstaben haben. Das ist das, was ich vorhin gesagt habe: was ich unwahrscheinlich gut in den asiatischen Ländern finde, dass man das Traditionelle und das Moderne gleichstellt und nicht in Konkurrenz zueinander. Das ist es, was hier in Europa fehlt.

Und, was ein großes Manko ist, dass die Museen, von Klingspor- bis Gutenbergmuseum oder Landesmuseum, in Konkurrenzkampf sind und nicht an einem Strang ziehen. Und wenn diese Museen bereit gewesen wären, vor Jahren, dann hätte ich auch ausgebildet. Ich habe immer gesagt, ich bilde jemand aus, kostenlos, aber die Museen in Deutschland und vielleicht im Ausland, müssten bereit sein, der Person einen Salär zu bezahlen, wenn er ausgelernt hat. Nicht, dass diese Person vors Arbeitsamt dann auf die Straße geht. Und die hätten dann einen Nachfolger gehabt, der den Schriftguss weitergibt und sie hätten alle profitiert. Jederzeit.

Darum bin ich auch jetzt bereit, in Leipzig bei der Frau Dr. Richter der Schriftgießer… Das heißt also, nur mal wieder ausholen: In der ehemaligen DDR gab es ja keinen Schriftguss wie in der Bundesrepublik Deutschland, sondern es gab Kombinate. Wenn die Schrift gegossen haben, ist es den Druckereien zugewiesen worden. Die haben eine Schrift gegossen, so und so viele tausend Tonnen, und haben die dann den Druckereien zugewiesen. Die konnten nicht sagen, ich will eine Garamond oder Helvetica haben, sondern die haben das bekommen, was da war.

Und der Schriftgießer, der in Leipzig war, als ich dort besucht habe, da war auch der Herr Zapf grade dort, der hat gesagt, ich kann doch keine Schrift gießen. Das hat mir einer eingerichtet und ich hab die rauslaufen lassen. Der hatte dann aufgehört und dann hat die Frau Dr. Richter einen Mechaniker herangezogen, der das gemacht hat.

Und sie hat mir jetzt auf der Buchmesse, wo wir uns verabredet hatten, hat sie mir gesagt, er möchte nochmal durchstarten. Er will jetzt einen anderen Beruf erlernen. Jetzt steht sie wieder vor verschlossenen Türen, hat keinen Schriftgießer.

Da hat sich ein Druckereibesitzer in Leipzig bereit erklärt, das auf 450 Euro Basis zu machen. Er hat eine kleine Buchdruckerei und die läuft nicht so gut und dann hat er gesagt, dann mache ich das halbtags. Und wenn Sie das zu Öffnungszeiten benötigen, bin ich da.

Und dann hat sie mich gefragt, ob er nochmal ein paar Tage hierher kommen könnte. Habe ich gesagt, jederzeit. Ich vergebe mir doch nichts, wenn ich dem Mann das weiter gebe, was ist hab. Nee, das Problem ist, ich habe Schriftgießer gelernt, aber ich habe nicht gelernt, wie Höhen gefräst werden und ich habe es einmal gemacht in der Lehre, dass ich einen Winkelhaken oder zwei gemacht habe für die Gesellenprüfung.

Ich hab das Teilen lernen müssen und das Schneiden lernen müssen, ich muss die Maschinen alle einzeln dann auseinander nehmen und wieder zusammenbauen. Das hast du früher alles nicht machen müssen. Du hast Mechaniker gehabt. Du musstest dir das mehr oder weniger aneignen und die Problematik, dass das, was ich mir jetzt in 55 Jahren erworben habe, das kann ich nicht einfach so weitergeben. Das könnte ich nicht in drei Jahren weitergeben. Das muss peu à peu gehen. Und darum bin ich der Meinung, dass man das heute so machen sollte, dass man eine Person nimmt, die im Museum angestellt ist und den dann peu à peu einarbeitet.

Das hatte ich hier vor fünf Jahren hier mit dem Dr. Jülich besprochen, so müsste man es machen. Dass man mehr einen Museumsmensch nimmt, der vielleicht Ahnung hat von Satz von Druck und dann angeführt wird für den Schriftguss. Weil, wenn ich hier Leute durchführe und habe keine Maschine laufen, dann ist es schlimm. Wenn die aber sehen, dass aus der Maschine Buchstaben kommen, dahinten hast du heißes Blei und vorne kommt ein Buchstabe raus, der dann sozusagen eine Form hat. Und wenn ich sehe, dass hinten 360, 380 Grad sind und vorne den Buchstaben kann ich schon in die Hand nehmen und kann den zurichten, die sind fasziniert. Aber nur, wenn es läuft. Ich kann denen nicht einfach die Maschinen hinstellen und sagen guckt.

Sagen Ihnen Menschen, dass es Zeit für den Garten wird?

Das gibt es aber mehr als genug. Mehr als genug. Wenn ich dann Klassentreffen habe und so: wie kannst du das noch mit 71 machen.

Aber der Garten wird mich nicht befriedigen. Das ist zu wenig. Hier wirst du vor Aufgaben gestellt, wenn du abends hier raus gehst und die Maschine läuft und du kommst morgens wieder und sie läuft nicht. Und du sagst, das kann doch nicht sein, gestern Abend ist es gelaufen. Das sind Sachen, die kannst du nicht. Alte Drucker kommen hierher und fragen: ist es bei Ihnen auch so, dass sie mit den Maschinen sprechen? Habe ich gesagt, ich beschimpfe die auch manchmal. Die alten Drucker sagen, wir haben immer mit den Maschinen geredet. Aber das kannst du einem Normalen nicht mitteilen. Aber es ist wirklich so, dass da gewisse Beziehungen bestehen.

Aufgenommen in der Schriftgießerei Rainer Gerstenberg am 25. Oktober 2018.

  1. Transkript entnommen aus: Klingspor Museum Offenbach (Hrsg.): Interview With One of the Last Type Casters. https://www.youtube.com/watch?v=6P_t3ffM9dk. Einfügen der Untertitel und Überarbeitung des bei Youtube hinterlegten Transkriptes von Anne König, 29. 07. 2021.

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