Eine Festschrift zur Druck- und Mediengeschichte der ganz besonderen Art

Harrytorials. Druck und Mediengeschichte. Ein Blick zurück nach vorn, hrsg. von Silvia Werfel und Roger Münch.

Ein Buchtitel, der Rätsel aufgibt. Der an Druck und Mediengeschichte interessierte Leser wird verunsichert, hat er vielleicht einen neuen Hype verpasst? Tutorials sind ihm geläufig, aber Harrytorials?

Medienaffin wie wir sind, wird gegoogelt und siehe da, auch Google muss sich geschlagen geben und empfiehlt uns: 1. Achte darauf, dass alle Wörter richtig geschrieben sind. 2. Probiere es mit anderen Suchbegriffen…. Na danke Google!

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Versuchen wir es einfach mal analog und schlagen das Buch auf. Und siehe da, das Buch weiß mehr als Google. Es geht nicht um Tutorials, sondern um Editorials. Die Definition für das, was ein Editorial laut Wikipedia ist wird uns auch sogleich in der Einleitung zur Festschrift erklärt. Harrytorials sind eine Wortschöpfung der beiden Herausgeber*innen, weil es Editorials sind, die Harry, gemeint ist Dr. Harry Neß, der als Vorsitzender des IADM in über 20 Jahren die Editorials für das Journal für Druckgeschichte verfasst hat, das ab 2018 zum Journal für Druck- und Mediengeschichte mutierte.

Herzlichen Glückwunsch Harry zum 75. Geburtstag (Foto Renate Hoyer)

Doch der interessierte Leser stutzt erneut. Eine Festschrift nur mit Editorials? Bingo, diese Festschrift der ganz besonderen Art ist Dr. Harry Neß gewidmet, der am heutigen 1. Juli 2022 seinen 75. Geburtstag feiert. Wir sagen ihm herzlichen Glückwunsch, Harry!

Den an Druck- und Mediengeschichte geneigten Leser*innen und vor allem den an Harry Neß Interessierten sei diese kleine Schrift nicht nur wegen ihres kreativen Titels zum Lesen empfohlen, sondern zugleich wegen ihres mediengeschichtlich hochinteressanten und kurzweilig zu lesenden Inhalts. Harry ist der Autor seiner eigenen Festschrift. Das ist schon etwas Besonderes, das sich Silvia Werfel und Roger Münch haben einfallen lassen. Seine ursprünglich für das Journal für Druckgeschichte (heute Journal für Druck- und Mediengeschichte) im Laufe von 20 Jahren verfassten Editorials lesen sich wie ein Spiegel jüngster Zeit-, Druck- und Mediengeschichte. Sie dokumentieren aber auch sein eigenes Selbstverständnis als Druckhistoriker und langjähriger Vorsitzender des IADM. In den Harrytorials werden die Interdependenzen zwischen der Entwicklung der Druckindustrie und den sich verändernden druck- und mediengeschichtlichen Aufgaben nachvollziehbar. Die Aufgabe der druckgeschichtlichen Museen hat Harry Neß dabei stets im Fokus seiner Reflexionen.

Als gelernter Buchdrucker (1966), studierter Druckingenieur und Berufsschullehrer, widmete er sich sein ganzes Berufsleben lang der Druckgeschichte. Daran änderte auch sein 1982 abgeschlossenes Magister Artrium an der TH Darmstadt und seine Promotion an der Fernuniversität Hagen nichts, denn der Titel seiner Doktorarbeit lautet Der Buchdrucker – Berufserfahrung und Berufserziehung von Gutenberg bis zur preußischen Gewerbereform (1810). Kurzum: Harry Neß schreibt nicht nur über Druckgeschichte, sondern er ist personifizierte Druckgeschichte. Das macht es für jeden an Druck- und Mediengeschichte interessierten Leser und jede Leserin spannend, in den Harrytorials den Wandel von der Druck- zur Mediengeschichte geradezu dokumentarisch mitzuerleben.

So beginnt Harry Neß sein zweites Editorial mit dem Satz „Historisierende, mythenbildende und antiquarische Druckgeschichtsschreibung ist im Jahr 2000 zu Ende.“ Mit einem einzigen pointierten Satz wird aus der Sicht des Druckhistorikers das zum Ausdruck gebracht, was zur Jahrtausendwende auch die gesamte Druckbranche umtrieb: Aus traditionellen Berufen wurden Qualifikations- und Kompetenzanforderungen. Zwei Jahre zuvor verschwand der traditionelle Beruf des Schriftsetzers aus dem Katalog der anerkannten Ausbildungsberufe und löste sich als typografische Kompetenzanforderung im Berufsbild des Mediengestalters bzw. der Mediengestalterin auf. Harry Neß ist es wichtig, diesen neuen Zeitgeist zur Jahrtausendwende aufzunehmen, aber als Preis dafür berufliche Tradition und Druckgeschichte nicht auf den Opfertisch des Zeitgeistes zu legen, denn, so schreibt er,

Gautschfeiern, Museumsbesuche, Vorträge und Konzerte schaffen berufliche Identifikation und Zusammenhalt im Zeitalter der Globalisierung[…]Schneisen der rationalen Annäherung an die Zeit vor unserer Zeit zu schlagen, setzt gleichzeitig ein internationales Forschungsverständnis voraus, das neue Zugänge des wissenschaftlichen Bewahrens und Erneuerns sucht.

Technologischer Fortschritt darf nicht zur blinden Fortschrittsgläubigkeit führen, aber auch nicht zur nostalgische Traditionspflege und eigenen Nabelschau verkommen. Der Widerspruch von technischem Fortschritt und Traditionsbewahrung muss ausgehalten werden, wenn es darum gehen soll, eine ideologiefreie Druck- und Mediengeschichte zu betreiben. Die Reflexion darüber, selbst Teil dieser Geschichte zu sein, gehört dazu. Darin sieht Harry Ness auch eine ganz wesentliche Aufgabe für die druckgeschichtlichen Museen, wenn er in seinem zweiten Editorial von 2001 schreibt:

Eine Kultur des Erinnerns an das von Generation zu Generation weitergegebene Arbeits- und Berufswissen ist zu entwickeln. Hier ist das Nachdenken und Handeln druckgeschichtlicher Museen gefragt. Es reicht nicht, Artefakte zu konservieren, sondern es gilt neue Wege zu finden, historisch geronnene Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erhalten.

Aus einem sechs Jahre später verfassten Harrytorial erkennt der Leser und die Leserin aus Harrys konkreteren Fragen, wohin die Reise gehen muss, wenn der Erhalt einer Kultur des Erinnerns auch zukünftig ernst genommen wird.

Liebesgrüße aus Moskau per SMS statt in der Form des frankierten Briefs, Lexika im Internet statt auf der Leiter in der Carl-August-Bibliothek, London mit dem Navigationsgerät statt mit dem Autoatlas auf den Knien […] Die Fragen an die Historiker liegen auf dem Tisch: Ist die Geschichte am Ende, ist es Zeit zur Kapitulation? Wie definiert sich der Forschungsgegenstand? Sind digitale Formen der Datenvermittlung über den Kreis der Experten hinaus noch diskursiv zu bearbeiten? Oder sozialgeschichtlich gefragt: Was ist privat, was ist öffentlich? Wem nutzen die veränderten Kommunikationsformen und welche Ziele werden damit verbunden?

In jedem seiner lesenswerten Harrytorials schafft es Harry Neß, aktuelle Themen der Zeit aufzugreifen und mit druck- und mediengeschichtlicher Thematik zu verknüpfen. Sei es durch das Aufgreifen der Olympischen Spiele in Peking im Editorial 2008-3 oder dem Verbinden der deutschen Wiedervereinigung mit der Druckgeschichte im Harrytorial 2009-4. In seinem Harrytorial (2016-3) vernetzt er gedanklich das Lutherjahr mit der Gründung der Wittenberger Universität (1502) zu Martin Luthers Zeiten und aktuelle Studien über Studienabbrecher an den Universitäten im Jahre 2015. Er kontrastiert in seinen Gegenüberstellungen, lässt Gegensätze zu und regt damit das eigene Denken und den historischen Diskurs an, statt ihn mit dem Hinweis auf notwendige Differenzierungen und etablierte Definitionen schon im Ansatz zu ersticken.

Solche und ähnliche Beispiele in weiteren Harrytorials ließen sich weiter fortführen, aber wir möchten sie hier beenden, um den Leser*innen der überraschenden Momente beim Lesen der Harrytorials nicht zu berauben. Es ist genial wie es Harry Neß gelingt, Zusammenhänge zwischen druck- und mediengeschichtlichen Ereignissen gedanklich mit der Aktualität unserer Gegenwart zu assoziieren und auf den Punkt zu bringen. Ein echtes Harrytorial eben, das zum Denken über unsere Gegenwart anregt. Es ist an der Zeit, dass auch Google bald davon etwas erfährt.

Interesse geweckt?

Den Bezug dieser kleinen Festschrift verrät: muench@deutsches-zeitungsmuseum.de

 

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