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Zwischen Morsecode und digitaler Font-Technologie Teil 3: Lochstreifen und Perforator übernehmen das Komando

Abbildung 1 Teletype Perforator

Die erste praktische Erfindung nach der experimentellen Erforschung der Elektrizität im 19. Jahrhundert ist 1837 die Elektrifizierung des Alphabets über die Morsetelegrafie (siehe Teil 1 zu diesem Blog-Beitrag). Mit ihr beginnt der Weg in die Digitalität der Fonttechnologie.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führt die Mechanisierung der Büroarbeit, des Bleisatzes und der Telegrafie zu Innovationen des Schreibens, Setzens und Telegrafierens. Die Erfindung der Schreibmaschine, der Bleisetzmaschinen und der Drucktelegrafen verfügen über Tastaturen, mit denen die Buchstaben des Alphabets direkt angesprochen werden können. Die Tastatur wird zur Schnittstelle zwischen dem Menschen und dem Alphabet (siehe Teil 2 zu diesem Blog-Beitrag).

Der Perforator (Abbildung 1) ermöglicht die Speicherung von Buchstaben und Steuerungscodes auf  einem Lochstreifen. Seine Erfindung führt im 20. Jahrhundert zur Konvergenz von Telegrafie, Schreibmaschine und Bleisatz. Der Lochstreifen eines Perforators codiert nicht nur den Text, sondern auch  die Steuerung der Setzmaschinen. Um diese Technikgeschichte der Fonttechnologie geht es jetzt im 3. Teil dieses Blog-Beitrags.

Erste Lochbandsteuerung an Monotype Bleisetzmaschinen

Seit 1858 können mit dem Morse-Alphabet codierte Buchstaben auf einem zweikanaligen Wheaston– Lochstreifen gespeichert werden.

Nicht ganz 30 Jahre später steuert der Amerikaner Tolbert Lanston erstmalig einen Bleisetzmaschine über Lochstreifen. 1897 codiert Lanston nicht nur die aufzurufenden Buchstabenmatrizen, sondern auch Parameter zum Ausschließen der Zeilen beim Setzen von Blocksatz. Seine Erfindung nennt er Monotype-Bleisetzmaschine. Der Lochstreifen der Monotype ermöglicht es, den Setzvorgang vom anschließenden Gießen der Lettern zu trennen.

Abbildung 2: MonotypeTaster und lochbandgesteuerter Gießapparat
Quelle: letterpresscommons.com/monotype/

Tolbert Lanston stanzt die Zeichen des Alphabets als gelochten Code in einen Lochstreifen mit 31 möglichen Lochungen pro Zeichen. Die Kombination einer binären Codierung (gelocht oder nicht gelocht) wird den einzelnen Buchstaben und Zeichen zu ihrer eindeutigen Identifikation zugeordnet.

Abbildung 3: Monotype Lochstreifen und Set-Trommel
Quelle: Wikipedia

Jeder Buchstabe und jedes Zeichen liegt im Gießapparat als einzelne Matrize in einem Matrizenrahmen (Abbildung 4) vor und wird über den individuellen binären Code des Lochstreifens angesprochen.

Schon vor Tolbert Lanston schlägt im Jahre 1867 Dr. Alexander Mackies eine Dampftypensetzmaschine mit Lochbandsteuerung vor.

Jedoch erst die 1897 von dem Amerikaner Tolbert Lanston vorstellte ‘Monotype’ kann mit Recht als erste zuverlässig arbeitende lochbandgesteuerte Bleisetzmaschine bezeichnet werden.

Bernhard Laufer: Vom Federkiel zum Satzcomputer. Die Geschichte der Textreproduktion 1987, S. 43

Die Einzelmatrizen, die im Gießapparat beim Lesen des Lochstreifens angesprochen werden, befinden sich in einem Metallrahmen, der 15 x 15 (Abbildung 4), oder in späteren Modellen auch 15 x 17 beziehungsweise 16 x 17 Matrizen enthält. Mit ihrem Matrizenrahmen unterscheidet sich die Monotype-Setzmaschine ganz wesentlich von der 1886 von dem Deutsch-Amerikaner Ottmar Mergenthaler erfundenen Zeilensetz- und Gießmaschine. Die mehrfach vorhandenen Matrizen der Schriftarten für Linotype-Maschinen stehen dem Maschinensetzer in mindestens einem oder mehr Schrift-Magazinen zur Verfügung. Sie werden ohne Lochstreifen über die Tastatur angesprochen und zu einer Zeile gesammelt. Während bei der Linotype jeweils eine ganze Zeile gegossen wird, erfolgt bei der Monotype der Guss einzelner Drucktypen, die nach dem Gießen der einzelnen Letter zu Zeilen aneinandergereiht werden. Die einzelnen Drucktypen können anschließend wie im Handsatz korrigiert werden.

Abbildung 4: Monotype Matrizenrahmen für den Typenguss
Quelle: letterpresscommons.com/monotype/

Mit der Speicherung des codierten Textes auf einem Lochband setzte die Monotype Ende des 19. Jahrhunderts im maschinellen Bleisatz neue Maßstäbe, weil es bei Wiederholungsaufträgen wesentlich ökonomischer war, lediglich die Papierrolle aufzubewahren, als den sogenannten Stehsatz. In Zeitungsverlagen, die keinen Stehsatz aufbewahrten, war dies jedoch kein relevanter Vorteil.

Ausschließen der Zeilen an Bleisetzmaschinen

Im Hinblick auf die Genealogie der digitalen Fonttechnologie ist der Vergleich der unterschiedlichen mechanische Technik zum Ausschließen der Zeilen für den Blocksatz in der Linotype im Vergleich zur Monotype von besonderem Interesse und soll deshalb näher betrachtet werden.

Durch die Trennung des Setzvorgangs vom Gießvorgang musste Lanston das Ausschließproblem auf andere Art lösen, als das bei der Linotype möglich war. Bei der Linotype wird nach jedem gesetzten Wort ein Spatienkeil als Wortabstand zwischen die Matrizen eingefügt. Drückt der Linotype-Setzer bei Erreichen des Zeilenendes die Taste für das Abschicken der Zeile zum Gießapparat, werden die Spatienkeile (Abbildung 5) nach oben gedrückt und treiben die Wortzwischenräume auseinander. Auf diese Weise werden die Zeilen beim Blocksatz an der Linotype links und rechts bündig gesetzt.

Abbildung 5: Spatinkeile zum Ausschließen der Zeilen in der Linotype-Setzmaschine

Wie löst Lanston das Ausschließproblem? Für ihn kommt die Linotype-Methode nicht in Betracht, weil seine Zeilen zunächst nur aus dem Code des Lochstreifens bestehen. Für die Größe der Wortabstände muss folglich schon vorher eine Entscheidung getroffen und auf dem Lochstreifen codiert werden. Diesen Code muss die Gießmaschine zuerst lesen, um die richtige Größe der Wortabstände einer Zeile gießen zu können. Aus diesem Grunde ist es erforderlich, schon auf dem Taster die Anzahl der gesetzten Zeichen mit ihren Dickten sowie die Anzahl der Wortzwischenräume zu ermitteln. Dazu dient am Monotype-Taster eine mitlaufende Set-Trommel. Aus der Differenz der vorher festgelegten Zeilenbreite und den Dickten der Zeichen kann an dieser Trommel der Zeilenrest abgelesen werden, der bis zu ihrem Ende noch übrig ist. Der ablesbare Zeilenrest bestimmt in einem zweiten Schritt, um wieviel die registrierten Wortzwischenräume vergrößert oder verkleinert werden müssen, um eine ausgeschlossene Zeile zu erhalten. Dieser so genannte Set-Wert wird codiert und am Ende der Zeile in den Lochstreifen gestanzt.

Zur Realisierung eines solchen Verfahrens hatte Lanston zwei Probleme zu lösen. Das erste bestand darin, den unterschiedlich horizontalen Platzbedarf der einzelnen Zeichen (Dickten) schon beim Tasten des Lochstreifens genau vorweg nehmen zu müssen und dabei zweitens zu berücksichtigen, dass der Platzbedarf gleicher Buchstaben bei wechselnden Schriftarten keineswegs gleich ist. (Abbildung 6).

Abbildung 6: Verschiedene Schriftarten genau gleicher Schriftgröße haben unterschiedliche Laufweite

Tolbert Lanstons Lösung beider Probleme des Ausschließens besteht in der Erfindung eines relativen typografischen Einheitensystems für die Dickten und von Sets zur Bestimmung der Größe des Wortabstandes. Ein Set ist ein Befehlsparameter für den Zeilausschluss am Gießapparat. Es legt die Größe der zu gießenden Wortabstände fest.

Mit diesen relativen Einheiten wird der horizontale Platzbedarf für jeden Buchstaben, inklusive Vorbreite und Nachbreite (Dickte) festgelegt. In der Erfindung dieser relativen Einheiten liegt die bedeutende Innovation für die Fonttechnologie begründet, denn vergleichbare relative typografische Einheiten werden in allen heutigen professionellen Layoutprogrammen für die Printproduktion, bei der Textverarbeitung mit MS Word und im typografischen Web-Design mit CSS verwendet. Lanston löst die Berechnung der Dickten in einer Zeile auf mechanische Art, was heute digital funktioniert. Es ist aus diesem Grunde von Interesse, Lanstons Einheitensystem näher zu betrachten.

Die geniale Erfindung relativer typografischer Einheiten

Als Bezug für das relative Einheitensystems verwendet Lanston den breitesten Buchstaben einer Schrift. Das ist für ihn das „W“ (heute steht dafür das „M“), das er als Geviert heranzieht und in 18 gleiche Teile einteilt. Diese Teile entsprechen 18 relativen Einheiten, weil die absolute Größe einer Einheit sich auf die Größe der in der Monotype verwendeten Schriftart und Schriftgröße bezieht. Das heißt, die absolute Dickte in Millimeter variiert bei gleichen Buchstaben, aber unterschiedlicher Schriftart und Schriftgröße. Eine Einheit bleibt stets 1/18 Teil davon. Ein Halbgeviert würde demnach immer aus 9 Einheiten bestehen, ein Drittel-Geviert aus 3 Einheiten. Ausgehend von dem breitesten Buchstaben mit 18 Einheiten haben schmalere Buchstaben wie beispielsweise das “i” eine geringere Dickte von zum Beispiel 5 Einheiten. Das relative Einheitensystem der Monotype ermöglicht auf diese Weise eine Bezugsgröße, die ganz unabhängig davon ist, ob der Schriftgrad nun 10 Pt. oder 14 Pt. groß ist.

Es sei jedoch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ein Monotype-Geviert in seiner Größe nicht identisch mit dem Kegel-Geviert ist, wie es von den Drucktypen des Handsatzes seinen Namen hat und welches heute auch als digitale typografische Einheit (Units, em) verwendet wird. Beim Kegel-Geviert entspricht die Kegelhöhe der Drucktype genau dem Schriftgrad, da die Kegelhöhe im Handsatz bei allen Buchstaben gleich sein musste, um im Winkelhaken eine gerade Schriftlinie zu erhalten. Beim digitalen Kegel-Geviert entspricht die Kegelhöhe genau der Breite.

Lanston verwendet die 18 Einheiten des Monotype-Gevierts sowohl zur Festlegung der Dickten aller Zeichen als auch zur Berechnung der Zeilenbreite und der Sets. Während des Setzens an der Monotype kann der Setzer an der Set-Trommel des Tasters verfolgen, wie viele Einheiten bis zum Erreichen des Zeilenendes noch bleiben. Nachdem der Setzer den Bereich erreicht, der das baldige Ende der Zeile anzeigt, kann er auf der mitlaufenden Set-Trommel den Wert für den Wortzwischenraum dieser Zeile ablesen. Durch Drücken einer entsprechenden Set-Taste (rote Tasten in Abbildung 7) wird dieser Wert als letzter auf dem Lochstreifen codiert.

Abbildung 7: Tastatur-Layout der Monotype-Bleisetzmaschine

In der Gießmaschine wird der Lochstreifen dann von hinten gelesen. Dadurch erhält die Gießmaschine als erstes die Information über die Größe der zu gießenden Wortzwischenräume. Sie liest den Lochstreifen also von hinten, um die nachfolgenden Matrizen einzeln als ausgeschlossene Zeile rückwärts zu gießen.

Im Gießapparat sind die Matrizen der Einzelbuchstaben in der Reihenfolge ihrer Dickten von oben nach unten sortiert. Die Reihenfolge entspricht der Einheitenfolge 5-6-7-8-9-9-9-10-10-11-12-13-14-15-18 (Abbildung 8 ganz rechte Spalte).

Abbildung 8: Das ordnungsprinzip der Matrizen im Monotype Matrizenrahmen erfolgt von der kleinsten Dickte (Unit) zur größten
Quelle: Codes that Don’t Count Some Printing. Telegraph Codes as Products of their Technologies (With Particular Attention to the Teletypesetter)

Die im Rahmen angeordneten Matrizen können je nach Größe bis zu drei Schriften umfassen: Grundschrift, halbfette Auszeichnung und Kursive, außerdem Sonderzeichen, Ligaturen usw, so dass auf der Monotype mehrfach gemischter Satz und Spezialsatz hergestellt werden kann. Daraus erklärt sich die auf dem Taster mehrfach vorhandene Schreibmaschinen-Tastatur der Monotype. Im Unterschied zur Linotype hat sich 10 Jahre später bei Lanstons Monotype bereits die seit 1876 in Amerika etablierte Schreibmaschine mit ihrer Tastatur schon im Bleisatz durchgesetzt.

Die Telegrafie diktiert den Buchstaben-Code

Für Linotype-Setzmaschinen wird es erst 30 Jahre nach der Erfindung der Monotype möglich, auch diese über Lochband anzusteuern. Der technikgeschichtliche Impetus für diese Innovation speist sich jedoch nicht aus der Erfindung der Monotype, sondern aus der expansiven Entwicklung der Telegrafie zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Expansion der Telegrafie hatte ihre Ursachen in der europäischen Kolonialpolitik, die dem Bedürfnis nach schneller technischer Kommunikation über weite Entfernungen starken Auftrieb gab. Die ersten Nachrichtenagenturen entstehen nahezu zeitgleich mit dem Ausbau der Telegrafenlinien. Schon in den 30iger Jahren des 19. Jahrhunderts werden mit der aufkommenden Morsetelegrafie Nachrichtenagenturen gegründet. Havas, Reuters, Wolff und die Associated Press (AP) gehören zu den ersten Pionieren, die Nachrichten aus aller Welt in eine Ware verwandeln. Sie treiben die sich globalisierende Welt damit voran. Von dieser Perspektive aus betrachtet, geht der Wunsch nach einer engeren Verknüpfung zwischen Telegrafie und Typografie zuerst von Zeitungsverlegern aus, die mit Linotype-Setzmaschinen ihre Zeitungen produzieren.

Die technikgeschichtliche Entwicklung der Codierungen von der Morsetelegrafie zum Teletype-Setting (TTS) offenbart die Konvergenz zwischen Telegrafie und Bleisatzmaschinen am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Mit dieser technikgeschichtlichen Entwicklung wird nach der Morsetelegrafie und der Schreibmaschinentastatur ein weiterer wichtiger Baustein auf dem Weg zur digitalen Fonttechnolgie erzeugt.

Jean-Maurice Émile Baudot verwendet mit seinem Telegrafen (siehe den Abschnitt ‘In die Ferne schreiben’ im Teil 2 des Blog-Beitrags) erstmalig eine Codierung, bei der die Buchstaben des Alphabets in gleichen Einheiten von 5 binären Kombinationen codiert werden. Einheit bedeutet, dass an jeweils 5 Stellen einer Zeile eines Papierbandes entweder ein Loch oder kein Loch befindet, die gemeinsam einem Zeichen oder Buchstaben zugeordnet werden. Jedem Zeichen oder Buchstaben entspricht somit ein Muster aus 5 binären Loch-Kombinationen. In der Literatur findet man an dieser Stelle häufig die Bezeichnung ‘Bit’ statt Einheit. Historisch ist diese Bezeichnung für die frühen Codierungen von Buchstaben falsch, weil sich Bit von Binary Digit herleitet und am besten mit Dualzahl übersetzt werden kann. Die frühen aus der Telegrafie stammenden Codierungen des Alphabets haben aber mit Zahlen absolut nichts zu tun. Das ändert sich erst mit Einführung der Computer und mit dem ASCII-Code ab den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Baudots Telegraf überträgt die einzelnen Zeichen seriell in 5 Einheiten und mit gleicher Dauer. Die Konzeption seines Telegrafen ist auf die synchrone Übertragung ausgerichtet.

Baudot orientiert sich beim Aufbau seines Codes an der Bedienerfreundlichkeit für den Telegrafisten. Der Tastaturaufbau mit 5 Tasten soll die Erlernbarkeit des Codes für ihn erleichtern. Die Tastatur leistet aber noch nicht die „Übersetzung“ vom Buchstaben des Alphabets in den maschinenverständlichen Code. Das heißt, dass der Telegrafist den 5er-Code für jeden Buchstaben im Kopf haben muss. Diese Transformationsleistung gehört zu den Qualifikationen des Telegrafisten. Zur leichteren Erlernbarkeit der Codierungen ist der Code so aufgebaut, dass die Vokale ausschließlich mit dem Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger der rechten Hand getippt werden, während die Konsonanten zusätzlich mit dem Zeige- und Mittelfinger der linken Hand einzugeben sind. Die elektrische Übertragung der Zeichen zum Empfänger erfolgt jedoch stets in der mit I bis V nummerierten Reihenfolge hintereinander (Abbildung 9).

Abbildung 9: Die Codierung des Alphabets und der Zeichen nach Baudot mit den zu drückenden Tasten I-V
Quelle:Codes that Don’t Count Some Printing. Telegraph Codes as Products of their Technologies (With Particular Attention to the Teletypesetter)

Der Baudot-Code hat eine Doppelbelegung der Tastatur, mit der von Buchstaben auf Sonderzeichen mit der Taste (Figure Blank) umgeschaltet werden kann. Hier liegen auch die Ziffern.

Baudots Telegrafenapparat ist ursprünglich nicht für die Übertragung des Textes über Lochstreifen, sondern für den synchronen Betrieb konzipiert worden. Das bedeutet, dass während der Abtastung der 5 elektrischen Signale beim Empfänger die Tastatur gesperrt ist. Nach Abtastung einer Einheit I bis V ist stets das Ende des Zeichens markiert. Der Telegrafist muss deshalb einen gewissen Rhythmus beim Tasten einhalten. Die übliche Übertragungsgeschwindigkeit beträgt etwa 30 Wörter pro Minute.

Der Baudot-Code wurde mit leichter Abweichung im Jahre 1932 auf der Internationalen Telegrafenkonferenz als Internationaler Telegrafencode No. 1 (ITA-1) (Abbildung 10) standardisiert.

Abbildung 10: Der Baudot-Code wurde 1932 zum Internationalen Telegrafencode No.1
Quelle: https://www.wikiwand.com/en/Baudot_code

1973 wurde dieser Standard von der Nachfolgeorganisation CCITT wieder gestrichen, weil er überflüssig geworden ist. Grund dafür ist die Innovation Donald Murrays.

Donald Murray trägt 1901 zu einer entscheidenden Veränderung der Codierung des Alphabets mit 5 binären Einheiten bei. Er verwendet für seinen Telegrafen die bereits zuvor von Frederick George Creed in die Telegrafie eingeführte QWERTY- Schreibmaschinenastatur und nutzt sie als ‘Übersetzerin’ in einer von ihm vollkommen neu konzipierten Codierung des Alphabets. Die Schreibmaschinentastatur hat sich seit ihrer Einführung um 1880 in Amerika sowie später auch in Deutschland schnell als neue ‘Kulturtechnik’ in den Büros etabliert. Die Intention Baudots zur leichten Erlernbarkeit der Codierung mit seiner aus nur 5 Tasten bestehenden Tastatur ist als Codierungsprinzip damit hinfällig geworden. Donald Murray konzentriert sich deshalb bei der Neugestaltung der Codierung auf die Minimierung der Belastung des Perforators mit dem der Code gestanzt wird. Er verwendet, ähnlich wie zuvor schon Ottmar Mergenthaler an seiner Linotype-Bleisetzmaschine, das Häufigkeitsverteilungsprinzip der vorkommenden Buchstaben der englischen Sprache als Prinzip der Codezuordnung. Dabei bekommen die am häufigsten vorkommenden Buchstaben den kürzesten Code. Bei Murray sind dies die ersten zwölf Buchstaben in der Reihenfolge „ETAINO SRHDLU“. Bei Ottmar Mergenthalers Linotype ist die Häufigkeitsverteilung mit „ETAOIN SHRDLU“ fast genauso aufgebaut. Nur das ‘I’ und das ‘O’ sind unterschiedlich positioniert. Murray verwendet diese Codierung aus einem technischen Grund. Bei den am häufigsten verwendeten Buchstaben sollten die geringsten Schläge zur Stanzung der Lochstreifen erforderlich sein, um so wenig Löcher als möglich in das Lochband stanzen zu müssen. Durch diesen im Vergleich zu Baudot vollkommen anderen Ansatz zur Zuordnung der Codierungen zu den Buchstaben erklärt sich, dass der Baudot-Code und der Murray-Code nicht miteinander kompatibel sind. Die Abbildung 11 zeigt die Gegenüberstellung beider Codierungen in der ETAINO-Reihenfolge.

 

Abbildung 11: Vergleich zwischen Baudot- und Murray-Codierung in der ETAino Reihenfolge der häufigsten Buchstaben

Aus dieser Gegenüberstellung kann erstens die Inkompatibilität beider Codes und zweitens das von Murray angewendete Prinzip der Häufigkeitsverteilung der Buchstaben für die Zuordnung der Codes erkannt werden. So wird das ‘T’ bei Baudot mit 3 Stanzungen codiert, während es bei Murray nur eine Stanzung erhält. Deutlich sichtbar wird in Murrays Codierung auch die von oben nach unten zunehmende Anzahl der Stanzungen.

Beim Vergleich beider Codierungen zeigt sich, dass lediglich die Verwendung von 5 Einheiten bei beiden Codierungen gleich ist, mehr aber auch nicht. Es muss daher verwunderlich erscheinen, wenn der Murray-Code häufig als Baudot-Murray-Code bezeichnet wird, wo doch beide Codierungen inkompatibel zueinander sind.

Der Murray-Code wird 1932 als internationales Telegraph Alphabet No. 2 (ITA-2) standardisiert und verändert sich auch 1993 nicht wesentlich (Abbildung 12).

Abbildung 12: Murray-Code und Telegraphen Alphabet No.2 (ITA-2 im Vergleich

Vom Fernschreiber zur TTS-Linotype Setzmaschine

Das größte Problem der meisten Drucktelegrafen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bestand in der erforderlichen Synchronisation zwischen Sender und Empfänger. Um 1906 begannen Jay Morton und Charles Krumm aus Chicago mit Maschinen zu experimentieren, die nach dem sogenannten Start-Stopp-Prinzip arbeiten. Sie verwenden den Murray-Code, erweitern diesen aber um ein Start- und Stoppelement, das jeweils vor und hinter einem zu übertragenden Zeichen gesetzt wird. So werden geringfügige Geschwindigkeitsunterschiede beim elektrischen Übertragen der Zeichen zwischen den Enden automatisch ausgeglichen.

Morton und Krumm gründen zusammen eine Firma mit dem Namen Morkrum, um ihre Maschine herzustellen. 1908 wurde ein erster funktionierender Fernschreiber (Teletypewriter TTY) namens Morkrum Printing Telegraph hergestellt, der mit der Alton Railroad vor Ort getestet wurde.

1925 schließen sich die Morkrum Company und die Kleinschmidt Electric Company zur Morkrum-Kleinschmidt Company zusammen.
Im Dezember 1928 änderte das Unternehmen seinen Namen und benannte sich nach der Bezeichnung ihrer Geräte in “Teletype Corporation” um.
1930 wurde dann die Teletype Corporation von der American Telephone and Telegraph Company für 30.000.000 USD gekauft und in eine Tochtergesellschaft der Western Electric Company umgewandelt.

Im Jahre 1940 bringt die Teletype Corporation mit dem Teletype- Modell 20 einen Teletypesetter (TTS) auf den Markt. Es handelt sich dabei um einen Perforator, mit dem in einem Sechs-Einheiten-Code an einer Schreibmaschinentastatur ein Lochstreifen erzeugt werden kann, der zum Blocksatz ausgeschlossenen Text auf dem Lochband erzeugt. Dieses 6-Einheiten-Lochband kann anschließend an einer Linotype-Bleisetzmaschine angeschlossenen Lochbandeinheit gelesen und gesetzt werden. Technikgeschichtlich kann mit einem Perforator eine Linotype- oder andere Setzmaschine lochbandgesteuert nicht nur die Nachrichten elektronisch aus der Ferne übermitteln, sondern zugleich kann das Lochband den Setzvorgang an den Bleisetzmaschinen steuern.

Bereits in den 1920iger Jahren begann der Zeitungsverleger Frank E. Gannot aus Rochester (NY) zusammen mit dem Ingenieur Walter M. Morey Interesse daran zu entwickeln, seine Linotype-Setzmaschinen über Fernschreiber zu steuern. Dazu war es erforderlich, die Funktionen, die eine Linotype-Bleisetzmaschine mechanisch ausführt, in einen entsprechenden Code auf Lochband zu stanzen, das von einem an der Linotype angeschlossenen Lochbandleser gelesen werden kann. Des Weiteren muss das anders aufgebaute umfangreichere Tastatur-Layout der Linotype mit einer QWERTY-Schreibmaschinentastatur ansprechbar sein. Mit einer aus nur fünf Einheiten bestehenden ITA-2-Codierung war diese Aufgabe nicht zu lösen und führte in Zusammenarbeit mit der Mergenthaler Corp. zur Einführung eines aus 6 Einheiten bestehenden TTS-Codes. (Abbildung 13).

Abbildung 13: Der TTS-Code ist mit seinen 6 binären Einheiten kompatibel zu TTY und ITA-2
QuelleThe Reader View of Wikipedia Wikipedia Page
Teleprinter

Der aus 6- statt nur 5- binären Einheiten bestehende TTS-Code ist mit den aus nur 5 binären Einheiten bestehenden TTY- oder ITA-2 Code kompatibel. Entfernt man nämlich in der Codierungstabelle aus Abbildung 13 die Spalte ‚0‘, welche die sechste Code-Einheit repräsentiert, dann erhält man in den ersten 32 Zeichen von oben die Codierungen der Buchstaben nach ITA-2.

Die Groß- und Kleinbuchstaben, die auf dem Tastatur-Layout der Linotype getrennte Tasten haben, befinden sich gemeinsam auf einer Matrize. Groß- und Kleinbuchstaben haben dadurch die gleiche Codierung. Für die Auswahl welcher der beiden Buchstaben gesetzt werden soll, stehen in der Linotype eine obere und eine untere Schiene zur Auswahl, um die Matrizen aufzunehmen. Diese Auswahl bewirken die Codierungen ‚Shift‘ und ‚Unshift‘.

Alle Sonderzeichen, Ziffern und Ligaturen liegen in der unteren Hälfte der Codierungstabelle von Abbildung 13. Sie belegen alle die Zeile ‚0‘ mit einer darin gestanzten Einheit. Mit der Spalte ‚0‘ wird der 5-Einheiten-Code auf 6 Einheiten erhöht.

Alle auf der Linotype-Tastatur befindlichen Zeichen, die keine Entsprechung im ITA-2-Code haben, wie beispielsweise ‘EM-Space‘, ‘EN Space’ und ‘Thin Space’ der Tasten 32, 38 und 44 des Linotype-Tastaturlayouts in Abbildung 14, befinden sich in der unteren Hälfte der TTS-Codierungstabelle.

Abbildung 14: Linotype-Tastaturbelegung

Typografisches Einheitensystem im TTS Typesetter

Das von Lanston 1897 an der Monotype erstmals eingeführte relative typografische Einheitensystem findet in ähnlicher Form nun auch im Teletype Perforator Anwendung. Wie bei Lanston teilt der Perforator den Buchstaben Dickten zwischen 6 und 18 relativen Einheiten zu. Das geschieht mechanisch über eine Transportschiene, die in Abhängigkeit von der zu setzenden Schriftart und Schriftgröße im Perforator eingesetzt werden muss (Siehe Abbildung 15). Über diese Möglichkeit verfügte jedoch nur der Multiface Perforator. In der Standardausführung konnten mit dem Perforator dagegen nur Linotype-Setzmaschinen angesteuert werden, die über die Standardschriftart verfügt haben.

Abbildung 15: ZählMagazin zum Zählen der Dickten einer bestimmten Schriftart und -Größe
Quelle: letterpresscommons.com/monotype/

Die am Perforator angebrachte Indicator Scale (Abbildung 16) sorgt dafür, dass der Setzer oder Typist am Perforator stets den Überblick behält. Wie bei der Monotype geschieht dies auch bei der Linotype in absolut mechanischer Weise.

Abbildung 16: Skala zur Kontrolle der Zeilenbreite am Perforator
Quelle: letterpresscommons.com/monotype/

Mit dem kleinen Pfeil als Reiter der Skala wird zu Beginn die Zeilenbreite eingestellt. Der Pfeil befindet sich dann ganz links und läuft beim Perforieren des Lochstreifens nach rechts. Wie in Abbildung 16 erkennbar ist, wird der Zeiger durch die Dickten der gesetzten Einheiten der Buchstaben nach links in Richtung Zeilenende bewegt. Die Steuerung geschieht über das Zählmagazin. Wenn die Leerzeile gedrückt wird, bleibt der Zeiger stehen, denn an dieser Stelle wird ein Spatienkeil an der Linotype eingefügt. Die beiden unter der Skala befindlichen Zeiger markieren den gesamten Spielraum zum Ausschließen der Zeile, der durch die minimale und maximale Breite der Spatienkeile gegeben ist. Befindet sich der obere Pfeil innerhalb der Zone dieser beiden Zeiger, dann kann die Zeile durch Drücken der Tasten RESET (RET) und ELEVATOR (ELEV) beendet werden und die Spatienkeile bestimmen den Wortabstand zum Ausschließen der Zeile.

Abbildung 17: Erweiterte Schreibmaschinetastatur des Teletypesetters
Quelle: http://www.navy-radio.com/manuals/tty/7b-3307.pdf

Eine erweiterte Schreibmaschinentastatur ermöglicht es über einen Lochstreifen und den darauf codierten Telegrafenalphabet ITA-2 eine Linotype-Setzmaschine aus der Ferne zu steuern. Mit den Abbildungen 17 und 18 aus dem Handbuch eines Teletypesetters aus dem Jahre 1933 kann dieser Zusammenhang abschließend visuell verdeutlicht werden.

Abbildung 18: TTS-Lochstreifen mit Text und Befehlscodierung
Quelle: http://www.navy-radio.com/manuals/tty/7b-3307.pdf

Die codierten Buchstaben können elektrisch übertragen und von der Leseeinheit der Linotype decodiert werden. Die Druckschriften selbst bleiben jedoch auch weiterhin noch aus Blei oder bestehen aus den Typen einer Schreibmaschine oder eines Fernschreibers.

Telegrafie, Schreibmaschine und der maschinelle Bleisatz wachsen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammen. Die Codierung der Schriften erfolgt elektrisch und ist nicht nur für Telegrafen maschinenlesbar geworden.

Damit aus Schriften digitale Fonts werden konnten, bedurfte es technikgeschichtlich erst der Entwicklung integrierter Schaltkreise und des Computers. Diese technikgeschichtliche Entwicklung wird in Teil 4 dieses Blog-Beitrags näher betrachtet. Der TTS-Perforator war auf diesem Wege ein wichtiger Baustein.

Die Associated Press verfügte erst ab 1951 über den ersten Teletypesetter und erst 1962 wurden die Teletypesetter der AP miteinander vernetzt.

In Deutschland begann die erste Anwendung von TTS-Setzmaschinen 1947 in einer US-Militär-Druckerei.

„Die erste deutsche Linotype für TTS war die Linotype Quick, ein modifiziertes Modell 5c, auf der Drupa 1954. Die Quick-Modelle wurden durchaus angenommen und erreichten einen Anteil von etwa 25 Prozent bei den Neubestellungen.“

Winfrid Glocker: Die deutschen Linotype-Modelle Teil 3. Ein Viertel mit Lochstreifen, drei Viertel manuell gesteuert (1954–1976) JfD Herausgegeben vom Internationalen Arbeitskreis Druck- und Mediengeschichte Neue Folge 24. Jg. (2018) Sonderausgabe

1965 wird auf der TPG in Paris von Dr. Ing. Rudolf Hell das erste digitale Setzsystem Digiset der Weltöffentlichkeit vorgestellt.

Der Blog-Artikel wird fortgesetzt.

Literaturangaben
  1. Sepp Dußler, Fritz Kolling: Moderne Setzerei. 4. Aufl. 1974
  2. Bernhard Laufer: Vom Federkiel zum Satzcomputer. Die Geschichte der Textreproduktion 1987,
  3. Winfrid Glocker: Die deutschen Linotype-Modelle Teil 3. Ein Viertel mit Lochstreifen, drei Viertel manuell gesteuert (1954–1976). In: JfD Herausgegeben vom Internationalen Arbeitskreis Druck- und Mediengeschichte Neue Folge 24. Jg. (2018) Sonderausgabe.
  4. https://letterpresscommons.com/monotype/ Aufgerufen am 06.08.2020
  5. David Mac Millan: A Field Guide to the Teletypesetter (pdf)
  6. The Teletype Story Firmenprospekt von 1957
  7. Codes that Don’t Count Some Printing. Telegraph Codes as Products of their Technologies (With Particular Attention to the Teletypesetter). http://www.circuitousroot.com/artifice/telegraphy/tty/codes/ zuletzt aufgerufen am 06.08.2020
  8. The Reader View of Wikipedia Wikipedia Page : Teleprinter Aufgerufen am 06.08.2020

Zwischen Morsecode und Fonttechnologie Teil 4 : Der Hellschreiber

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Zwischen Morsecode und digitaler Font-Technolgie Teil 2: Von der Schreibmaschine zum Fernschreiber

Abbildung 1: Inventar-Nr.: NKg/00329 Künstler: Dänemark, Kopenhagen, Rasmus Malling Hansen (1835-1890) Gegenstand: Skrivekugle (Schreibkugel) des Nietzsche, Friedrich (1844-1900) Datierung: Um 1882 Technik: Feinmechanikerarbeit, Gravur Material: Messing, Stahl

„Diese Maschine ist delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth – und einige Unterhaltung.“

Dieses Urteil fällte Friedrich Nietzsche am 17.03.1882 über seine erste Schreibmaschine. Sie funktionierte ganz mechanisch, bereitete ihm aber offensichtlich technische Probleme, denn er schrieb am 23.03.1882,

„die Schreibmaschine verweigert seit vorgestern ihren Dienst; ganz rätselhaft! Alles in Ordnung! Aber kein Buchstabe ist zu erkennen.“

Zit. nach: Monika Disser M.A.: Friedrich Nietzsche und das Experiment Schreibmaschine.

Heute haben PC und Tablets die Schreibmaschine längst ersetzt. In der Genealogie des Computers und der digitalen Schriftenfonts zeigt sich aber noch die technikhistorische Spur zwischen der Mechanik der Typenhebel einer Schreibmaschine und den heutigen Computerschriften in PCs, Tablets und Smartphones. Das Ziel dieses 2. Teils des Blog-Beitrags ist es, diese Spur wiederzufinden.

Ohne Fernschreiber und Lochstreifen hätte die Entwicklung zur Digitalität der Computerschriften und Setzverfahren im 20. Jahrhundert nicht stattgefunden. Die technikhistorischen Details, die der Fernschreiber nach seiner Erfindung für die digitale Font-Technologie hatte, betrachtet der 3. Teil des Blog-Artikels.

Innovation des Schreibens durch die Schreibmaschine

Technische Innovationen entstehen selten aus dem Nichts. Es sind äußere Impulse, die Ideen zu Neuerungen virulent werden lassen. Handwerk und Handel, die sich bereits seit dem 13. Jahrhundert auszuweiten begannen, hatten zur Folge, dass in den Kontoren der Kaufleute die manuelle Schreibarbeit immer mehr anstieg. Zur Absicherung der Risiken während des Fernhandels wurden Versicherungsverträge geschlossen und die Finanzierung der Projekte erforderte immer mehr Korrespondenz mit Banken. Als im 19. Jahrhundert mit der Beseitigung der Zünfte Handel, Handwerk und Wissenschaft stärker zusammenwuchsen, wurde die Bürotätigkeit nicht mehr allein eine spezifische Tätigkeit des Handels, sondern weitete sich in allen Gewerben, vorrangig in den Fabriken der Städte explosionsartig aus. Der Nährboden für die Idee der Mechanisierung der Bürotätigkeit war damit geschaffen. So ist erklärlich, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zeitgleich und weitgehend unabhängig voneinander, Patentvorschläge zur Ökonomisierung des Schreibens durch die Schreibmaschine virulent wurden.
Es ist die profane Tastatur, deren Einsatz die Erfinder im 19. Jahrhundert auch zu innovativen Ideen in der Druck- und Mediengeschichte inspirierten. Was im Büro die Monotonie der Schreibarbeit durch ihre Mechanisierung erleichtern konnte, war das nicht auch für den Bleisatz tauglich? Ihr Einsatz bei der Texterfassung im Bleisatz gab dem Übergang von Gutenbergs Handsatz zum Maschinensatz einen gehörigen Impetus.
Die Tastatur der Schreibmaschine mechanisierte nicht nur die Büroarbeit. Auch Buchautoren nutzten die Schreibmaschine; so wurde aus dem handgeschriebenen Manuskript ein Typoskript. Schließlich schickte die Erfindung der Drucktypen-Telegrafen-Tastatur auch die Morsetasten bald in Rente.
Schon in der Antike erfunden, entfaltete die Tastatur aus den oben erwähnten Gründen erst im 19. Jahrhundert ihr innovatives Potential in der Mediengeschichte.
Eine einreihige Tastatur kam bereits für die Hydraulis zum Einsatz, einer Wasserorgel aus dem 3. Jhd. v. Chr., deren Erfindung dem Techniker Ktesibios zugeschrieben wird. Tastaturen mit mehreren Tastenreihen waren in Europa seit etwa dem 9. Jahrhundert im Orgelbau bekannt. Was bei Musikinstrumenten so gut funktionierte, konnte das nicht auch auf Buchstaben Anwendung finden? Diese Frage beantwortete 1714 erstmalig der Wasserwerksingenieur Henry Mill, als er eine Schreibmaschine zum Patent anmeldete. Ihre genaue Konstruktion ist allerdings nicht überliefert. Wahrscheinlich wurde sie wohl auch nie gebaut. Auch das Modell des badischen Forstmeisters Karl Freiherr von Drais, der 1830 eine Schreibmaschine baute, bei der die Buchstaben „wie Messerlein von unten heraufkam(en),“ ist nicht mehr erhalten. Die erste nachweislich auch gebaute Schreibmaschine stammt von Pellegrino Turri (1808).
Im 19. Jahrhundert war die Zeit offenbar reif für die Mechanisierung des Schreibens. Es gab, wie so häufig, viele Erfinder, die im 19. Jahrhundert am Projekt der Mechanisierung des Schreibens teilhaben wollten. Zu ihnen gehört Xavier Progin aus Marseille, der 1833 sein Modell zum Patent anmeldete. Konstruktionselemente wie Typenhebel, Typenhebelführung, Umschaltung für Groß- und Kleinschreibung sowie ein Farbband kennzeichneten das „Cembalo srivano“, das bereits 1855 der Rechtsgelehrte Guiseppe Ravizza aus Novara als Schreibmaschine zum Patent angemeldet hatte (Abbildung 2). Bei seiner Erfindung erinnerte nicht nur der Name an die Klaviatur eines Musikinstrumentes, seine Schreibmaschine hat auch äußerlich damit eine gewisse Ähnlichkeit.

Abbildung 2: Cembalo scrivano 1855
Quelle: https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=175068)

Ein Südtiroler Zimmermann, Peter Mitterhofer, arbeitete zwischen 1864 bis 1869 ebenfalls am Projekt Schreibmaschine. Dessen erstes Modell (Abbildung 3) ist aus Holz, was bei seiner beruflichen Tätigkeit nicht verwundert, und weist 30 Tasten mit Großbuchstaben auf. Die Buchstaben der Schreibmaschine waren punktiert, statt mittels eines Farbbandes das Schriftbild auf das Papier zu übertragen wurde das Papier perforiert.

Abbildung 3: Schreibmaschine von Peter Mittenhofer (1864)
Quelle: Wikipedia

 

Die von Nietzsche verwendete Schreibkugel (Abbildung 1) wurde 1867 von dem Pastor Malling Hansen aus Kopenhagen erfunden. Die von ihm verwendeten Typenstäbe in der Halbkugelschale waren jedoch ein Konstruktionsprinzip, das sich nicht durchsetzen sollte.
In Kleinsteuber’s Machine Shop in Milwaukee arbeiteten der Drucker und spätere Herausgeber der Bender’s Newspaper Christopher Latham Sholes. Zusammen mit Carlos Glidden und Samuel W. Soulé entwickelten sie eine Schreibmaschine, die sie am 14. Juli 1868 zum Patent anmeldeten. Die Tastatur ihrer Schreibmaschine war ein Kompromiss aus technischer Funktionstüchtigkeit und Benutzerfreundlichkeit. Sie war nicht mehr nach dem Alphabet geordnet, wie das bei vielen anderen Konstruktionsvorschlägen dieser Zeit der Fall war. Sie war aber auch nicht danach aufgebaut, dass die am häufigsten in der englischen Sprache vorkommenden Buchstaben am leichtesten erreichbar waren. Ihr Konstruktionsprinzip konzentrierte sich stattdessen darauf, dass sich die Buchstaben dicht beieinanderliegender Typenhebel nicht verhakten. Diese Tastatur war daher ein Kompromiss aus technischer Notwendigkeit und Benutzerfreundlichkeit. Sie bekam später den Namen QWERTY-Anordnung, benannt nach den ersten sechs Tasten der obersten Buchstabenreihe auf der amerikanischen Tastatur (Abbildung 4). Das Patent für diese Schreibmaschine von Latham Sholes, Carlos Glidden und Samuel W. Soulé war zwar noch nicht vollkommen ausgereift, aber es war zu dieser Zeit das einzige, welches sich für eine Serienproduktion eignete. Die Tastaturanordnung hat sich seither bis zur Tastaturanordnung der Computer, Tablets und Smartphones erhalten, obwohl es schon lange keine klemmenden Typenhebel in Computern mehr gibt.

Abbildung 4: Schreibmaschine von Sholes und Gliddens 1876 (USA)
Quelle: wikipedia

Der Waffen- und Nähmaschinenhersteller E. Remington & Sons suchte nach dem Ende des amerikanischen Sezessionskrieges ein Ersatzprodukt für seine Waffenproduktion und fand sie in der Schreibmaschine.  Die erste in Serie produzierte Schreibmaschine stammt deshalb von Latham Sholes und Carlos Glidden. Sie wurde von E.Remington & Sons ab 1874 in kleiner Serie hergestellt. 1878 folgt die Remington II, die bereits über die Umschaltung für Groß- und Kleinbuchstaben verfügte.

Das primäre Interesse der Unternehmen am Projekt Schreibmaschine galt einer erhofften Auslastung der Fertigungskapazitäten. Ein unternehmerisches Interesse an der Verbesserung des Produktes Schreibmaschine blieb zumeist den kurzfristigen Diversifizierungskalkülen untergeordnet und sollte sich auch später nur gelegentlich- und für die generelle technische Entwicklung eher folgenlos – einstellen.“

Andreas Knie: Generierung und Härtung technischen Wissens: Die Entstehung der mechanischen Schreibmaschine WZB Discussion Paper, No. FS II 91-103

1897 schlossen sich die größten amerikanischen Schreibmaschinenhersteller von Typenhebelmaschinen zum Kartell der Union Typewriter Company zusammen. Unter der Führung der „Standard Remington“ konsolidierte sich der Stand der Technik in der Schreibmaschinenindustrie. Der amerikanische Standard wirkte bis nach Europa, wohin er durch Lizenzverkauf exportiert wurde.

Nach dem 1. Weltkrieg wurden in den in Deutschland aufkommenden ‘Psychotechnischen Arbeitsstudien’ zum Thema Schreibmaschinentastatur bemängelt, dass die aus den USA übernommene ‘Universaltastatur’ QWERTY bezüglich der Häufigkeitsverteilung der Buchstaben und Silben in der deutschen Sprache sowie wegen der unterschiedlich starken Belastbarkeit der Hände ungeeignet sei. Alle Versuche zur Änderung des Tastenfeldes scheiterten jedoch trotz dieser klaren Diagnose. Man einigte sich 1928 im Normenausschuss mit der DIN 2112 darauf, die amerikanische Universaltastatur QWERTY grundsätzlich beizubehalten und lediglich das ‘Y’ gegen das ‘Z’ auszutauschen, sodass die deutsche Tastatur nun mit QWERZ bezeichnet wurde.

Wie vorher schon in Amerika etablierten sich nach Einführung der amerikanischen Schreibmaschinen auch in Deutschland schnell Methoden zum Erlernen des Zehnfingersystems. Diese Methoden standen der Änderung des Tastaturlayouts sicherlich ebenso im Wege wie vorher in den USA.

Daraus erklärt sich, dass die QWERTY- oder QWERTZ-Tastaturbelegung bis heute bei allen PCs und den in Touchscreens schamhaft versteckten Tastaturen der Tablets und Smartphones erhalten hat. Hier ist die technikhistorische Spur zwischen Schreibmaschine und Computer am klarsten erkennbar.

Innovation im Bleisatz durch die Tastatur der Setzmaschine

Die Tastatur ist im 19. Jahrhundert auch ein Hauptdarsteller bei der Mechanisierung des Bleisatzes durch Setzmaschinen. William Church hat zwischen 1804 und 1822 an der Entwicklung einer Typensetzmaschine gearbeitet, die den Setzvorgang durch Verwendung von Tasten automatisieren sollte. (Abbildung 5)

Abbildung 5: Typensetzmaschine für Bleiletter von William Church 1822
Quelle: Wikipedia

Die Drucktypen dieses Entwurfs seiner Setzmaschine befanden sich in einem Behälter, der durch den Druck auf eine Taste die unterste Type freigab. Das wesentliche Merkmal des ersten Patents für eine Setzmaschine war im Jahre 1822 durch die Verwendung einer Tastatur als Innovation gekennzeichnet. Diese erste Typensetzmaschine war noch weit entfernt von der Linotype- Zeilengieß- und Setzmaschine aus dem Jahr 1886, die den Maschinensatz im 19. Jahrhundert zum Durchbruch verhalf. Aber die vielen bis dahin erfolgten Patentvorschläge für Setzmaschinen begannen gleichwohl mit der Tastatur, die zu Beginn der Industrialisierung den Reigen der Patentvorschläge eröffnet hatten.

Die Linotype Zeilengieß- und Setzmaschine kam zuerst in Amerika auf den Markt. Ihre Tastatur unterschied sich allerdings maßgeblich von der QWERTY-Tastatur von Sholes und Gliddens Schreibmaschine. Sie umfasste die Groß- und Kleinbuchstaben der englischen Sprache gemeinsam ohne Umschaltung auf der Tastatur. Der linke Tastenblock enthielt die Großbuchstaben und der rechte Tastenblock die Kleinbuchstaben. Der mittlere blaue Tastenblock enthielt Tasten für das Ausschließen der Zeilen, Sonderzeichen, Interpunktionszeichen, Akzente und weitere Steuertasten für die vielfältigen Maschinenfunktionen. (Abbildung 6)

Abbildung 6: Linotype-Tastatur 1886
Copyright 2006 Marc Dufour for Wikimedia

Die Anordnung der Tasten für die Klein- und Großbuchstaben erfolgte bei der Linotype, im Unterschied zur Schreibmaschine, allein danach, dass die häufigsten Buchstaben der englischen Sprache für den Maschinensetzer am schnellsten erreichbar waren. Die häufigsten Zeichen lagen für die Klein- und Großbuchstaben jeweils in der ersten Spalte oben links, gingen dann senkrecht runter und setzen sich in der zweiten dritten und vierten Spalte fort. Daher wurde diese Tastaturbelegung nach der Reihenfolge der ersten sechs untereinander angeordneten Buchstaben mit ETAOIN bezeichnet und nicht mit QWERTZ wie bei der Schreibmaschine. Eine Linotype-Setzmaschine war eben auch keine Schreibmaschine. Sie ging technikhistorisch ihren eigenen Weg.

Anders war es dagegen bei der von Tolbert Lanston 1897 erfundene Monotype-Setzmaschine. Der Taster für die Monotype verwendete die QWERTY bzw. QWERTZ-Tastatur gleich viermal, um damit das Setzen mit einer Grundschrift und weiteren Auszeichnungsschriften gleichzeitig zu ermöglichen. Die Tatsache, dass der Taster der Monotype von der Gießmaschine getrennt war und damit eine große Nähe zur Schreibmaschine aufwies, könnte ein Grund für die zur Linotype unterschiedliche Tastaturbelegung gewesen sein. Aber das bleibt bloße Spekulation.  

Abbildung 7: Monotype-Taster (1965)
Quelle: wikipedia

Nahezu alle Patente oder Vorschläge für Setzmaschinen verwendeten im 19. Jahrhundert eine Tastatur als Ersatz für den Griff des Schriftsetzers in den Setzkasten. Die Tastatur wurde, wenn auch auf andere Weise als bei der Schreibmaschine, nun zur Eingabeschnittstelle von Setzmaschinen und revolutionierte damit den Bleisatz.

In die Ferne schreiben

Die elektrische Morsetelegrafie breitete sich im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Europa schnell aus. Der Welthandel und die Kolonialexpansion machten einen sicheren Transport von Waren und schnelle Übermittlung von Informationen erforderlich. Entlang der Eisenbahnlinien entstanden Telegrafenleitungen. 1851 wurde die Kabelverbindung London Paris über den Ärmelkanal eingerichtet. Die Verteilung der Telegrafenlinien im Binnenland erfolgte über Relaisstationen, die sich zu großen Verteilungszentren für Nachrichten entwickelten. Im Relaiszentrum der Western Union Telegraph Company von Chicago arbeiteten im Jahr 1900 knapp 900 Telegrafisten an der Vermittlung der ein- und ausgehenden Telegramme gleichzeitig.[5]

Nach mehreren vergeblichen Versuchen zwischen 1854 und 1866 gelang Cyrus Field und Frederic N. Gisborne die Verlegung eines Unterseekabels zwischen Irland und Neufundland. Damit war die erste transatlantische Telegrafenverbindung zwischen den Kontinenten Realität geworden.

Entscheidend für die Weiterentwicklung der Digitalität der Schrift wurde die Verwendung von Lochstreifen in der Morsetelegrafie. 1858 baute Charles Wheatstone in London einen ersten “lochenden Telegraphen”. Statt die Morsezeichen direkt zu senden, wurde der zu sendende Text nun erst auf einem Lochstreifen gestanzt und dadurch gespeichert. Der Lochstreifen wurde anschließend von einem Lochstreifenleser mechanisch abgetastet, in elektrische Signale gewandelt und erst dann übertragen. Die Geschwindigkeit der telegrafischen Übermittlung mit Handtastung erreichte damals bis zu 15 Wörter je Minute. Mit dem Lochstreifen konnte die Datenübertragungsrate mittels Lochstreifen verzehnfacht werden.

Technikhistorisch war der Lochstreifen für die Telegrafie ebenso wie für die Digitalität der Schrift eine Zäsur, denn die zu telegrafierenden Texte wurden dadurch zu Daten, ein wichtiger Schritt auch für die digitale Fonttechnologie. Anders ausgedrückt wurden Schriftzeichen dadurch zu maschinenlesbarer Software. Schriftzeichen wurden damit von der Hardware und ihren schnell flüchtigen elektrischen Signalen unabhängiger. Das Unikat der elektrischen Signalübertragung wurde auf einem Papierstreifen dupliziert und konnte sich dadurch verselbständigen.

Die Verwendung von Lochstreifen oder Lochkarten für die Steuerung einer Maschine war in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus nicht neu. Bereits 1805 erfand der Franzose Joseph-Marie Jacquard (1752–1834) einen Webstuhl, der durch je eine Lochkarte für jeden Schuss gesteuert wurde. Die aneinandergereihten Lochkarten enthielten das programmierte Muster (Jacquardmusterung), das von der Maschine automatisch gewebt werden konnte.

In der Telegrafie wurde dieser Vorgang nun erstmalig auf die Schaltung elektrischer Signale übertragen. Das hatte den Vorteil, dass mehrere Nachrichten parallel aufgenommen werden konnten. Der zweikanalige Lochstreifen hatte in der Mitte eine durchgehende Transportlochung und fand noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts Anwendung (Abbildung 8).

Abbildung 8: Wheatstone Lochstreifen
Quelle: https://www.hell-kiel.de/de/hell-entwicklungen/51-nachrichtentechnik/morsegeraete/105-tastenlocher-tl-1-1950

Das Wheatstone-Prinzip wird in der Betriebsanleitung wie folgt beschrieben:

„Ein gelochter Papierstreifen wird mittels einer Kontakteinrichtung von 2 Fühlhebeln abgetastet. Das Vorbeiführen des Papierstreifens mit eingestanztem Zeichen an den Fühlhebeln geschieht durch einen Motor mittels regelbaren Getriebes.
Das Paar zweier gerade übereinander stehender Löcher ergibt ein Punktzeichen. Das Paar schräg zueinander stehender Löcher, wo das untere Loch nach rechts versetzt ist, ergibt ein Strichzeichen.
In dem Augenblick, wo sich ein Loch des laufenden Papierstreifens über dem Fühlschuh eines Tasthebels befindet, wird das Senderrelais gesteuert. Das Senderrelais wird nicht direkt, sondern zwecks Einhaltung gleichmäßiger Stromstöße für die Morsezeichen über einen Korrektionskollektor getastet.
Die durch die Lochungen des Streifens gesteuerten Fühlhebel bereiten nur die Kontaktgabe vor, während die genaue Bemessung der Stromstöße durch den Korrektionskollektor erfolgt. Ein Strichsymbol dauert also ¾ Umdrehung des Korrektionskollektors, das Punktsymbol nur ¼ Umdrehung.
Ist der Geber in Betrieb, ohne dass ein Papierstreifen aufliegt, so werden durch die Tastvorrichtung nur Punkte getastet.“

Quelle: Schnellmorsegeber, D.(Luft)T.9204, Februar 1942, Luftnachrichtentruppe. Zitiert nach: https://www.qsl.net/dk5ke/telegraf.html

Aus etwa gleicher Zeit wie der “lochende Telegraf” datierte die Erfindung des Typendrucktelegrafen, den David Edward Hughes 1855 der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Mit dem Typendrucktelegrafen war es möglich, die Buchstaben des Alphabets direkt über Tasten ein- und auszugeben. Zur Eingabe verfügte der Typendrucktelegraf über eine Klaviatur mit 28 zweireihig angeordneten Tasten. Mit diesen Tasten wurde die zu telegrafierende Nachricht im Klartext eingegeben. Die Ausgabe des Textes erfolgte über die angesteuerten Drucktypen auf einen Papierstreifen, der von einer Papierrolle abgerollt wurde.

Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu erwähnen, dass Hughes Musiklehrer war und eigentlich beabsichtigte, eine Maschine zu entwickeln, mit der er Musik speichern und übertragen konnte (Abbildung 9).

Abbildung 9: Drucktelegraf von Hughes 1855
Quelle: https://sammlungen.museumsstiftung.de/drucktelegrafen/

 

Das hatte bedeutende Vorteile, denn mit dem Hughes-Drucker konnte die Schulung eines Telegrafen zur Beherrschung des Morsecodes entfallen. Diese Geräte waren jedoch sehr teuer und kamen deshalb nur in großen Telegrafenämtern zum Einsatz.

Auf dem Internationalen Telegrafenkongress 1868 in Wien wurde der Hughes-Drucktelegraf weltweit eingeführt. Um 1900 gab es in Europa mehr als 2.300 Drucktelegrafen, die bis etwa 1930 bei vielen Post- und Telegraphenverwaltungen im Einsatz blieben und erst durch den Fernschreiber verdrängt wurden.

Wheatstones lochender Telegraf verwendete bereits einen echten Binärcode, d.h. die Morsezeichen aus Punkten und Strichen wurden auf dem Lochstreifen durch Löcher als gestanzt oder nicht gestanzt repräsentiert. Morses bzw. Vails Buchstabencodierung selbst blieb dabei jedoch unverändert. Das bedeutete, dass die Codierung der Zeichen bei Morse unterschiedlich lang war, was für eine digitale Codierung zu kompliziert wäre. Die Zeichen waren, wie schon erwähnt wurde auch nicht binär, weil sie aus langen und kurzen Signalen sowie aus Pausen bestanden.

Eine weiter Innovation zur Codierung des Alphabets wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelt. Jean-Maurice-Émile Baudot entwarf 1870 einen Telegrafen, der die Buchstaben statt mit der Morsecodierung mit einer gleich langen binären Codierung für jeden Buchstaben vorsah. Jean-Maurice-Émile Baudot rekurrierte damit auf Francis Bacons Grundidee von 1678  und brachte damit nicht nur die Telegrafie, sondern auch die digitale Schriftcodierung ein wesentliches Stück voran, denn die Decodierung der Zeichen beim Empfänger wurde damit wesentlich vereinfacht.

Abbildung 10: Baudot-Lochstreifen mit 5 Kanälen
Quelle: Wikipedia

Zur Eingabe der Zeichen auf der Sendeseite dienten bei Baudot fünf Tasten, die mit dem Zeige- und Mittelfinger der linken und dem Zeige-, Mittel- und Ringfinger der rechten Hand bedient wurden. Zur Übertragung des fünfstelligen Binärcodes mussten die fünf Tasten auf der Tastatur gleichzeitig gedrückt bzw. nicht gedrückt werden, um die Kombination vom Gerät aus als eine Folge von gesetzten und nicht gesetzten Stromimpulsen zu senden. Der Empfänger las die ankommenden Impulse dagegen hintereinander von I bis V. Auf diese Weise konnten Geschwindigkeiten von 180 Zeichen pro Minute erzielt werden. Auf der Empfängerseite wurde durch eine elektromagnetische Vorrichtung ein Typenrad angesprochen, das von den empfangenen elektrischen Signalen jeweils in die entsprechende Position gebracht wurde, um das angesprochene Zeichen auf einem Papierstreifen in Klarschrift zu drucken. (Abbildung 11)

Abbildung 11: Baudot-Telegraf 1870
Quelle: http://www.telegraphsofeurope.net/page47.html

Es ging Baudot darum, dass seine Erfindung die Buchstaben der Nachrichten automatisch codieren und zugleich decodieren konnte.

Jean-Maurice-Émile Baudot nutzte außerdem eine weitere Möglichkeit, um die Menge der übertragenen Zeichen durch einen Multiplexer weiter zu steigern. Der Multiplexer hatte die Aufgabe, das Senden mehrerer Sendestationen zu koordinieren, indem jedem Sendegerät ein Zeitfenster zugeordnet wurde. Innerhalb dieses Zeitfensters wurde immer nur ein Sendegerät auf Sendung zum Empfänger geschaltet, während die anderen Sender in dieser Zeit blockiert waren (Zeitmultiplexverfahren). Nach dem Rotationsprinzip wurde im ersten Zeitfenster der erste Sender verbunden, im zweiten Zeitfenster der zweite und so fort. Der Multiplexer ermöglichte es im sogenannten Duplexbetrieb, eine physikalische Leitung in zwölf virtuelle Leitungen aufzuspalten.

Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass der Baudot-Code über einen Umschaltcode wie bei einer Schreibmaschine verfügte. Der Baudot-Code schaltete jedoch nicht zwischen Groß- und Kleinbuchstaben um, sondern zwischen einer Buchstaben- und einer Zahlentabelle:

Abbildung 12: Baudot-Codierung 1890
Quelle: Dirk W. Hoffmann: Einführung in die Informations und
Codierungstheorie, S.39

Die Zeichencodierung von 5 Bit ließ lediglich die Codierung von 25, also 32 Zeichen zu, was nicht ausreichend war, um Groß- und Kleinbuchstaben zusammen mit Ziffern, Interpunktionszeichen und Sonderzeichen zu codieren. Trotz dieser Einschränkung und wegen der schnellen internationalen Verbreitung der Telegrafie wurde bald der Ruf nach technischen Standards mit internationaler Gültigkeit laut. Der Ruf wurde 1865 erhört.

Am 17. Mai 1865 wurde der Internationale Telegraphenverein ( Comité Consultatif International Télégraphique et Téléphonique [CCITT]) gegründet und gehörte damit zur zweitältesten internationalen Organisation. Der Baudot-Code wurde von der CCITT als „CCITT-1-Code“ international als Standard vereinbart.

Frederick George Creed arbeitete 1885 als Angestellter bei der South American Telgraph and Cable Company in Chile. Er dachte über eine weitere Vereinfachung des Baudot-Systems nach und überlegte, ob es nicht einen besseren Weg zur Eingabe der Buchstaben über die Tastatur geben könnte. Er kündigte seinen Job und ging nach England, um seine Ideen in die Tat umzusetzen.

“Mit Hilfe einer alten Schreibmaschine, die auf dem Markt in der Sauchiehall Street für 15 Schilling (75 Pence) gekauft wurde, nahmen seine Ideen Gestalt an.”

Quelle: http://www.samhallas.co.uk/telhist1/telehist2.htm
Abbildung 13:telegraf mit Schreibmaschinentastatur von Creed

 

So war Frederick George Creed der Erste, der dazu beigetragen hatte, dass die Telegrafie und die Schreibmaschine technikgeschichtlich miteinander vereint wurden. Es war eine QWERTY(Z)- Schreibmaschinentastatur, mit der er für die Symbiose zwischen Universal-Schreibmaschinentastatur und Telegrafie sorgte.

Eine weitere maßgebliche Verbesserung auf dem Weg der Buchstaben in die Digitalität entwickelte 1901 Donald Murray. Donald Murray verwendete ebenfalls eine Schreibmaschine mit QWERTY-Tastaturbelegung. Sein Verdienst war es, den Code von Baudot entscheidend zu verändern und dadurch die Nachrichten-Übertragung über Lochstreifen zu optimieren (Mehr dazu im Teil 3 dieses Blog-Beitrags).

Durch Drücken nur einer Taste wurde bei Murrays Maschine die zugehörige Zeichenfolge von fünf Lochkombinationen – individuell für jedes Zeichen – in einen Lochstreifen gestanzt. Ein darin integrierter Lochstreifenleser tastete den Lochstreifen sofort ab und sendete den Code mit einer Geschwindigkeit von etwa 1260 Buchstaben pro Minute zum Empfänger. Murray fügte für die Verwendung von Blattschreibern, statt Endlosschreibern zusätzliche Steuerzeichen wie beispielsweise für Wagenrücklauf und Zeilenvorschub ein. Dieser so veränderte Murray-Code wurde 1932 von der CCITT als Internationales Telegrafenalphabet Nr. 2 (kurz CCITT-2 oder ITA2) standardisiert (siehe auch Teile 3 dieses Blog-Beitrags). Der ursprüngliche Baudot-Code wurde als International Telegraph Alphabet No. 1 (ITA1), in CCITT-1 umbenannt und blieb als Standard erhalten.

Die entscheidenden Bausteine für die Entwicklung des Fernschreibers waren damit komplett. Fernschreiber waren Schreibmaschinen, in denen ein Lochstreifenleser und ein Lochstreifenstanzer integriert waren. Sie fungierten als Sende- und Empfangsstation gleichzeitig. Mit der Schreibmaschinentastatur wurde der Text eingegeben und zur Kontrolle auf Papier geschrieben. Gleichzeitig wurde der eingegebene Text als CCITT-2-Code in den Lochstreifen gestanzt, der dann gesendet wurde. Zum Datenempfang wurde zuerst ein Lochstreifen gestanzt und anschließend sofort auf der Schreibmaschine ausgedruckt.

Abbildung 14: Fernschreiber Siemens T 100, 1960
Quelle:Von Nightflyer, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8923219

Mit der Vereinigung von Schreibmaschinentastatur und Murray-Codierung vollzog sich technikhistorisch die Metamorphose von der mechanischen Schreibmaschine im 19. Jahrhundert zum Fernschreiber im 20. Jahrhundert. Mechanische Schreibmaschine und Telegrafie sind dabei zusammengewachsen. Die einzelnen Buchstaben des Alphabets wurden nun über elektrische Codes adressierbar. Das Buchstabenbild bestand aber weiterhin aus den materiellen Drucktypen des Fernschreibers. Sie druckten noch im Hochdruck wie mit Gutenbergs Lettern. Dennoch gehörte es nicht zum Treppenwitz der Weltgeschichte, dass der Fernschreiber ein unverzichtbares Werkzeug war, um den Buchstaben im 20. Jahrhundert zu ihrer digitalen Repräsentation im Computer, dem Tablet oder dem Smartphone zu verhelfen. Diese Geschichte lesen sie im 4. Teil dieses Blog-Artikels.

Literatur:

V. Aschoff: Geschichte der Nachrichtentechnik Bd. 2. Nachrichtentechnische Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1995

IADM: Der maschinelle Bleisatz. Aspekte der Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Jahrestagung des Internationalen Arbeitskreises Druck- und Mediengeschichte in Leipzig. 2008

Till A. Heilmann: Textverarbeitung. Eine Mediengeschichte des Computers als Schreibmaschine. 2012

Dirk Hoffmann: Einführung in die Informations- und Codierungstheorie. 2014

Andreas Knie: Generierung und Härtung technischen Wissens: Die Entstehung der mechanischen Schreibmaschine WZB Discussion Paper, No. FS II 91-103

Zwischen Morsecode und Fonttechnologie Teil 3. Lochstreifen und Perforator übernehmen das Kommando