Zwischen Morsecode und digitaler Fonttechnolgie

Teil 2: Von der Schreibmaschine zum Fernschreiber

Aktualisierter Blog-Beitrag

Abbildung 1: Inventar-Nr.: NKg/00329 Künstler: Dänemark, Kopenhagen, Rasmus Malling Hansen (1835-1890) Gegenstand: Skrivekugle (Schreibkugel) des Nietzsche, Friedrich (1844-1900) Datierung: Um 1882 Technik: Feinmechanikerarbeit, Gravur Material: Messing, Stahl

„Diese Maschine ist delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth – und einige Unterhaltung.“

Dieses Urteil fällt Friedrich Nietzsche am 17.03.1882 über seine erste Schreibmaschine. Sie funktioniert ganz mechanisch, bereitet ihm aber offensichtlich technische Probleme, denn er schreibt am 23.03.1882,

„die Schreibmaschine verweigert seit vorgestern ihren Dienst; ganz rätselhaft! Alles in Ordnung! Aber kein Buchstabe ist zu erkennen.“

Zit. nach: Monika Disser M.A.: Friedrich Nietzsche und das Experiment Schreibmaschine.

Heute haben PC und Tablet die Schreibmaschine längst ersetzt. Die Genealogie des Computers und der digitalen Schriftenfonts zeigen jedoch eine technikhistorische Verwandtschaft zwischen der Mechanik der Typenhebel und der Digitalität von Computerschriften. Es kommt im 19. Jahrhundert zu einer Konvergenz zwischen mechanischer Schreibmaschine und elektrischer Telegrafie. Diese Konvergenz führt zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Fernschreiber zu einer Symbiose von Mechanik und Elektrifizierung. Wurde im 1. Teil dieses Blog-Artikels die Elektrifizierung des Alphabets durch die elektrische Morsetelegrafie beschrieben, so geht es im 2. Teil um die speicherbare Adressierung der Buchstaben des Alphabets und ihrer Übertragung in die Ferne.

Ohne Fernschreiber und Lochstreifen hätte die Entwicklung zur Digitalität der Computerschriften und Setzverfahren im 20. Jahrhundert nicht stattgefunden. Die technikhistorischen Details, die der Fernschreiber nach seiner Erfindung für die digitale Fonttechnologie hatte, betrachtet der 3. Teil des Blog-Artikels.

Innovation des Schreibens durch die Schreibmaschine

Handwerk und Handel weiten sich seit dem 13. Jahrhundert aus und steigern in den Kontoren der Kaufleute die manuelle Schreibarbeit. Zur Absicherung der Risiken während des Fernhandels werden Versicherungsverträge geschlossen. Die Finanzierung der Projekte erfordert immer mehr Korrespondenz mit Banken. Mit der Beseitigung der Zünfte wachsen zu Beginn des 19. Jahrhunderts Handel, Handwerk und Wissenschaft stärker zusammen. Bürotätigkeit ist nicht mehr allein eine spezifische Tätigkeit des Handels. Sie wird zu einer sich ausweitenden Tätigkeit in allen Gewerben, vorrangig in den Fabriken der Städte. Mit der Ausweitung der Bürotätigkeit auf alle Gewerbe setzt im 19. Jahrhundert der Bedarf zu einer Mechanisierung der Bürotätigkeit ein. So ist erklärlich, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zeitgleich und weitgehend unabhängig voneinander, Patentvorschläge zur Ökonomisierung des Schreibens durch die Schreibmaschine auftauchen.

Es ist die profane Tastatur, deren Einsatz die Erfinder im 19. Jahrhundert zu innovativen Ideen in der Druck- und Mediengeschichte inspirieren. Ihr Einsatz bei der Texterfassung im Bleisatz gibt dem Übergang von Gutenbergs Handsatz zum Maschinensatz einen gehörigen Impetus. Die Tastatur der Schreibmaschine mechanisiert die Büroarbeit. Buchautoren nutzen die Schreibmaschine, so wird aus dem Manuskript ein Typoskript. Schließlich schickt die Erfindung der Drucktypen-Telegrafen-Tastatur die Morsetaste bald in Rente.

Schon in der Antike erfunden, entfaltet die Tastatur erst im 19. Jahrhundert ihr innovatives Potential der Mediengeschichte. Eine einreihige Tastatur kommt bereits für die Hydraulis zum Einsatz, einer Wasserorgel aus dem 3. Jhd. v. Chr., deren Erfindung dem Techniker Ktesibios zugeschrieben wird. Tastaturen mit mehreren Tastenreihen sind in Europa seit etwa dem 9. Jahrhundert im Orgelbau bekannt.

Was bei Musikinstrumenten so gut funktioniert nun auf Buchstaben anzuwenden, diese Idee hat 1714 erstmalig der Wasserwerksingenieur Henry Mill, als er eine Schreibmaschine zum Patent anmeldet. Ihre genaue Konstruktion ist allerdings nicht überliefert. Wahrscheinlich wurde sie wohl auch nie gebaut. Auch das Modell des badischen Forstmeisters Karl Freiherr von Drais, der 1830 eine Schreibmaschine baute, bei der die Buchstaben „wie Messerlein von unten heraufkam(en),“ ist nicht mehr erhalten. Die erste nachweislich gebaute Schreibmaschine stammt von Pellegrino Turri (1808).

Im 19. Jahrhundert ist die Zeit offenbar reif für die Mechanisierung des Schreibens. Es gibt, wie so häufig, viele Erfinder, die im 19. Jahrhundert am Projekt der Mechanisierung des Schreibens teilhaben. Zu ihnen gehört Xavier Progin aus Marseille, der 1833 sein Modell zum Patent anmeldet. Konstruktionselemente wie Typenhebel, Typenhebelführung, Umschaltung für Groß- und Kleinschreibung sowie ein Farbband kennzeichnen das „Cembalo srivano“, das bereits 1855 der Rechtsgelehrte Guiseppe Ravizza aus Novara als Schreibmaschine zum Patent anmeldet (Abbildung 2). Bei seiner Erfindung erinnert nicht nur der Name an die Klaviatur eines Musikinstrumentes, sondern sie hat auch äußerlich damit gewisse Ähnlichkeit.

Abbildung 2: Cembalo scrivano 1855
Quelle: https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=175068)

Auch der Südtiroler Zimmermann Peter Mitterhofer arbeitet zwischen 1864 bis 1869 am Projekt Schreibmaschine. Dessen erstes Modell (Abbildung 3) ist noch aus Holz und weist 30 Tasten mit Großbuchstaben auf, die punktiert sind und als Schriftbild das Papier perforieren.

Abbildung 3: Schreibmaschine von Peter Mittenhofer (1864)
Quelle: Wikipedia

Die von Nietzsche verwendete Schreibkugel (Abbildung 1) wurde 1867 von dem Pastor Malling Hansen aus Kopenhagen erfunden. Die von ihm verwendeten Typenstäbe in der Halbkugelschale sind jedoch ein Konstruktionsprinzip, das sich nicht durchsetzen soll.

In Kleinsteuber’s Machine Shop in Milwaukee arbeiten der Drucker und spätere Zeitungsherausgeber Christopher Latham Sholes, Carlos Glidden und Samuel W. Soulé an einer Schreibmaschine, die sie am 14. Juli 1868 zum Patent anmelden. Ihre Schreibmaschine ist ein Kompromiss aus technischer Funktionstüchtigkeit und Benutzerfreundlichkeit, was aus der Konstruktion ihrer Tastatur ableitbar ist. Die Tastatur ist nicht nach dem Alphabet geordnet, wie das bei vielen anderen Konstruktionsvorschlägen dieser Zeit der Fall ist. Sie ist aber auch nicht danach aufgebaut, dass die am häufigsten in der englischen Sprache vorkommenden Buchstaben am leichtesten erreichbar sind. Ihr Konstruktionsprinzip macht es nämlich erforderlich, darauf zu achten, dass sich die Buchstaben dicht beieinanderliegender Typenhebel nicht verhaken. Ihre Tastatur ist daher ein Kompromiss aus technischer Notwendigkeit und Benutzerfreundlichkeit. Sie bekommt später den Namen QWERTY-Anordnung, benannt nach den ersten sechs Tasten der obersten Buchstabenreihe auf der amerikanischen Tastatur (Abbildung 4). Das Patent von Latham Sholes, Carlos Glidden und Samuel W. Soulé war zwar noch nicht vollkommen ausgereift, aber es war zu dieser Zeit das einzige, welches sich für eine Serienproduktion eignete.

Abbildung 4: Schreibmaschine von Sholes und Gliddens 1876 (USA)
Quelle: wikipedia

Der Waffen- und Nähmaschinenhersteller E. Remington & Sons suchte nach dem Ende des amerikanischen Sezessionskrieges ein Ersatzprodukt für seine Waffenproduktion und fand sie in der Schreibmaschine.  Die erste in Serie produzierte Schreibmaschine stammt deshalb von Latham Sholes und Carlos Glidden. Sie wird von E.Remington & Sons ab 1874 in kleiner Serie hergestellt. 1878 folgt die Remington II, die bereits über die Umschaltung für Groß- und Kleinbuchstaben verfügt.

Das primäre Interesse der Unternehmen am Projekt Schreibmaschine galt einer erhofften Auslastung der Fertigungskapazitäten. Ein unternehmerisches Interesse an der Verbesserung des Produktes Schreibmaschine blieb zumeist den kurzfristigen Diversifizierungskalkülen untergeordnet und sollte sich auch später nur gelegentlich- und für die generelle technische Entwicklung eher folgenlos – einstellen.“

Andreas Knie: Generierung und Härtung technischen Wissens: Die Entstehung der mechanischen Schreibmaschine WZB Discussion Paper, No. FS II 91-103

Die Schreibmaschinen werden vom Markt nicht gerade begeistert aufgenommen, aber die vorwiegend weiblichen Schreibmaschinennutzer arrangieren sich mangels Alternativen mit der nicht sehr benutzerfreundlichen Tastatur. So wurden Methoden zum Schnellschreiben entwickelt und Schnellschreibwettbewerbe ausgeschrieben. „Mrs. Longley entwarf 1 882 zum ersten Male einen systematischen Lehrplan für die „ten-fingers-don’twatch-your-hands“ – Methode, mit der Frank McGurrin die ersten Wettbewerbe gewonnen hatte“ ( A. Knie).

1888 einigen sich die „Schreiberinnen“ auf einem Kongress „lieber an der komplizierten Remington-Tastatur festzuhalten als sich immer wieder auf neue Anordnungen der Buchstaben und Zeichen einstellen zu müssen.“ (A. Knie)

1897 schließen sich die größten amerikanischen Schreibmaschinenhersteller von Typenhebelmaschinen zum Kartell der Union Typewriter Company zusammen. Unter der Führung der „Standard Remington“ konsolidiert sich der Stand der Technik in der Schreibmaschinenindustrie. Der amerikanische Standard wirkt bis nach Europa, wohin er durch Lizenzverkauf exportiert wird.

Nach dem 1. Weltkrieg wird in den in Deutschland aufkommenden ‚Psychotechnischen Arbeitsstudien‘ zum Thema Schreibmaschinentastatur bemängelt, dass die aus den USA übernommene ‚Universaltastatur‘ QWERTY bezüglich der Häufigkeitsverteilung der Buchstaben und Silben in der deutschen Sprache sowie wegen der unterschiedlich starken Belastbarkeit der Hände ungeeignet ist. Alle Versuche zur Änderung des Tastenfeldes scheitern jedoch trotz dieser klaren Diagnose. Man einigt sich 1928 im Normenausschuss mit der DIN 2112 darauf, die amerikanische Universaltastur QWERTY grundsätzlich beizubehalten und lediglich das ‚Y‘ gegen das ‚Z‘ auszutauschen, sodass die deutsche Tastatur nun mit QWERZ bezeichnet wurde.

Wie vorher schon in Amerika etablieren sich nach Einführung der amerikanischen Schreibmaschinen auch in Deutschland schnell Methoden zum Erlernen des Zehnfingersystems. Diese Methoden standen der Änderung des Tastaturlayouts sicherlich ebenso im Wege wie vorher in den USA.

Die QWERTY- oder QWERTZ-Tastaturbelegung hat sich bis heute bei allen PCs und den in Touchscreens schamhaft versteckten Tastaturen der Tablets und Smartphones erhalten. Hier ist die technikhistorische Spur zwischen Schreibmaschine und Computer sichtbar.

Innovation im Bleisatz durch die Tastatur der Setzmaschine

Die Tastatur ist im 19. Jahrhundert auch ein Hauptdarsteller bei der Mechanisierung des Bleisatzes durch Setzmaschinen. William Church hat zwischen 1804 und 1822 an der Entwicklung einer Typensetzmaschine gearbeitet, die den Setzvorgang durch Verwendung von Tasten automatisieren sollte. (Abbildung 5)

Abbildung 5: Typensetzmaschine für Bleiletter von William Church 1822
Quelle: Wikipedia

Die Drucktypen dieses Entwurfs seiner Setzmaschine befinden sich in einem Behälter, der durch den Druck auf eine Taste die unterste Type freigibt. Die Trennung des Setzvorgangs vom Ausschließen und Gießen der Zeilen unterschied das erste Patent einer Setzmaschine von 1822 noch gänzlich von der Linotype- Zeilengieß- und Setzmaschine aus dem Jahr 1886, die den Maschinensatz im 19. Jahrhundert zum Durchbruch verhalf. Es ist auch im Bleisatz die Tastatur, die zu Beginn der Industrialisierung die Innovation einleitet.

Die Linotype Zeilengieß- und Setzmaschine kommt zuerst in Amerika auf den Markt. Ihre Tastatur unterscheidet sich allerdings maßgeblich von der QWERTY-Tastatur von Sholes und Gliddens Schreibmaschine. Sie umfasst die Groß- und Kleinbuchstaben der englischen Sprache gemeinsam ohne Umschaltung auf der Tastatur. Der linke Tastenblock enthält die Großbuchstaben und der rechte Tastenblock die Kleinbuchstaben. Der mittlere blaue Tastenblock enthält Tasten für das Ausschließen der Zeilen, Sonderzeichen, Interpunktionszeichen, Akzente und weitere Steuertasten für die vielfältigen Maschinenfunktionen. (Abbildung 6)

Abbildung 6: Linotype-Tastatur 1886
Copyright 2006 Marc Dufour for Wikimedia

Die Anordnung der Tasten für die Klein- und Großbuchstaben erfolgt bei der Linotype, im Unterschied zur Schreibmaschine, allein danach, dass die häufigsten Buchstaben der englischen Sprache für den Maschinensetzer am schnellsten erreichbar sind. Die häufigsten Zeichen liegen für die Klein- und Großbuchstaben jeweils in der ersten Spalte oben links, gehen dann senkrecht runter und setzen sich in der zweiten dritten und vierten Spalte fort. Daher wird diese Tastaturbelegung nach der Reihenfolge der ersten sechs untereinander angeordneten Buchstaben mit ETAOIN bezeichnet und nicht mit QWERTZ wie bei der Schreibmaschine. Eine Linotype-Setzmaschine ist eben auch keine Schreibmaschine. Sie geht technikhistorisch ihren eigenen Weg.

Anders ist es dagegen bei der von Tolbert Lanston 1897 erfundene Monotype-Setzmaschine. Der Taster dieser Setzmaschine verwendet die QWERTY bzw. QWERTZ-Tastatur gleich viermal, um damit das Setzen mit einer Grundschrift und weiteren Auszeichnungsschriften gleichzeitig zu ermöglichen. Die Tatsache, dass der Taster der Monotype von der Gießmaschine getrennt ist, könnte ein Grund dafür sein, dass hier die größere Nähe zur Schreibmaschine der Grund für die andere Tastatur gewesen ist, aber das bleibt bloße Spekulation.  

Abbildung 7: Monotype-Taster (1965)
Quelle: wikipedia

Nahezu alle Patente oder Vorschläge für Setzmaschinen verwenden im 19. Jahrhundert eine Tastatur als Ersatz für den Griff des Schriftsetzers in den Setzkasten. Die Tastatur wird, wenn auch auf andere Weise als bei der Schreibmaschine, nun zur Eingabeschnittstelle von Setzmaschinen und revolutioniert damit den Bleisatz.

In die Ferne schreiben

Die elektrische Morsetelegrafie breitete sich im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Europa schnell aus. Der Welthandel und die Kolonialexpansion machen einen sicheren Transport von Waren und schnelle Übermittlung von Informationen erforderlich. Entlang der Eisenbahnlinien entstehen Telegrafenleitungen. 1851 wird die Kabelverbindung London Paris über den Ärmelkanal eingerichtet. Die Verteilung der Telegrafenlinien im Binnenland erfolgt über Relaisstationen, die sich zu großen Verteilungszentren für Nachrichten entwickeln. Im Relaiszentrum der Western Union Telegraph Company von Chicago arbeiten im Jahr 1900 knapp 900 Telegrafisten an der Vermittlung der ein- und ausgehenden Telegramme gleichzeitig.[5] Nach mehreren vergeblichen Versuchen zwischen 1854 und 1866 gelingt Cyrus Field und Frederic N. Gisborne die Verlegung eines Unterseekabels zwischen Irland und Neufundland. Damit ist die erste transatlantische Telegrafenverbindung zwischen den Kontinenten Realität geworden.

Entscheidend für die Weiterentwicklung der Digitalität der Schrift wird die Verwendung von Lochstreifen in der Morsetelegrafie. 1858 baut Charles Wheatstone in London einen ersten „lochenden Telegraphen“. Statt die Morsezeichen direkt zu senden, wird der zu sendende Text nun erst auf einem Lochstreifen gestanzt und damit gespeichert. Der Lochstreifen wird anschließend vom Lochstreifenleser mechanisch abgetastet, in elektrische Signale gewandelt und übertragen. Die Telegraphiegeschwindigkeit mit Handtastung erreichte damals etwa bis zu 15 Wörter je Minute. Mit dem Lochstreifen kann die Datenübertragungsrate nun verzehnfacht werden.

Technikhistorisch ist der Lochstreifen für die Telegrafie und die Digitalität eine Zäsur. Die zu telegrafierenden Texte werden zu Daten oder, anders ausgedrückt, zu gespeicherter maschinenlesbarer Software. Sie werden damit von der Hardware mit ihren schnell flüchtigen elektrischen Signalen unabhängiger. Das Unikat der elektrischen Signalübertragung wird auf einem Papierstreifen dupliziert und damit verselbständigt.

Die Verwendung von Lochstreifen oder Lochkarten für die Steuerung einer Maschine ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus nicht neu. Bereits 1805 erfindet der Franzose Joseph-Marie Jacquard (1752–1834) einen Webstuhl, der durch je eine Lochkarte für jeden Schuss gesteuert wird. Die aneinandergereihten Lochkarten enthalten das programmierte Muster (Jacquardmusterung), das von der Maschine automatisch gewebt werden kann.

In der Telegrafie wird dieser Vorgang nun erstmalig auf die Schaltung elektrischer Signale übertragen. Das hat den Vorteil, dass mehrere Nachrichten parallel aufgenommen werden können. Der zweikanalige Lochstreifen hat in der Mitte eine durchgehende Transportlochung und findet noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts Anwendung (Abbildung 8).

Abbildung 8: Wheatstone Lochstreifen
Quelle: https://www.hell-kiel.de/de/hell-entwicklungen/51-nachrichtentechnik/morsegeraete/105-tastenlocher-tl-1-1950

Das Wheatstone-Prinzip wird in der Betriebsanleitung wie folgt beschrieben:

„Ein gelochter Papierstreifen wird mittels einer Kontakteinrichtung von 2 Fühlhebeln abgetastet. Das Vorbeiführen des Papierstreifens mit eingestanztem Zeichen an den Fühlhebeln geschieht durch einen Motor mittels regelbaren Getriebes.
Das Paar zweier gerade übereinander stehender Löcher ergibt ein Punktzeichen. Das Paar schräg zueinander stehender Löcher, wo das untere Loch nach rechts versetzt ist, ergibt ein Strichzeichen.
In dem Augenblick, wo sich ein Loch des laufenden Papierstreifens über dem Fühlschuh eines Tasthebels befindet, wird das Senderrelais gesteuert. Das Senderrelais wird nicht direkt, sondern zwecks Einhaltung gleichmäßiger Stromstöße für die Morsezeichen über einen Korrektionskollektor getastet.
Die durch die Lochungen des Streifens gesteuerten Fühlhebel bereiten nur die Kontaktgabe vor, während die genaue Bemessung der Stromstöße durch den Korrektionskollektor erfolgt. Ein Strichsymbol dauert also ¾ Umdrehung des Korrektionskollektors, das Punktsymbol nur ¼ Umdrehung.
Ist der Geber in Betrieb, ohne dass ein Papierstreifen aufliegt, so werden durch die Tastvorrichtung nur Punkte getastet.“

Quelle: Schnellmorsegeber, D.(Luft)T.9204, Februar 1942, Luftnachrichtentruppe. Zitiert nach: https://www.qsl.net/dk5ke/telegraf.html

Aus etwa gleicher Zeit wie der „lochende Telegraf“ datiert die Erfindung des Typendrucktelegrafen, den David Edward Hughes 1855 der Öffentlichkeit vorstellt. Mit dem Typendrucktelegrafen ist es möglich, die Buchstaben des Alphabets direkt über Tasten ein- und auszugeben. Zur Eingabe verfügt der Typendrucktelegraf über eine Klaviatur mit 28 zweireihig angeordneten Tasten. Mit diesen Tasten wird die zu telegrafierende Nachricht im Klartext eingegeben. Die Ausgabe des Textes erfolgte über die angesteuerten Drucktypen auf einen Papierstreifen, der von einer Papierrolle abgerollt wird.

Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu erwähnen, dass Hughes Musiklehrer war und eigentlich beabsichtigte, eine Maschine zu entwickeln, mit der er Musik speichern und übertragen wollte (Abbildung 9).

Abbildung 9: Drucktelegraf von Hughes 1855
Quelle: https://sammlungen.museumsstiftung.de/drucktelegrafen/

Mit dem Hughes-Drucker konnte die Schulung eines Telegrafen zur Beherrschung des Morsecodes entfallen. Diese Geräte waren jedoch sehr teuer und kamen deshalb nur in großen Telegrafenämtern zum Einsatz.

Auf dem Internationalen Telegrafenkongress 1868 in Wien wurde der Hughes-Drucktelegraf weltweit eingeführt. Um 1900 gab es in Europa mehr als 2.300 Drucktelegrafen, die bis etwa 1930 bei vielen Post- und Telegraphenverwaltungen im Einsatz blieben und erst durch den Fernschreiber verdrängt wurden.

Wheatstones lochender Telegraf verwendet bereits einen echten Binärcode, d.h. die Morsezeichen aus Punkten und Strichen werden auf dem Lochstreifen durch Löcher als gestanzt oder nicht gestanzt repräsentiert. Das ist ein wichtiger Schritt zur Digitalität. Morses Buchstabencodierung selbst bleibt dabei noch unverändert. Das bedeutet, dass die Codierung der Zeichen bei Morse unterschiedlich lang ist, was für eine digitale Codierung zu kompliziert wäre. Die Zeichen sind auch nicht binär, weil sie aus langen und kurzen Signalen sowie aus Pausen bestehen.

Eine Innovation zur Codierung des Alphabets wird im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelt. Jean-Maurice-Émile Baudot entwirft 1870 einen Telegrafen, der die Buchstaben statt mit der Morsecodierung mit einer gleich langen binären Codierung für jeden Buchstaben vorsieht. Jean-Maurice-Émile Baudot greift damit Francis Bacons Grundidee von 1678 auf und bringt damit nicht nur die Telegrafie, sondern auch die digitale Schriftcodierung ein wesentliches Stück voran, denn die Decodierung der Zeichen beim Empfänger wird damit wesentlich vereinfacht.

Abbildung 10: Baudot-Lochstreifen mit 5 Kanälen
Quelle: Wikipedia

Zur Eingabe der Zeichen auf der Sendeseite dienen bei Baudot fünf Tasten, die mit dem Zeige- und Mittelfinger der linken und dem Zeige-, Mittel- und Ringfinger der rechten Hand bedient werden. Zur Übertragung des fünfstelligen Binärcodes müssen die fünf Tasten auf der Tastatur gleichzeitig gedrückt bzw. nicht gedrückt werden, um die Kombination vom Gerät aus als eine Folge von gesetzten und nicht gesetzten Stromimpulsen zu senden. Der Empfänger liest die ankommenden Impulse dagegen hintereinander von I bis V. Auf diese Weise können Geschwindigkeiten von 180 Zeichen pro Minute erzielt werden. Auf der Empfängerseite wird durch eine elektromagnetische Vorrichtung ein Typenrad angesprochen, das von den empfangenen elektrischen Signalen jeweils in die entsprechende Position gebracht wird, um das angesprochene Zeichen auf einem Papierstreifen in Klarschrift zu drucken. (Abbildung 11)

Abbildung 11: Baudot-Telegraf 1870
Quelle: http://www.telegraphsofeurope.net/page47.html

Es ging Baudot darum, dass seine Erfindung die Buchstaben der Nachrichten automatisch codieren und decodieren kann.

Jean-Maurice-Émile Baudot nutzte außerdem eine weitere Möglichkeit, um die Menge der übertragenen Zeichen durch einen Multiplexer weiter zu steigern. Der Multiplexer hat die Aufgabe, das Senden mehrerer Sendestationen zu koordinieren, indem jedem Sendegerät ein Zeitfenster zugeordnet wird. Innerhalb dieses Zeitfensters wird immer nur ein Sendegerät auf Sendung zum Empfäger geschaltet, während die anderen Sender in dieser Zeit blockiert sind (Zeitmultiplexverfahren). Nach dem Rotationsprinzip wird im ersten Zeitfenster der erste Sender verbunden, im zweiten Zeitfenster der zweite und so fort. Der Multiplexer ermöglicht es im sogenannten Duplexbetrieb, eine physikalische Leitung in zwölf virtuelle Leitungen aufzuspalten.

Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass der Baudot-Code über einen Umschaltcode wie bei einer Schreibmaschine verfügt. Der Baudot-Code schaltet jedoch nicht zwischen Groß- und Kleinbuchstaben um, sondern zwischen einer Buchstaben- und einer Zahlentabelle:

Abbildung 12: Baudot-Codierung 1890
Quelle: Dirk W. Hoffmann: Einführung in die Informations und
Codierungstheorie, S.39

Die Zeichencodierung von 5 Bit lässt lediglich die Codierung von 2 hoch 5, also 32 Zeichen zu, was nicht ausreichend ist, um Groß- und Kleinbuchstaben zusammen mit Ziffern, Interpunktionszeichen und Sonderzeichen zu codieren. Trotz dieser Einschränkung und wegen der schnellen internationalen Verbreitung der Telegrafie wird bald der Ruf nach technischen Standards mit internationaler Gültigkeit laut.

Am 17. Mai 1865 wird der Internationalen Telegraphenverein gegründet und ist damit die zweitälteste internationale Organisation. Der Baudot-Code wird vom Internationalen Telegrafenverein als CCITT-1 Code international als Standard vereinbart.

Frederick George Creed arbeitete 1885 als Angestellter bei der South American Telgraph and Cable Company in Chile. Er denkt über eine Vereinfachung des Baudot-Systems nach und überlegte, ob es nicht einen besseren Weg zur Eingabe der Buchstaben über die Tastatur geben könnte. Er kündigt seinen Job und geht nach England, um seine Ideen in die Tat umzusetzen.

„Mit Hilfe einer alten Schreibmaschine, die auf dem Markt in der Sauchiehall Street für 15 Schilling (75 Pence) gekauft wurde, nahmen seine Ideen Gestalt an.“

Quelle: http://www.samhallas.co.uk/telhist1/telehist2.htm
Abbildung 13:telegraf mit Schreibmaschinentastatur von Creed

So ist es Frederick George Creed der Erste, der dazu beigetragen hat, dass die Telegrafie und die Schreibmaschine technikgeschichtlich miteinander vereint werden. Es ist die QWERTY(Z)- Schreibmaschinentastatur, mit der wir auch heute noch den Text in den Computer eingeben.

Eine weitere maßgebliche Verbesserung auf dem Weg der Buchstaben in die Digitalität entwickelt 1901 Donald Murray. Donald Murray verwendet ebenfalls eine Schreibmaschine mit QWERTY-Tastaturbelegung . Sein Verdienst ist es, den Code von Baudot entscheidend zu verändern und dadurch für die Übertragung über Lochstreifen zu optimieren (Mehr dazu im Teil 3 dieses Blog-Beitrags).

Durch Drücken einer Taste wird bei Murrays Maschine die zugehörige Zeichenfolge von fünf Lochkombinationen, individuell für jedes Zeichen eine, in einen Lochstreifen gestanzt. Ein darin integrierter Lochstreifenleser tastet den Lochstreifen sofort ab und sendet den Code mit einer Geschwindigkeit von etwa 1260 Buchstaben pro Minute zum Empfänger. Murray fügte für die Verwendung von Blattschreibern, statt Endlosschreibern zusätzliche Steuerzeichen wie beispielsweise für Wagenrücklauf und Zeilenvorschub ein. Dieser so veränderte Murray-Code wurde 1932 von der CCITT als Internationales Telegrafenalphabet Nr. 2 (kurz CCITT-2 oder ITA2) standardisiert (siehe auch Teile 3 dieses Blog-Beitrags). Der ursprüngliche Baudot-Code ist als International Telegraph Alphabet No. 1 (ITA1), CCITT-1 standardisiert. Die entscheidenden Bausteine für die Entwicklung des Fernschreibers sind damit komplett. Fernschreiber sind Schreibmaschinen, in denen ein Lochstreifenleser und ein Lochstreifenstanzer integriert ist. Sie sind Sende- und Empfangsstation gleichzeitig. Mit der Schreibmaschinentastatur wird der Text eingegeben und zur Kontrolle auf Papier geschrieben. Gleichzeitig wird der eingegebene Text als CCITT-2-Code auf den Lochstreifen gestanzt, der dann gesendet wird. Beim Datenempfang wird zuerst ein Lochstreifen gestanzt und anschließend sofort auf der Schreibmaschine ausgedruckt.

Abbildung 14: Fernschreiber Siemens T 100, 1960
Quelle:Von Nightflyer, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8923219

Mit der Vereinigung von Schreibmaschinentastatur und Murray-Codierung vollzieht sich technikhistorisch die Metamorphose von der mechanischen Schreibmaschine im 19. Jahrhundert zum Fernschreiber im 20. Jahrhundert. Mechanische Schreibmaschine und Telegrafie sind zusammengewachsen. Die einzelnen Buchstaben des Alphabets werden über elektrische Codes adressierbar. Ihr Buchstabenbild besteht aber weiterhin aus den materiellen Drucktypen des Fernschreibers. Sie drucken noch im Hochdruck wie mit Gutenbergs Lettern. Dennoch gehört es nicht zum Treppenwitz der Weltgeschichte, dass der Fernschreiber ein unverzichtbares Werkzeug war, um den Buchstaben im 20. Jahrhundert zu ihrer digitalen Repräsentation im Computer, dem Tablet oder dem Smartphone zu verhelfen. Diese Geschichte lesen sie im 4. Teil dieses Blog-Artikels.

Literatur:

V. Aschoff: Geschichte der Nachrichtentechnik Bd. 2. Nachrichtentechnische Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1995

IADM: Der maschinelle Bleisatz. Aspekte der Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Jahrestagung des Internationalen Arbeitskreises Druck- und Mediengeschichte in Leipzig. 2008

Till A. Heilmann: Textverarbeitung. Eine Mediengeschichte des Computers als Schreibmaschine. 2012

Dirk Hoffmann: Einführung in die Informations- und Codierungstheorie. 2014

Andreas Knie: Generierung und Härtung technischen Wissens: Die Entstehung der mechanischen Schreibmaschine WZB Discussion Paper, No. FS II 91-103

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