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Zwischen Morsecode und digitaler Fontetechnologie

Dieser mehrteilige Blog-Beitrag zur digitalen Fonttechnologie nimmt die Technik- und Kulturgeschichte der in Schriftform verfassten Medien in den Blick. Seit der Erfindung der beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg hat die Mechanisierung der Buchherstellung, des Drucks von Flugblättern und der ersten Zeitungen ein zunehmendes Verbreitungsbedürfnis von schriftlich verfassten Informationen evoziert. Mit der Entdeckung und technischen Nutzung der Elektrizität werden Erfindungen wie die der Telegrafie und der ersten digitalen Computer inspiriert. Die Telegrafie, das “Internet” zur Zeit Kaiser Wilhelms II., und die Erfindung des ersten digitalen Computers in den 40iger Jahren des 20. Jahrhunderts werden zu aller erst in der Produktionstechnik der Zeitungen virulent.

Die weltweite Globalisierung, Schriftcodierung und -digitalisierung macht in wenigen Jahrzehnten den einst nur für hochspezialisierte Fachkräfte handhabbaren Blei- und Fotosatz zu einer Technologie für jedermann. Digitale Fonttechnologie gehört im 21. Jahrhundert im privaten und beruflichen Alltag zu einer meist nicht hinterfragten Computeranwendung für alle. Die unterhalb von Tastatur und Bedienoberfläche der Textverarbeitungssoftware verborgene Codierungs-, Schreib- und Rechenkultur bleibt weitgehend unentdeckt. Sie sorgen als implementierte Hard- und Software in Tablet-Computern und Smartphones für die Schreibfunktion beim Eintippen und Versenden von Texten. Und das funktioniert ganz unabhängig davon, ob sich der User der technik- und kulturgeschichtlichen Genealogie seines Tablet-Computers oder Smartphones bewusst ist, oder eben nicht. Die Teile zu diesem Blog-Beitrag laden zur technik- und kulturgeschichtlichen Entdeckung der Genealogie der digitalen Fonttechnologie ein.

Teil 1: Die Elektrifizierung des Alphabets

Teil 2: Von der Schreibmaschine zum Fernschreiber

Teil 3: Lochstreifen und Perforator übernehmen das Kommando

Teil 4: Der Hellschreiber

Teil 5: Exkurs zur Genealogie der Schrift und Rechenkultur

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Zwischen Morsecode und digitaler Fonttechnologie

Teil 5: Exkurs zur Genealogie der Schrift- und Rechenkultur

Unsere digitale Schreibkultur über Tablet und Smartphone basiert technik- und kulturgeschichtlich nicht nur auf der Genealogie des Schreibens, sondern auch des Rechnens. Ohne Rechenprozesse unterhalb der Bedienoberfläche von Tastatur und Textverarbeitungssoftware kann der geschriebene Text nicht auf dem Bildschirm erscheinen oder auf Papier ausgedruckt werden. Digitale Fonttechnologie hat sich historisch aus der Interferenz sowohl einer Schrift- als auch einer Rechenkultur entwickelt. Beide sind zu materialisierter Hardware geronnen und in Software implementiert. Die Textverarbeitungsprogramme der Computer haben kulturgeschichtlich die Schriftzeichen aus der Antike adaptiert. Das Zahlensystem, die Null und die Eins, die der Computer unbemerkt vom Anwender zum Berechnen der Bildschirmanzeige nutzt, ist ursprünglich indischer Herkunft. Ohne die Akteure des frühen Humanismus, den Renaissance-Humanisten, und ihres neuen Weltbildes, zu deren Verbreitung sie die Erfindung Johannes Gutenbergs intensiv nutzten, ist die digitale Fonttechnologie undenkbar. Gutenbergs Innovation zur Vervielfältigung von Wissen und Wissenschaft gab der Beförderung der europäischen Schrift- und Rechenkultur erst den entscheidenden Impetus.

Der 5. Teil zu diesem Blog-Beitrag will mit dem Rückblick auf die Genealogie der Schrift und Rechenkultur das kulturgeschichtlich ganzheitliche Bewusstsein über die Fonttechnologie wachhalten, um sich nicht in den Fallstricken digitaler Halbbildung zu verfangen. Bildung in einer digitalen Welt erfordert mehr, als den von der Kultusministerkonferenz der Länder geforderten „(…) kompetente(n) Umgang mit digitalen Medien, die ihrerseits die traditionellen Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen ergänzt und verändert.“ [1] Der Geschichtsvergessenheit eines Bildungsbegriffs, den die KMK als digitale Kompetenz in allen Schulen und Universitäten seit Ende der 90iger Jahre als Bildung propagiert, wird hier nicht das Wort geredet. Das Prinzip der Bildung ist nicht Utilitarismus. Die Akteure des Humanismus und der Aufklärung waren nicht nur die Geburtshelfer für eine Schrift- und Rechenkultur, die von ihnen initiierte geistige Wende hat auch das Bewusstsein einer umfassenden ganzheitlichen und gründlichen lebenslangen Bildung für alle Menschen hervorgebracht, wie sie im Leitgedanken des frühhumanistischen Pädagogen Jan Amos Comenius (1592–1670) seinen Ausdruck findet: Omnes omnia omnino (alle alles allumfassend; alle alles, im Hinblick auf das Ganze) zu lehren. weiterlesen

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Künstler des Vereins der Kulturbäckerei im Gutenberg-Museum

Die Kunst bleibt frei/Kunst bleibt Viele“: Jeweils fünf Kunst-Karten und eine Infokarte, aufgeklebt auf zwei Kiefer-Leimholzbretter, demonstrieren die Vielfältigkeit des freien künstlerischen Schaffens. (©Kulturbäckerei/Gutenberg-Museum)

Aus dem Fenster des Gutenberg-Museums
strahlt die Freiheit der Kunst

Der Druckladen des Gutebberg-Museum in Mainz zeigt zehn Karten von Künstlern des Vereins „Kulturbäckerei“. Das klingt nüchtern im Vergleich zum kreativen Namen des Vereins. Gleichwohl, der nachfolgende Appetizer des Gunterberg-Museums in Mainz macht Lust auf Kunst.

Auf einer Karte finden schwarze Pinselstriche zu einem irisierenden Muster zusammen. Von einer anderen schreit eine expressionistisch anmutende Fratze dem Betrachter ein verstörtes „Ach“ entgegen. Eine dritte hält mit fast brutaler Akribie fest, wie ein Blumenstrauß – ein zu Boden geschleuderter Brautstrauß? – vor in blankpolierten Business-Halbschuhen steckenden Männerfüßen liegt. Unterschiedlicher könnten sie nicht sein, die zehn Karten im DIN A5-Format, die zehn Künstler:innen für den Verein „Kulturbäckerei“ geschaffen haben. Ab Samstag, 8. Mai, stellt der Druckladen des Gutenberg-Museums in seinem Schaufenster in der Seilergasse unter dem Titel „Place of Cards“ zehn Tage lang eine Zusammenschau der Drucke aus. Zeitgleich sind die Kunstkarten, aufgeklebt auf zwei Kiefer-Leimholzbretter und ergänzt um eine Infokarte, an vier weiteren Kulturinstitutionen und fünf Plätzen in der Mainzer Neustadt zu sehen. weiterlesen

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Immaterielles UNESCO-Kulturerbe des Buchbinderhandwerks nun auch in Deutschland anerkannt

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 „Wir sind stolz, dass auf unseren Antrag hin das Buchbinderhandwerk mit in den Kreis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden ist…“ [1]

So äußerte sich Maik Beckmann, Vorsitzender des Bundes Deutscher Buchbinder zur Aufnahme des Buchbinderhandwerks in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes durch die deutsche UNESCO-Kommission. So geschehen am 19. März 2021. Neben der Morsetelegrafie und den Künstlerischen Drucktechniken des Hochdrucks, Tiefdrucks, Flachdrucks und Durchdrucks ist mit dem Buchbinderhandwerk ein weiteres Kulturerbe in die Liste aufgenommen worden, das der Kulturgeschichte der Medien zuzurechnen ist. weiterlesen

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Mitgliederversammlung und Fachtagung des IADM 2021

Internationer Arbeitskreis Druck- und Mediengeschichte e.v.

IADM-Mitgliederversammlung

2. Oktober 2021, 11.00 Uhr.

Falls aufgrund der Pandemie die Mitgliederversammlung nicht als Präsenzveranstaltung stattfinden kann, wird sie in jedem Fall online durchgeführt. Die begleitende Fachtagung planen wir als Präsenzveranstaltung in der Gutenbergschule Frankfurt.

IADM-Fachtagung 2021

zum Thema

Vom alten Buchhandwerk zur digitalen Weiterverarbeitungstechnik

Die IADM-Fachtagung 2021 musste als Präsenzveranstaltung wegen der weiter anhaltenden Pandemie leider abgesagt werden.

Was ein Buch ist, darüber lässt sich heute trefflich streiten. Ein Roman von Thomas Mann als E-Book kennt keinen Einband, keinen Buchblock und keine festen Seitenzahlen, ist nicht auf Papier gedruckt und trotzdem wird niemand bezweifeln, dass der Roman von Thomas Mann ein Buch ist.

Der Bucheinband, um den es in der diesjährigen Fachtagung des IADM geht, ist dagegen eindeutig. Das Buchhandwerk hat etwas Materielles zu seiner Voraussetzung, sei es ein Buchblock aus Papier oder nur wenige Seiten aus Papyrus oder Pergament, sei der Inhalt von Hand geschrieben oder gedruckt. Die Geschichte des Bucheinbandes reicht bis ins Altertum, wo der Kodex die Buchrolle (Rotulus) im 2. bis 4. Jahrhundert abzulösen beginnt. Neben der ursprünglichen Schutzfunktion entwickelt sich der Bucheinband in seiner Geschichte zu einer Präsentationsfunktion seines Inhalts, Autors und Verlegers sowie zur Repräsentationsfunktion seines Besitzers.

Die Technikgeschichte des Bucheinbandes ist von ihrer Kulturgeschichte nicht zu trennen und sie ist noch lange nicht beendet. Die IADM Fachtagung 2021 nimmt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Bucheinbandes in den Blick.

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