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Zwischen Morsecode und digitaler Font-Technolgie Teil 2: Von der Schreibmaschine zum Fernschreiber

Abbildung 1: Inventar-Nr.: NKg/00329 Künstler: Dänemark, Kopenhagen, Rasmus Malling Hansen (1835-1890) Gegenstand: Skrivekugle (Schreibkugel) des Nietzsche, Friedrich (1844-1900) Datierung: Um 1882 Technik: Feinmechanikerarbeit, Gravur Material: Messing, Stahl

„Diese Maschine ist delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth – und einige Unterhaltung.“

Dieses Urteil fällte Friedrich Nietzsche am 17.03.1882 über seine erste Schreibmaschine. Sie funktionierte ganz mechanisch, bereitete ihm aber offensichtlich technische Probleme, denn er schrieb am 23.03.1882,

„die Schreibmaschine verweigert seit vorgestern ihren Dienst; ganz rätselhaft! Alles in Ordnung! Aber kein Buchstabe ist zu erkennen.“

Zit. nach: Monika Disser M.A.: Friedrich Nietzsche und das Experiment Schreibmaschine.

Heute haben PC und Tablets die Schreibmaschine längst ersetzt. In der Genealogie des Computers und der digitalen Schriftenfonts zeigt sich aber noch die technikhistorische Spur zwischen der Mechanik der Typenhebel einer Schreibmaschine und den heutigen Computerschriften in PCs, Tablets und Smartphones. Das Ziel dieses 2. Teils des Blog-Beitrags ist es, diese Spur wiederzufinden.

Ohne Fernschreiber und Lochstreifen hätte die Entwicklung zur Digitalität der Computerschriften und Setzverfahren im 20. Jahrhundert nicht stattgefunden. Die technikhistorischen Details, die der Fernschreiber nach seiner Erfindung für die digitale Font-Technologie hatte, betrachtet der 3. Teil des Blog-Artikels.

Innovation des Schreibens durch die Schreibmaschine

Technische Innovationen entstehen selten aus dem Nichts. Es sind äußere Impulse, die Ideen zu Neuerungen virulent werden lassen. Handwerk und Handel, die sich bereits seit dem 13. Jahrhundert auszuweiten begannen, hatten zur Folge, dass in den Kontoren der Kaufleute die manuelle Schreibarbeit immer mehr anstieg. Zur Absicherung der Risiken während des Fernhandels wurden Versicherungsverträge geschlossen und die Finanzierung der Projekte erforderte immer mehr Korrespondenz mit Banken. Als im 19. Jahrhundert mit der Beseitigung der Zünfte Handel, Handwerk und Wissenschaft stärker zusammenwuchsen, wurde die Bürotätigkeit nicht mehr allein eine spezifische Tätigkeit des Handels, sondern weitete sich in allen Gewerben, vorrangig in den Fabriken der Städte explosionsartig aus. Der Nährboden für die Idee der Mechanisierung der Bürotätigkeit war damit geschaffen. So ist erklärlich, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zeitgleich und weitgehend unabhängig voneinander, Patentvorschläge zur Ökonomisierung des Schreibens durch die Schreibmaschine virulent wurden.
Es ist die profane Tastatur, deren Einsatz die Erfinder im 19. Jahrhundert auch zu innovativen Ideen in der Druck- und Mediengeschichte inspirierten. Was im Büro die Monotonie der Schreibarbeit durch ihre Mechanisierung erleichtern konnte, war das nicht auch für den Bleisatz tauglich? Ihr Einsatz bei der Texterfassung im Bleisatz gab dem Übergang von Gutenbergs Handsatz zum Maschinensatz einen gehörigen Impetus.
Die Tastatur der Schreibmaschine mechanisierte nicht nur die Büroarbeit. Auch Buchautoren nutzten die Schreibmaschine; so wurde aus dem handgeschriebenen Manuskript ein Typoskript. Schließlich schickte die Erfindung der Drucktypen-Telegrafen-Tastatur auch die Morsetasten bald in Rente.
Schon in der Antike erfunden, entfaltete die Tastatur aus den oben erwähnten Gründen erst im 19. Jahrhundert ihr innovatives Potential in der Mediengeschichte.
Eine einreihige Tastatur kam bereits für die Hydraulis zum Einsatz, einer Wasserorgel aus dem 3. Jhd. v. Chr., deren Erfindung dem Techniker Ktesibios zugeschrieben wird. Tastaturen mit mehreren Tastenreihen waren in Europa seit etwa dem 9. Jahrhundert im Orgelbau bekannt. Was bei Musikinstrumenten so gut funktionierte, konnte das nicht auch auf Buchstaben Anwendung finden? Diese Frage beantwortete 1714 erstmalig der Wasserwerksingenieur Henry Mill, als er eine Schreibmaschine zum Patent anmeldete. Ihre genaue Konstruktion ist allerdings nicht überliefert. Wahrscheinlich wurde sie wohl auch nie gebaut. Auch das Modell des badischen Forstmeisters Karl Freiherr von Drais, der 1830 eine Schreibmaschine baute, bei der die Buchstaben „wie Messerlein von unten heraufkam(en),“ ist nicht mehr erhalten. Die erste nachweislich auch gebaute Schreibmaschine stammt von Pellegrino Turri (1808).
Im 19. Jahrhundert war die Zeit offenbar reif für die Mechanisierung des Schreibens. Es gab, wie so häufig, viele Erfinder, die im 19. Jahrhundert am Projekt der Mechanisierung des Schreibens teilhaben wollten. Zu ihnen gehört Xavier Progin aus Marseille, der 1833 sein Modell zum Patent anmeldete. Konstruktionselemente wie Typenhebel, Typenhebelführung, Umschaltung für Groß- und Kleinschreibung sowie ein Farbband kennzeichneten das „Cembalo srivano“, das bereits 1855 der Rechtsgelehrte Guiseppe Ravizza aus Novara als Schreibmaschine zum Patent angemeldet hatte (Abbildung 2). Bei seiner Erfindung erinnerte nicht nur der Name an die Klaviatur eines Musikinstrumentes, seine Schreibmaschine hat auch äußerlich damit eine gewisse Ähnlichkeit.

Abbildung 2: Cembalo scrivano 1855
Quelle: https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=175068)

Ein Südtiroler Zimmermann, Peter Mitterhofer, arbeitete zwischen 1864 bis 1869 ebenfalls am Projekt Schreibmaschine. Dessen erstes Modell (Abbildung 3) ist aus Holz, was bei seiner beruflichen Tätigkeit nicht verwundert, und weist 30 Tasten mit Großbuchstaben auf. Die Buchstaben der Schreibmaschine waren punktiert, statt mittels eines Farbbandes das Schriftbild auf das Papier zu übertragen wurde das Papier perforiert.

Abbildung 3: Schreibmaschine von Peter Mittenhofer (1864)
Quelle: Wikipedia

 

Die von Nietzsche verwendete Schreibkugel (Abbildung 1) wurde 1867 von dem Pastor Malling Hansen aus Kopenhagen erfunden. Die von ihm verwendeten Typenstäbe in der Halbkugelschale waren jedoch ein Konstruktionsprinzip, das sich nicht durchsetzen sollte.
In Kleinsteuber’s Machine Shop in Milwaukee arbeiteten der Drucker und spätere Herausgeber der Bender’s Newspaper Christopher Latham Sholes. Zusammen mit Carlos Glidden und Samuel W. Soulé entwickelten sie eine Schreibmaschine, die sie am 14. Juli 1868 zum Patent anmeldeten. Die Tastatur ihrer Schreibmaschine war ein Kompromiss aus technischer Funktionstüchtigkeit und Benutzerfreundlichkeit. Sie war nicht mehr nach dem Alphabet geordnet, wie das bei vielen anderen Konstruktionsvorschlägen dieser Zeit der Fall war. Sie war aber auch nicht danach aufgebaut, dass die am häufigsten in der englischen Sprache vorkommenden Buchstaben am leichtesten erreichbar waren. Ihr Konstruktionsprinzip konzentrierte sich stattdessen darauf, dass sich die Buchstaben dicht beieinanderliegender Typenhebel nicht verhakten. Diese Tastatur war daher ein Kompromiss aus technischer Notwendigkeit und Benutzerfreundlichkeit. Sie bekam später den Namen QWERTY-Anordnung, benannt nach den ersten sechs Tasten der obersten Buchstabenreihe auf der amerikanischen Tastatur (Abbildung 4). Das Patent für diese Schreibmaschine von Latham Sholes, Carlos Glidden und Samuel W. Soulé war zwar noch nicht vollkommen ausgereift, aber es war zu dieser Zeit das einzige, welches sich für eine Serienproduktion eignete. Die Tastaturanordnung hat sich seither bis zur Tastaturanordnung der Computer, Tablets und Smartphones erhalten, obwohl es schon lange keine klemmenden Typenhebel in Computern mehr gibt.

Abbildung 4: Schreibmaschine von Sholes und Gliddens 1876 (USA)
Quelle: wikipedia

Der Waffen- und Nähmaschinenhersteller E. Remington & Sons suchte nach dem Ende des amerikanischen Sezessionskrieges ein Ersatzprodukt für seine Waffenproduktion und fand sie in der Schreibmaschine.  Die erste in Serie produzierte Schreibmaschine stammt deshalb von Latham Sholes und Carlos Glidden. Sie wurde von E.Remington & Sons ab 1874 in kleiner Serie hergestellt. 1878 folgt die Remington II, die bereits über die Umschaltung für Groß- und Kleinbuchstaben verfügte.

Das primäre Interesse der Unternehmen am Projekt Schreibmaschine galt einer erhofften Auslastung der Fertigungskapazitäten. Ein unternehmerisches Interesse an der Verbesserung des Produktes Schreibmaschine blieb zumeist den kurzfristigen Diversifizierungskalkülen untergeordnet und sollte sich auch später nur gelegentlich- und für die generelle technische Entwicklung eher folgenlos – einstellen.“

Andreas Knie: Generierung und Härtung technischen Wissens: Die Entstehung der mechanischen Schreibmaschine WZB Discussion Paper, No. FS II 91-103

1897 schlossen sich die größten amerikanischen Schreibmaschinenhersteller von Typenhebelmaschinen zum Kartell der Union Typewriter Company zusammen. Unter der Führung der „Standard Remington“ konsolidierte sich der Stand der Technik in der Schreibmaschinenindustrie. Der amerikanische Standard wirkte bis nach Europa, wohin er durch Lizenzverkauf exportiert wurde.

Nach dem 1. Weltkrieg wurden in den in Deutschland aufkommenden ‘Psychotechnischen Arbeitsstudien’ zum Thema Schreibmaschinentastatur bemängelt, dass die aus den USA übernommene ‘Universaltastatur’ QWERTY bezüglich der Häufigkeitsverteilung der Buchstaben und Silben in der deutschen Sprache sowie wegen der unterschiedlich starken Belastbarkeit der Hände ungeeignet sei. Alle Versuche zur Änderung des Tastenfeldes scheiterten jedoch trotz dieser klaren Diagnose. Man einigte sich 1928 im Normenausschuss mit der DIN 2112 darauf, die amerikanische Universaltastatur QWERTY grundsätzlich beizubehalten und lediglich das ‘Y’ gegen das ‘Z’ auszutauschen, sodass die deutsche Tastatur nun mit QWERZ bezeichnet wurde.

Wie vorher schon in Amerika etablierten sich nach Einführung der amerikanischen Schreibmaschinen auch in Deutschland schnell Methoden zum Erlernen des Zehnfingersystems. Diese Methoden standen der Änderung des Tastaturlayouts sicherlich ebenso im Wege wie vorher in den USA.

Daraus erklärt sich, dass die QWERTY- oder QWERTZ-Tastaturbelegung bis heute bei allen PCs und den in Touchscreens schamhaft versteckten Tastaturen der Tablets und Smartphones erhalten hat. Hier ist die technikhistorische Spur zwischen Schreibmaschine und Computer am klarsten erkennbar.

Innovation im Bleisatz durch die Tastatur der Setzmaschine

Die Tastatur ist im 19. Jahrhundert auch ein Hauptdarsteller bei der Mechanisierung des Bleisatzes durch Setzmaschinen. William Church hat zwischen 1804 und 1822 an der Entwicklung einer Typensetzmaschine gearbeitet, die den Setzvorgang durch Verwendung von Tasten automatisieren sollte. (Abbildung 5)

Abbildung 5: Typensetzmaschine für Bleiletter von William Church 1822
Quelle: Wikipedia

Die Drucktypen dieses Entwurfs seiner Setzmaschine befanden sich in einem Behälter, der durch den Druck auf eine Taste die unterste Type freigab. Das wesentliche Merkmal des ersten Patents für eine Setzmaschine war im Jahre 1822 durch die Verwendung einer Tastatur als Innovation gekennzeichnet. Diese erste Typensetzmaschine war noch weit entfernt von der Linotype- Zeilengieß- und Setzmaschine aus dem Jahr 1886, die den Maschinensatz im 19. Jahrhundert zum Durchbruch verhalf. Aber die vielen bis dahin erfolgten Patentvorschläge für Setzmaschinen begannen gleichwohl mit der Tastatur, die zu Beginn der Industrialisierung den Reigen der Patentvorschläge eröffnet hatten.

Die Linotype Zeilengieß- und Setzmaschine kam zuerst in Amerika auf den Markt. Ihre Tastatur unterschied sich allerdings maßgeblich von der QWERTY-Tastatur von Sholes und Gliddens Schreibmaschine. Sie umfasste die Groß- und Kleinbuchstaben der englischen Sprache gemeinsam ohne Umschaltung auf der Tastatur. Der linke Tastenblock enthielt die Großbuchstaben und der rechte Tastenblock die Kleinbuchstaben. Der mittlere blaue Tastenblock enthielt Tasten für das Ausschließen der Zeilen, Sonderzeichen, Interpunktionszeichen, Akzente und weitere Steuertasten für die vielfältigen Maschinenfunktionen. (Abbildung 6)

Abbildung 6: Linotype-Tastatur 1886
Copyright 2006 Marc Dufour for Wikimedia

Die Anordnung der Tasten für die Klein- und Großbuchstaben erfolgte bei der Linotype, im Unterschied zur Schreibmaschine, allein danach, dass die häufigsten Buchstaben der englischen Sprache für den Maschinensetzer am schnellsten erreichbar waren. Die häufigsten Zeichen lagen für die Klein- und Großbuchstaben jeweils in der ersten Spalte oben links, gingen dann senkrecht runter und setzen sich in der zweiten dritten und vierten Spalte fort. Daher wurde diese Tastaturbelegung nach der Reihenfolge der ersten sechs untereinander angeordneten Buchstaben mit ETAOIN bezeichnet und nicht mit QWERTZ wie bei der Schreibmaschine. Eine Linotype-Setzmaschine war eben auch keine Schreibmaschine. Sie ging technikhistorisch ihren eigenen Weg.

Anders war es dagegen bei der von Tolbert Lanston 1897 erfundene Monotype-Setzmaschine. Der Taster für die Monotype verwendete die QWERTY bzw. QWERTZ-Tastatur gleich viermal, um damit das Setzen mit einer Grundschrift und weiteren Auszeichnungsschriften gleichzeitig zu ermöglichen. Die Tatsache, dass der Taster der Monotype von der Gießmaschine getrennt war und damit eine große Nähe zur Schreibmaschine aufwies, könnte ein Grund für die zur Linotype unterschiedliche Tastaturbelegung gewesen sein. Aber das bleibt bloße Spekulation.  

Abbildung 7: Monotype-Taster (1965)
Quelle: wikipedia

Nahezu alle Patente oder Vorschläge für Setzmaschinen verwendeten im 19. Jahrhundert eine Tastatur als Ersatz für den Griff des Schriftsetzers in den Setzkasten. Die Tastatur wurde, wenn auch auf andere Weise als bei der Schreibmaschine, nun zur Eingabeschnittstelle von Setzmaschinen und revolutionierte damit den Bleisatz.

In die Ferne schreiben

Die elektrische Morsetelegrafie breitete sich im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Europa schnell aus. Der Welthandel und die Kolonialexpansion machten einen sicheren Transport von Waren und schnelle Übermittlung von Informationen erforderlich. Entlang der Eisenbahnlinien entstanden Telegrafenleitungen. 1851 wurde die Kabelverbindung London Paris über den Ärmelkanal eingerichtet. Die Verteilung der Telegrafenlinien im Binnenland erfolgte über Relaisstationen, die sich zu großen Verteilungszentren für Nachrichten entwickelten. Im Relaiszentrum der Western Union Telegraph Company von Chicago arbeiteten im Jahr 1900 knapp 900 Telegrafisten an der Vermittlung der ein- und ausgehenden Telegramme gleichzeitig.[5]

Nach mehreren vergeblichen Versuchen zwischen 1854 und 1866 gelang Cyrus Field und Frederic N. Gisborne die Verlegung eines Unterseekabels zwischen Irland und Neufundland. Damit war die erste transatlantische Telegrafenverbindung zwischen den Kontinenten Realität geworden.

Entscheidend für die Weiterentwicklung der Digitalität der Schrift wurde die Verwendung von Lochstreifen in der Morsetelegrafie. 1858 baute Charles Wheatstone in London einen ersten “lochenden Telegraphen”. Statt die Morsezeichen direkt zu senden, wurde der zu sendende Text nun erst auf einem Lochstreifen gestanzt und dadurch gespeichert. Der Lochstreifen wurde anschließend von einem Lochstreifenleser mechanisch abgetastet, in elektrische Signale gewandelt und erst dann übertragen. Die Geschwindigkeit der telegrafischen Übermittlung mit Handtastung erreichte damals bis zu 15 Wörter je Minute. Mit dem Lochstreifen konnte die Datenübertragungsrate mittels Lochstreifen verzehnfacht werden.

Technikhistorisch war der Lochstreifen für die Telegrafie ebenso wie für die Digitalität der Schrift eine Zäsur, denn die zu telegrafierenden Texte wurden dadurch zu Daten, ein wichtiger Schritt auch für die digitale Fonttechnologie. Anders ausgedrückt wurden Schriftzeichen dadurch zu maschinenlesbarer Software. Schriftzeichen wurden damit von der Hardware und ihren schnell flüchtigen elektrischen Signalen unabhängiger. Das Unikat der elektrischen Signalübertragung wurde auf einem Papierstreifen dupliziert und konnte sich dadurch verselbständigen.

Die Verwendung von Lochstreifen oder Lochkarten für die Steuerung einer Maschine war in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus nicht neu. Bereits 1805 erfand der Franzose Joseph-Marie Jacquard (1752–1834) einen Webstuhl, der durch je eine Lochkarte für jeden Schuss gesteuert wurde. Die aneinandergereihten Lochkarten enthielten das programmierte Muster (Jacquardmusterung), das von der Maschine automatisch gewebt werden konnte.

In der Telegrafie wurde dieser Vorgang nun erstmalig auf die Schaltung elektrischer Signale übertragen. Das hatte den Vorteil, dass mehrere Nachrichten parallel aufgenommen werden konnten. Der zweikanalige Lochstreifen hatte in der Mitte eine durchgehende Transportlochung und fand noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts Anwendung (Abbildung 8).

Abbildung 8: Wheatstone Lochstreifen
Quelle: https://www.hell-kiel.de/de/hell-entwicklungen/51-nachrichtentechnik/morsegeraete/105-tastenlocher-tl-1-1950

Das Wheatstone-Prinzip wird in der Betriebsanleitung wie folgt beschrieben:

„Ein gelochter Papierstreifen wird mittels einer Kontakteinrichtung von 2 Fühlhebeln abgetastet. Das Vorbeiführen des Papierstreifens mit eingestanztem Zeichen an den Fühlhebeln geschieht durch einen Motor mittels regelbaren Getriebes.
Das Paar zweier gerade übereinander stehender Löcher ergibt ein Punktzeichen. Das Paar schräg zueinander stehender Löcher, wo das untere Loch nach rechts versetzt ist, ergibt ein Strichzeichen.
In dem Augenblick, wo sich ein Loch des laufenden Papierstreifens über dem Fühlschuh eines Tasthebels befindet, wird das Senderrelais gesteuert. Das Senderrelais wird nicht direkt, sondern zwecks Einhaltung gleichmäßiger Stromstöße für die Morsezeichen über einen Korrektionskollektor getastet.
Die durch die Lochungen des Streifens gesteuerten Fühlhebel bereiten nur die Kontaktgabe vor, während die genaue Bemessung der Stromstöße durch den Korrektionskollektor erfolgt. Ein Strichsymbol dauert also ¾ Umdrehung des Korrektionskollektors, das Punktsymbol nur ¼ Umdrehung.
Ist der Geber in Betrieb, ohne dass ein Papierstreifen aufliegt, so werden durch die Tastvorrichtung nur Punkte getastet.“

Quelle: Schnellmorsegeber, D.(Luft)T.9204, Februar 1942, Luftnachrichtentruppe. Zitiert nach: https://www.qsl.net/dk5ke/telegraf.html

Aus etwa gleicher Zeit wie der “lochende Telegraf” datierte die Erfindung des Typendrucktelegrafen, den David Edward Hughes 1855 der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Mit dem Typendrucktelegrafen war es möglich, die Buchstaben des Alphabets direkt über Tasten ein- und auszugeben. Zur Eingabe verfügte der Typendrucktelegraf über eine Klaviatur mit 28 zweireihig angeordneten Tasten. Mit diesen Tasten wurde die zu telegrafierende Nachricht im Klartext eingegeben. Die Ausgabe des Textes erfolgte über die angesteuerten Drucktypen auf einen Papierstreifen, der von einer Papierrolle abgerollt wurde.

Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu erwähnen, dass Hughes Musiklehrer war und eigentlich beabsichtigte, eine Maschine zu entwickeln, mit der er Musik speichern und übertragen konnte (Abbildung 9).

Abbildung 9: Drucktelegraf von Hughes 1855
Quelle: https://sammlungen.museumsstiftung.de/drucktelegrafen/

 

Das hatte bedeutende Vorteile, denn mit dem Hughes-Drucker konnte die Schulung eines Telegrafen zur Beherrschung des Morsecodes entfallen. Diese Geräte waren jedoch sehr teuer und kamen deshalb nur in großen Telegrafenämtern zum Einsatz.

Auf dem Internationalen Telegrafenkongress 1868 in Wien wurde der Hughes-Drucktelegraf weltweit eingeführt. Um 1900 gab es in Europa mehr als 2.300 Drucktelegrafen, die bis etwa 1930 bei vielen Post- und Telegraphenverwaltungen im Einsatz blieben und erst durch den Fernschreiber verdrängt wurden.

Wheatstones lochender Telegraf verwendete bereits einen echten Binärcode, d.h. die Morsezeichen aus Punkten und Strichen wurden auf dem Lochstreifen durch Löcher als gestanzt oder nicht gestanzt repräsentiert. Morses bzw. Vails Buchstabencodierung selbst blieb dabei jedoch unverändert. Das bedeutete, dass die Codierung der Zeichen bei Morse unterschiedlich lang war, was für eine digitale Codierung zu kompliziert wäre. Die Zeichen waren, wie schon erwähnt wurde auch nicht binär, weil sie aus langen und kurzen Signalen sowie aus Pausen bestanden.

Eine weiter Innovation zur Codierung des Alphabets wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelt. Jean-Maurice-Émile Baudot entwarf 1870 einen Telegrafen, der die Buchstaben statt mit der Morsecodierung mit einer gleich langen binären Codierung für jeden Buchstaben vorsah. Jean-Maurice-Émile Baudot rekurrierte damit auf Francis Bacons Grundidee von 1678  und brachte damit nicht nur die Telegrafie, sondern auch die digitale Schriftcodierung ein wesentliches Stück voran, denn die Decodierung der Zeichen beim Empfänger wurde damit wesentlich vereinfacht.

Abbildung 10: Baudot-Lochstreifen mit 5 Kanälen
Quelle: Wikipedia

Zur Eingabe der Zeichen auf der Sendeseite dienten bei Baudot fünf Tasten, die mit dem Zeige- und Mittelfinger der linken und dem Zeige-, Mittel- und Ringfinger der rechten Hand bedient wurden. Zur Übertragung des fünfstelligen Binärcodes mussten die fünf Tasten auf der Tastatur gleichzeitig gedrückt bzw. nicht gedrückt werden, um die Kombination vom Gerät aus als eine Folge von gesetzten und nicht gesetzten Stromimpulsen zu senden. Der Empfänger las die ankommenden Impulse dagegen hintereinander von I bis V. Auf diese Weise konnten Geschwindigkeiten von 180 Zeichen pro Minute erzielt werden. Auf der Empfängerseite wurde durch eine elektromagnetische Vorrichtung ein Typenrad angesprochen, das von den empfangenen elektrischen Signalen jeweils in die entsprechende Position gebracht wurde, um das angesprochene Zeichen auf einem Papierstreifen in Klarschrift zu drucken. (Abbildung 11)

Abbildung 11: Baudot-Telegraf 1870
Quelle: http://www.telegraphsofeurope.net/page47.html

Es ging Baudot darum, dass seine Erfindung die Buchstaben der Nachrichten automatisch codieren und zugleich decodieren konnte.

Jean-Maurice-Émile Baudot nutzte außerdem eine weitere Möglichkeit, um die Menge der übertragenen Zeichen durch einen Multiplexer weiter zu steigern. Der Multiplexer hatte die Aufgabe, das Senden mehrerer Sendestationen zu koordinieren, indem jedem Sendegerät ein Zeitfenster zugeordnet wurde. Innerhalb dieses Zeitfensters wurde immer nur ein Sendegerät auf Sendung zum Empfänger geschaltet, während die anderen Sender in dieser Zeit blockiert waren (Zeitmultiplexverfahren). Nach dem Rotationsprinzip wurde im ersten Zeitfenster der erste Sender verbunden, im zweiten Zeitfenster der zweite und so fort. Der Multiplexer ermöglichte es im sogenannten Duplexbetrieb, eine physikalische Leitung in zwölf virtuelle Leitungen aufzuspalten.

Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass der Baudot-Code über einen Umschaltcode wie bei einer Schreibmaschine verfügte. Der Baudot-Code schaltete jedoch nicht zwischen Groß- und Kleinbuchstaben um, sondern zwischen einer Buchstaben- und einer Zahlentabelle:

Abbildung 12: Baudot-Codierung 1890
Quelle: Dirk W. Hoffmann: Einführung in die Informations und
Codierungstheorie, S.39

Die Zeichencodierung von 5 Bit ließ lediglich die Codierung von 25, also 32 Zeichen zu, was nicht ausreichend war, um Groß- und Kleinbuchstaben zusammen mit Ziffern, Interpunktionszeichen und Sonderzeichen zu codieren. Trotz dieser Einschränkung und wegen der schnellen internationalen Verbreitung der Telegrafie wurde bald der Ruf nach technischen Standards mit internationaler Gültigkeit laut. Der Ruf wurde 1865 erhört.

Am 17. Mai 1865 wurde der Internationale Telegraphenverein ( Comité Consultatif International Télégraphique et Téléphonique [CCITT]) gegründet und gehörte damit zur zweitältesten internationalen Organisation. Der Baudot-Code wurde von der CCITT als „CCITT-1-Code“ international als Standard vereinbart.

Frederick George Creed arbeitete 1885 als Angestellter bei der South American Telgraph and Cable Company in Chile. Er dachte über eine weitere Vereinfachung des Baudot-Systems nach und überlegte, ob es nicht einen besseren Weg zur Eingabe der Buchstaben über die Tastatur geben könnte. Er kündigte seinen Job und ging nach England, um seine Ideen in die Tat umzusetzen.

“Mit Hilfe einer alten Schreibmaschine, die auf dem Markt in der Sauchiehall Street für 15 Schilling (75 Pence) gekauft wurde, nahmen seine Ideen Gestalt an.”

Quelle: http://www.samhallas.co.uk/telhist1/telehist2.htm
Abbildung 13:telegraf mit Schreibmaschinentastatur von Creed

 

So war Frederick George Creed der Erste, der dazu beigetragen hatte, dass die Telegrafie und die Schreibmaschine technikgeschichtlich miteinander vereint wurden. Es war eine QWERTY(Z)- Schreibmaschinentastatur, mit der er für die Symbiose zwischen Universal-Schreibmaschinentastatur und Telegrafie sorgte.

Eine weitere maßgebliche Verbesserung auf dem Weg der Buchstaben in die Digitalität entwickelte 1901 Donald Murray. Donald Murray verwendete ebenfalls eine Schreibmaschine mit QWERTY-Tastaturbelegung. Sein Verdienst war es, den Code von Baudot entscheidend zu verändern und dadurch die Nachrichten-Übertragung über Lochstreifen zu optimieren (Mehr dazu im Teil 3 dieses Blog-Beitrags).

Durch Drücken nur einer Taste wurde bei Murrays Maschine die zugehörige Zeichenfolge von fünf Lochkombinationen – individuell für jedes Zeichen – in einen Lochstreifen gestanzt. Ein darin integrierter Lochstreifenleser tastete den Lochstreifen sofort ab und sendete den Code mit einer Geschwindigkeit von etwa 1260 Buchstaben pro Minute zum Empfänger. Murray fügte für die Verwendung von Blattschreibern, statt Endlosschreibern zusätzliche Steuerzeichen wie beispielsweise für Wagenrücklauf und Zeilenvorschub ein. Dieser so veränderte Murray-Code wurde 1932 von der CCITT als Internationales Telegrafenalphabet Nr. 2 (kurz CCITT-2 oder ITA2) standardisiert (siehe auch Teile 3 dieses Blog-Beitrags). Der ursprüngliche Baudot-Code wurde als International Telegraph Alphabet No. 1 (ITA1), in CCITT-1 umbenannt und blieb als Standard erhalten.

Die entscheidenden Bausteine für die Entwicklung des Fernschreibers waren damit komplett. Fernschreiber waren Schreibmaschinen, in denen ein Lochstreifenleser und ein Lochstreifenstanzer integriert waren. Sie fungierten als Sende- und Empfangsstation gleichzeitig. Mit der Schreibmaschinentastatur wurde der Text eingegeben und zur Kontrolle auf Papier geschrieben. Gleichzeitig wurde der eingegebene Text als CCITT-2-Code in den Lochstreifen gestanzt, der dann gesendet wurde. Zum Datenempfang wurde zuerst ein Lochstreifen gestanzt und anschließend sofort auf der Schreibmaschine ausgedruckt.

Abbildung 14: Fernschreiber Siemens T 100, 1960
Quelle:Von Nightflyer, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8923219

Mit der Vereinigung von Schreibmaschinentastatur und Murray-Codierung vollzog sich technikhistorisch die Metamorphose von der mechanischen Schreibmaschine im 19. Jahrhundert zum Fernschreiber im 20. Jahrhundert. Mechanische Schreibmaschine und Telegrafie sind dabei zusammengewachsen. Die einzelnen Buchstaben des Alphabets wurden nun über elektrische Codes adressierbar. Das Buchstabenbild bestand aber weiterhin aus den materiellen Drucktypen des Fernschreibers. Sie druckten noch im Hochdruck wie mit Gutenbergs Lettern. Dennoch gehörte es nicht zum Treppenwitz der Weltgeschichte, dass der Fernschreiber ein unverzichtbares Werkzeug war, um den Buchstaben im 20. Jahrhundert zu ihrer digitalen Repräsentation im Computer, dem Tablet oder dem Smartphone zu verhelfen. Diese Geschichte lesen sie im 4. Teil dieses Blog-Artikels.

Literatur:

V. Aschoff: Geschichte der Nachrichtentechnik Bd. 2. Nachrichtentechnische Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1995

IADM: Der maschinelle Bleisatz. Aspekte der Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Jahrestagung des Internationalen Arbeitskreises Druck- und Mediengeschichte in Leipzig. 2008

Till A. Heilmann: Textverarbeitung. Eine Mediengeschichte des Computers als Schreibmaschine. 2012

Dirk Hoffmann: Einführung in die Informations- und Codierungstheorie. 2014

Andreas Knie: Generierung und Härtung technischen Wissens: Die Entstehung der mechanischen Schreibmaschine WZB Discussion Paper, No. FS II 91-103

Zwischen Morsecode und Fonttechnologie Teil 3. Lochstreifen und Perforator übernehmen das Kommando

Artikel

Zwischen Morsecode und digitaler Font-Technologie Teil 1: Die Elektrifizierung des Alphabets

 

Abbildung 1. Erstes Morsetelegramm von 1837

Am 4. September 1837 demonstriert der Maler Samuel Morse im Repräsentantenhaus in Washington die erste Fernübertragung einer Nachricht mit elektromagnetisch kodierten Zeichen. Die Übertragung des kryptischen Zahlencodes “214-36-2-58-112-04-01837” ergibt nach der Dekodierung durch den Empfänger den Satz „Successful experiment with telegraph. September 4th 1837.“ ( siehe Abbildung 1 oben)

Mit der ersten öffentlichen Demonstration eines Schreibtelegrafen zur Übertragung einer elektrisch kodierten Textbotschaft begann im 19. Jahrhundert die Epoche der digitalen Medien. Die Elektrizität machte dies möglich, aber die elektrischen Signale waren noch nach analog. 

Nahezu zeitgleich zur Mechanisierung des Handsatzes durch Bleisetzmaschinen und der Erfindung der Schreibmaschine, begann mit Samuel Morse die analoge Elektrifizierung der Buchstaben. Sie ist die Basis aller Digitalität[1] der Medien.

50 Jahre vor der Erfindung des elektrischen Lichts hatte der elektrische Schreibtelegraf durch Morse die technikhistorische Epoche der Computerisierung eingeleitet. Es bedurfte jedoch noch weiterer 100 Jahre bis zur Demonstration des ersten elektromagnetischen Großrechners Mark I und weitere 20 Jahre bis zur öffentlichen Vorstellung der Digiset Lichtsetzanlage der Fa. Dr.-Ing. Rudolf Hell mit digitaler Fonttechnologie im Jahre 1965.

Die Mechanisierung des Bleisatzes und des Schreibens überlagerten sich aus technikhistorischer Perspektive auf dem Weg in die Digitalität in vielfältiger Weise. Wer heute einen Computer anstelle einer Schreibmaschine nutzt, dem wird kaum mehr bewusst sein, dass in den Anfängen der Computerisierung „telegrafierenden Schreibmaschinen“, sogenannten Fernschreiber, die Programmierung von Großrechnern erst ermöglichte, um ihnen Gutenbergs Typografie binär beizubringen.

Naturwissenschaft als Motor der Mediengeschichte

Einen ganz entscheidenden Anteil am Beginn der Elektrifizierung der Medien hatte die seit dem 17. Jahrhundert sich entwickelnde moderne Naturwissenschaft. Ein erster Durchbruch zur Erforschung der Elektrizität erfolgte 1672 durch den deutschen Physiker Otto von Guericke. Er konnte mit seiner Elektrisiermaschine die Aufladung einer drehbaren Schwefelkugel durch Reibung seiner Hände an der sich bewegenden Kugel bewirken. 1706 fand Francis Hauksbee heraus, dass Glas anstelle von Schwefel denselben Elektrisierungseffekt erfüllt. (Abbildung 2)

Abbildung 2: Hauksbeeks Kugelelektrisiermaschine von 1709

Im 18. Jahrhundert, der Epochen des Barock und des Rokkoko, wurde es zur Mode, in Vorträgen, vornehmen Salons und auf Jahrmärkten die Wirkungen der entdeckten Erzeugung und Speicherung von statischer Elektrizität durch Elektrisiermaschinen vorzuführen.

1745/46 entdeckten Ewald Georg von Kleist und Pieter van Musschenbroek das Kondensatorprinzip. In der später so genannten Leidener Flasche, die innen und außen mit Metallfolie bedeckt war und mit Wasser gefüllt wurde, konnte die durch eine Elektrisiermaschine erzeugte Elektrizität in der Flasche gespeichert werden. Um die gespeicherte Elektrizität jedoch an einem anderen Ort nutzen zu können, musste die Leidener Flasche physisch zu diesem Ort transportiert werden, denn die Leitung elektrischen Stroms durch Drähte über weitere Entfernungen war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht möglich.

Die Erfindung der elektrische Telegrafie ist ohne die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus nicht zu denken. Diesen Zusammenhang entdeckte 1819 der an der damals dänischen Universität in Kiel tätige Hans Christian Oested, als er zufällig die Beobachtung der Ablenkung einer Magnetnadel durch einen stromdurchflossenen Draht machte. An der Erforschung dieses Zusammenhangs hatten aber ebenso Michael Faraday, Thomas A. Edison und Hendrik Antoon Lorentz ihren Anteil.

Eine für die elektrische Telegrafie erforderliche längere Verbindung mit elektrisch leitenden Drähten zwischen Sender und Empfänger aufzubauen gelang im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Eine dauerhaft betriebene überirdisch verlegte Blankdrahtverbindung über eine Länge von 1 km realisierte 1833 der Mathematiker Carl Friedrich Gauß und der Physiker Wilhelm Eduard Weber zwischen ihren Arbeitsräumen in Göttingen.

Samuel Morses Apparatur zur Fernübertragung von Nachrichten mittels elektrisch kodierter Zeichen war eine erste auf diesen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Erfindung, die der Öffentlichkeit 1837 vorgestellt wurde. Die Zeit war reif dafür, denn es gab viele weitere Tüftler und Erfinder, die zum Teil unabhängig voneinander am Projekt zur Elektrifizierung der Medien ihren Anteil haben. Zu ihnen gehörten Gauß, Weber und Steinheil, Schilling, Cooke und Wheatstone sowie  Alfred Vail.

Die elektrische Telegraphie revolutionierte keineswegs nur die Nachrichtentechnik. Ihre technikhistorische Tragweite reicht bis zur Digitalität der Medien, denn die elektrische Kodierung von Schriftzeichen ist eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende technikhistorische Bedingung zur Entwicklung digitaler Fonts.

Elektrisches Kodieren und Schreiben von Buchstaben

Eine unregelmäßig aufgezeichnete gezackte Linie auf einem Papierstreifen des Empfängers repräsentierte 1837 die elektrische Kodierung der Nachricht durch Zahlen, die dekodiert werden mussten. Die Anzahl der mit dem Schreibtelegraphen von Morse in Gruppen aufgezeichneten Zacken stand für diese dekadischen Zahlen. Die Hardware, also Sende- und Empfangsgeräte waren über eine elektrische Leitung miteinander verbunden (siehe unteren und oberen Teil in Abb. 3).

Abbildung 3. Sender (unterer Teil) und Empfänger (oberer Teil) von Morses Schreibtelegrafen Quelle: V.Aschoff, Geschichte der Nachrichtentechnik Band 2
Nachrichtentechnische Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts, S. 190

Die zu übertragenden Zeichen bestanden nur aus den 10 Ziffern des dekadischen Zahlensystems. Deren Bedeutung musste von dem Empfänger in einem Code-Buch nachgeschlagen werden. Im ersten Morsegerät wurden diese Zahlen mit einer unterschiedlichen Anzahl von Nocken mit verschieden großen Abständen repräsentiert. Die Nocken wurden auf die Sendeleiste “S” aufgesteckt und mit der Kurbel “K” bewegt (Abb.3). Sie bewirkten, dass der darüber befindliche Hebelarm “A” rechts angehoben wurde und dadurch am linken Ende des Hebels mit dem dort angebrachten Drahtbügel “gg” in zwei mit Quecksilber gefüllte Näpfchen tauchte. Das hatte zur Folge, dass die daran angeschlossene Batterie “B” kurzzeitig den Stromkreis zwischen Sender und Empfänger geschlossen hat.

Ein auf der Empfängerseite (oberer Bildteil) am Schreibstift angebrachter Magnet “E” zog bei geschlossenem Stromkreis den Schreibstift “G” kurzzeitig an und zeichnete eine Zacke auf den durch ein Uhrwerk “W” angetriebenen und auf einer Rolle “N” beweglichen Papierstreifen “P”. So wurde das elektrifizierte Zeichen wieder sichtbar.

Abbildung 3: Modell des Schreibtelegrafen nach Morse
Quelle:http://sammlung.ient.rwth-aachen.de/de/katalog/elektrische-telegrafie/schreibtelegraf-morse.html

Mechanische Bewegung auf der Sendeseite, so das Fazit, wurde beim elektrischen Schreibtelegrafen in einen elektrischen Impuls gewandelt. Nach dessen Übertragung zur Empfangsseite wurde dieser durch den neu entdeckten Elektromagnetismus durch einen Stift und Tinte auf dem Papier visualisiert. (Abbildung 4)

Abbildung 4: Funktionsprinzip des Schreibtelegrafen von Morse
Quelle: V.Aschoff, Geschichte der Nachrichtentechnik Band 2
Nachrichtentechnische Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts, S. 190

Das “Committee on Commerce” gab zu der Vorführung Morses am 6. April 1838 ein wohlwollendes Urteil ab. Zum Bau einer ersten telegrafischen Versuchslinie zwischen Washington und Baltimore kam es aber erst im März 1843. Innerhalb dieser fünf Jahre hatte sich durch Morses Mitarbeiter Alfred Vail nicht nur der Telegraph konstruktiv erheblich verändert, sondern auch die Art der Kodierung deutlich vereinfacht. Mit der von Alfred Vail veränderten Gerätetechnik konnte die Visualisierung der kodierten Zeichen sehr vereinfacht werden. Sie erfolgte statt mit Zahlen-Codes nun mit Punkten, Strichen und kurzen Pausen. Lange Pausen wurden zur Markierung eines Wortendes eingesetzt (Abbildung 5).

Abbildung 5 Amerikanischer Morse-Code
Quelle:Dirk W. Hoffmann, Einführung in die Informations und Codierungstheorie, S.39

 

Dieser uns auch heute noch geläufige Morsecode, mit dem die Buchstaben des Alphabets und die Ziffern in einen unterschiedlich langen Code aus Punkten und Strichen standardisiert wurden, stammt also nicht von Samuel Morse, sondern von seinem Mitarbeiter Alfred Vail. Von ihm stammt auch die viel einfacher aufgebaute Morsetaste, wie sie noch lange bis ins 20. Jahrhundert hinein gebräuchlich war (Abbildung 6). Wie so oft in der Technikgeschichte blieb nicht der tatsächliche Ideengeber für Innovationen im historischen Gedächtnis, sondern lediglich der Name des Patentanmelders.

Der von Alfred Vail entwickelte Morsecode war jedoch kein echter Binärcode, der nur aus der Kombination von zwei Zeichen bestand, weil die Dauer des Signals und die Pausen zum wesentlichen Bestandteil der Codierung dazugehörten. Eine echte Binärcodierung schlug Francis Bacon bereits 1626 vor. Darauf wird später noch näher eingegangen.

 

Abbildung 6: Morsetaste der Firma G.Hasler (Bern) (ca. 1900). Diese Taste wurde bei den Schreibtelegrafen der Gotthardbahn eingesetzt. Quelle: Wikipedia

Die Urahnen der elektrischen Telegrafie

Die Telegrafie war im 19. Jahrhundert keine Neuigkeit. Die optische Telegrafie existierte bereits viel früher und konnte in dieser Zeit schon auf eine lange Geschichte bis in die Antike zurückblicken. Die dort gebräuchlichen Feuer, Ruf- und Trommelzeichen dienten schon in der Antike dazu, Nachrichten in die Ferne zu übertragen.

Die Telegrafie war im 19. Jahrhundert keine Neuigkeit. Die optische Telegrafie existierte bereits viel früher und konnte in dieser Zeit schon auf eine lange Geschichte bis in die Antike zurückblicken. Die dort gebräuchlichen Feuer, Ruf- und Trommelzeichen dienten schon in der Antike dazu, Nachrichten in die Ferne zu übertragen.

Sehr weitgehende Gedanken zur Zeichenkodierung hat sich dann im Jahre 1626 Francis Bacon gemacht. Francis Bacon gehört neben Rene Descarte, Isaak Newton und Friedrich Leibnitz zu den Begründern der modernen Naturwissenschaften. Bacon ist es zu verdanken, dass er schon eine binäre Form der Buchstabenkodierung erdacht hatte, die für ihn zur Fernübertragung ebenso geeignet schien wie auch als Geheimschrift. Wir würden heute sagen, dass es sich bei Bacons Alphabet um eine binäre Kodierung mit 5 Bit handelte. Mit den zwei Buchstaben “a” und “b” kodierte Bacon alle anderen Buchstaben des Alphabets, indem er für jeden Buchstaben eine gleich lange fünfstellige Kombination dieser zwei Zeichen verwendete. Er schrieb dazu:

“Es ist nicht leicht irgend ein anderes {Alphabet} gleich vollkommen, denn in ihm steht auch ein Mittel zu Gebot, das es erlaubt, an jedem entfernten Ort mit Signalen, die gesehen oder gehört werden können, dem Freunde eine Nachricht zu übermitteln, wenn zweierlei unterscheidbare Signalformen zur Verfügung stehen, sei es durch Glocken, Hörner, Feuerzeichen oder den Knall von Kanonen.” [2]

Weit über 150 Jahre später stellte der Bürger Claude Chappe am 22. März 1792 der Nationalversammlung in Paris sein Projekt eines optischen Telegrafen vor, um die Kommunikation mit den vielen Departments im vorrevolutionären Frankreich von Paris aus besser koordinieren zu können. Nach einigem Zögern des Kongresses wurde schließlich die etwa 210 km lange Telegrafenlinie Paris-Lille 1794 erstmals eingerichtet.

Während ein Brief per berittener Botenstafette für die (…) Strecke 24 Stunden braucht, werden an jedem der 23 Signalmasten der Telegrafielinie per Fernrohr abgelesene und dann ebenso zur nächsten Station weiter übermittelte Signale in weniger als einer halben Stunde übertragen.“ [3]

Im Jahre 1813 wurde in Frankreich eine optische Telegrafenlinie von Metz nach Mainz eingerichtet. In Preußen wurde die optische Telegrafie erst 1832 eingeführt. Die Kodierung der einzelnen Zeichen erfolgt in beiden Ländern nach dem Chappe-System, bei dem durch die Stellung der Flügel am Mast des Flügeltelegrafen die übermittelten Zeichen dechiffriert werden konnten. (Abbildung 8).

Abbildung 8: Auszug aus dem preußischen Semaphoren-Alphabet nach Chappe
Quelle: Dirk W. Hoffmann, Einführung in die Informations und Codierungstheorie, S.22

Die Kenntnis der optischen Telegrafie war so weit verbreitet, dass es dazu bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Kinderspiel gab. (Abbildung 9)

Abbildung 9: Kinderspiel aus dem 19. Jahhundert zur optischen Telegrafie. Quelle: Wikipedia

Es verwundert daher nicht, wenn es kurz nach den Erkenntnisfortschritten in der Elektrizität es zu Experimenten zur elektrischen Form der Nachrichtenübermittlung kam.

Gutenbergs Drucktypen und die Telegrafie

Gutenbergs Erfindung der metallenen Drucktypen begründete um 1440 eine mediale Ergänzung der zuvor nur handschriftlich oder durch Holzschnitt (Blockbuch) erzeugbaren Textmedien. Indem Johannes Gutenberg das Alphabet mit all seinen Zeichen materiell vereinzelt und in Blei gegossen hatte, wurden aus den zuvor handschriftlich fixierten Zeichen diskrete Drucktypen. Sie konnten immer wieder zu anderen Wörtern und Sätzen kombiniert und aneinandergereiht werden. Die Drucktypen gehörten seit Gutenberg im übertragenen Sinne zur „Hardware“ der Texterzeugung. Den Vorgang des Setzens hatte der Schriftsetzer 350 Jahre lang als „Software“ in seinem Kopf und im Gespür seiner Finger.

Im 19. Jahrhundert verwandelte Samuel Morse und Alfred Vail das Ordnungssystem des Setzkastens in die elektrischen Signale des Morsecodes: Erkannte der Setzer die Ablage der Bleilettern im Setzkasten an der normierten Fächeranordnung, so musste jetzt der Telegraf den Rhythmus der Kodierung langer und kurzer Signale im Kopf und später im Gehör haben. Setzkasten und elektrische Schriftkodierung werden aus dieser technikhistorischen Betrachtungsperspektive plötzlich vergleichbar.

Im Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts trennte den Schriftsetzer vom Telegrafen gleichwohl noch eine ganze Galaxie, die Gutenberg-Galaxie[4]. Zwischen elektrischer Telegrafie und digitaler Typografie lagen noch 130 Jahre und eine Unmenge technikhistorischer Erfindungen.

  1. Die seit den 90iger Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzende Digitalisierung der Medien durch Computer, Internet, mobile Smartphones und Tablets macht eine mediengeschichtliche Neuorientierung mit einem deutlich erweiterten technikhistorischen Fokus ratsam, um wesentliche Entwicklungslinien nicht aus dem Blick zu verlieren.
  2. Aschoff: Geschichte der Nachrichtentechnik. Bd 1 Beiträge zur Nachrichtentechnik von den Anfängen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. 1989, S.96
  3. Dieter Daniels: Kunst als Sendung. Von der Telegrafie zum Internet, S.17
  4. Marshall Mc Luhan: Die Gutenberg-Galaxis. Die Entstehung des typografischen Menschen

Zwischen Morsecode und digitaler Fonttechnologie Teil 2 von der Schreibmaschine zur Tastatur