IADM Jahresfachtagung 2026 am 13. und 14. November im Heinz-Nixdorf Museumsforum in Paderborn

Der Internationale Arbeitskreis Druck-Mediengeschichte e.V [IADM] veranstaltet seine Jahresfachtagung 2026 im Heinz Nixdorf MuseumsForum [HNF] in Paderborn. Mit dem Tagungsthema Kulturtechniken und Technikkulturen: Bilderschriften, Schriftbilder und ihre Rezipienten im mediengeschichtlichen Wandel knüpft die Tagung u.a. an den öffentlich kontrovers geführten Diskurs über Künstliche Intelligenz [KI] an: Mit einem Rekurs auf die Genese der Kulturtechniken, die der Homo sapiens durch ‘Natürliche Intelligenz’ erschaffen hat, reflektiert die Tagung den öffentlich geführten Diskurs über KI aus einer kulturanthropologisch-mediengeschichtlichen Perspektive. Bilderschriften und Schriftbilder stehen dabei im Fokus.

Darüber hinaus geht es um die Folgen der seit den 1950er Jahren einsetzenden Digitalisierung -nicht nur der von Schriften. Vor genau zehn Jahren verabschiedete die Kultusministerkonferenz [KMK] einen verbindlichen Rahmen für die Bundesländer mit dem Titel Bildung in einer digitalen Welt. Darin heißt es:

Durch die Digitalisierung entwickelt sich eine neue Kulturtechnik – der kompetente Umgang mit digitalen Medien -, die ihrerseits die traditionellen Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen ergänzt und verändert.

Hierin kommt der rekursive Charakter der Kulturtechniken mit den sich interferierenden Technikkulturen zum Ausdruck. Erst im technik- und kulturgeschichtlichen Rückblick wird die Dynamik dieser prozessualen Entwicklung sichtbar.

Das HNF als Tagungsort wurde gewählt, weil die Besonderheit des weltweit größten Museum zur „Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Informationstechnik“ darin besteht, seine Exponate aus kulturanthropologischer Sicht der Genese von Bild, Schrift und Zahl bis zur Computer- und Informationstechnik des 21. Jahrhunderts zu präsentieren. Die Druckgeschichte findet sich im HNF innerhalb einer Klammer von Kulturgeschichte des Menschen, („Schreiben, Drucken, Vervielfältigen – vom Höhlenbild zur Linotype“) auf der linken und Künstlicher Intelligenz der Gegenwart („Mensch, Roboter! – Leben mit Künstlicher Intelligenz und Robotik“) auf der rechten Seite.

Kultur wird im Kontext dieser Tagung als Gegenbegriff zur Natur aufgefasst. Sie bezeichnet alle Artefakte der Homoiden, die seit etwa 3 Mio. Jahren den Planeten bevölkern und vor etwa 1,5 Mio Jahren damit begannen, mit Faustkeil und Steinwerkzeugen die Natur zum Zwecke ihres Überlebens und Lebens zu kultivieren. Im Laufe dieses Kultivierungsprozesses vollzog sich durch den Homo sapiens vor etwa 40.000 Jahren ein entscheidender kultureller Wandel, der in Europa Kunst, Musik, Schmuck und Religion bzw. symbolhaftes Denken hervorbrachte. Neben den Artefakten vollzog sich ein massiver geistiger Wandel, der sich in kulturellen Erscheinungen, Wertvorstellungen und Handeln seinen Ausdruck fand. Global gesehen haben sich durch solche Prozesse viele unterschiedliche Kulturen mit je eigenen Sprachen und Schriften ungleichzeitig und unbhängig voneinander entwickelt. Das rechtfertigt es, den Begriff ‘Kultur’ nur in der Mehrzahl als ‘Kultur[en] zu benutzen.

Alle Kulturen der Menschen sind zweifellos aus der Natur hervorgegangen und nicht in der Lage, ohne die Nutzung der Ressourcen der Natur weiterzuexistieren. Umgekehrt aber wird die Natur auch ohne menschliche Kulturen weiter bestehen bleiben. Sie existierte bereits Milliarden Jahre, bevor sich aus Homoiden der Homo sapiens entwickelte.

Mediengeschichte wird auf der Tagung also zugleich als Kulturgeschichte verstanden. Diese beginnt nicht erst mit Johannes Gutenberg, sondern mehrere 10.000 Jahre vor der Erfindung von Schrift und Sprache zu einer Zeit, als noch nicht sesshafte Stammesgesellschaften damit begannen, Höhlenwände zu einer indirekt-visuellen Kommunikation zu nutzen. Die Wände dienten dabei als frühestes Speichermedium, das die persönliche Anwesenheit des Kommunikators überflüssig machte. Das Zeichnen und Lesen von Bildern und Bildsymbolen gehört deshalb zur wohl ältesten Kulturtechnik der Menschheitsgeschichte. Möglicherweise konnte diese ikonografische Kulturtechnik an das archaische Spurenlesen von Tierspuren des frühen Homo sapiens andoggen. Befunde aus der jüngsten Gehirnforschung geben uns dazu Hinweise:

“Spurenlesen gehört zu einer der ältesten Kulturtechniken, die der Mensch während seiner Evolution zu beherrschen lernte”1.

Die Gehirnregionen, die einst dafür verantwortlich waren, um aus Rauch auf ein Feuer, aus einer Hand auf einen Menschen und aus Spuren im Schnee auf ein Tier zu schließen, sind bedeutend älter als die Erfindung der Schrift vor etwa 6000 Jahren. Die Kulturtechnik des Spurenlesens des Homo sapiens ist der Kulturtechnik des Lesens von Texten also um Jahrtausende vorausgegangen. So entstanden Schriftkulturen mit Bilderschriften und Schriftbildern als Ausdruck einer durch Handschriften dominierten Manuskriptkultur.

Mitte des 15. Jh. n. Chr. steht Johannes Gutenberg in Mainz stellvertretend für den Beginn der Diversifikation der europäischen Manuskriptkultur durch die typografische Druckkultur des Bleisatzes. Neben Pergamentrolle und Codex kommen neue Medien hinzu: Mit Bleilettern gedruckte Bücher, Flugblätter, Flugschriften, Kalender u.v.a.m. Die Tradition der Buchmalerei durch Miniaturisten in Handschriften verlagert sich in die mit Bleilettern gedruckten Bücher. Diesem Thema widmet sich der Vortrag von Silvia Werfel Gedruckt wie geschrieben, geschrieben wie gedruckt.? Das professionelle Schreiben nach Gutenberg.

Die Handschriftlichkeit als bis dahin praktizierte Kulturtechnik gehört auch nach Gutenbergs Erfindung zur kulturellen Praxis, verlagert sich aber von einer Kulturtechnik für wenige Privilegierte zu einer Praxis für breitere Bevölkerungsschichten. Diesen Aspekt beleuchtet Katharina Pieper mit ihrem Vortrag Schrift und Kalligrafie in Deutschland bis ins 20. Jahrhundert.

Als kultureller Kontrapunkt zur deutschen Schriftkultur versteht sich der Vortrag von Sybille Schmitz mit ihrem Vortrag zu einem Aspekt der chinesischen Schriftkultur.: Frauenschrift und Weltkulturerbe – Nüshu. Eine Schrift stiftet Identität.

Ursprünglich von Alois Senefelder als eine ‘wohlfeile’ Alternative zu Gutenbergs Bleilettern intendiert, erfand er zwischen 1796 und 1798 das weltweit einzige chemische Druckverfahren, bei dem handschriftlich Geschriebenes oder kartografisch Gezeichnetes direkt oder indirekt über Umdruckpapier auf einen Lithostein übertragen und von dem anschließend Text und Bild gemeinsam in hohen Auflagen gedruckt werden konnten. Dieser jüngsten Technikkultur des Druckens und zugleich Kulturtechnik des professionellen Schreibens und Zeichnens widmet sich der Vortrag von Hans Ulrich „Lithografie und Schrift.“

Zwischen den 1850er und 1970er Jahren wird Gutenbergs traditionelle Technikkultur des Schriftgussverfahrens industrialisiert. Es entstehen in den Schriftgießereien zahlreiche Drucktypen mit Schriftbildern im Stil des sich verändernden modernen Zeitgeistes. Das 1953 gegründete Klingspor-Museum in Offenbach, welches aus einer solchen Schriftgießerei vom Ende des 19. Jahrhunderts hervorgegangen ist, gehört heute zu den wenigen Museen, die sich nicht nur der Sammlung und Katalogisierung typografischer Schriften dieser Zeit widmet, sondern zugleich über eine große Buchsammlung verfügt, die den Kategorien, Malerbuch, Pressendruck, Kinderbuch, Kalligrafie, Schriftdesign und Plakat zugeordnet werden. Mit ihrem Vortrag Neue Schriftgeschichten. Von der Schriftgießerei zum digitalen Klingspor-Type Archiv knüpft die Leiterin des Klingspor-Museums Dr. Dorothee Ader an die Schriftkultur der Bleisatzschriften an. Sie fokussiert ihren Vortrag auf die Bedeutung des-Klingspor-Schriftarchivs aus der Schriftgusszeit und den Bemühungen, dieses Archiv mittels der Digitalisierung heutigen Schriftdesignern für neue Inspirationen einerseits und alten Erkenntnissen aus der Geschichte der Typografie andererseits zugänglich zu machen.

Parallel zur Typografie des Bleisatzes diversifiziert sich ab den 1950er Jahren im professionellen Bereich die Technikkultur der Schriftgussverfahren durch Innovationen im Bereich analog-elektronischer Technik zu neuen Technikkulturen wie Fotosatz-, Hybrid- und Lichtsatzverfahren. Durch den dafür verstärkt erforderlichen Computereinsatz setzt ab den 1990er Jahren mit der Seitenbeschreibungssprache PostScript die digitale Font-Technologie des Desktop Publishing (DTP) ein: Handschriftlich oder mit Schreibmaschine verfasste Texte werden nicht nur aus dem professionellen Bereich, sondern zugleich auch aus der Alltagskultur verdrängt. Dieser anderen Technikkultur ist der Vortrag von Dr. Jörg Petri gewidmet. Mit seinem Thema Entkörperte Typen sortieren: Schriftklassifikationen im Wandel typografischer Technologien konzentriert sich Petri auf den seit den 1960er Jahren einsetzenden Versuchen, die Vielzahl europäischer Schriftarten und Schriftbilder systematisch zu klassifizieren. An der bis heute noch nicht erfolgten Neufassung der DIN 16518 zu einer internationalen Schriftklassifikation greift Dr Jörg Petri in seinem Vortrag das Problem einer Neufassung der Klassifizierung unter den Bedingungen unzähliger digitaler Fonts auf.

Mit seinem Vortragsthema Kulturtechnik des Rasterns und Konturierens zwischen Albrecht Dürer und digitaler Font-Technologie spürt Wilfried Kusterka den Kulturtechniken aus den Anfängen der Kulturgeschichte nach und zeigt, wie sich diese in den technischen Verfahren zur Digitalisierung von Bilderschriften und Schriftbildern aufspüren lassen.

Daniel Scheidegger beschäftigt sich zum Abschluss in seinem Vortrag Bild, Text, Wissen – KI generierte Dokumentation für die Geisteswissenschaften mit den Grundlagen für die Technikkultur der Künstlichen Intelligenz zum maschinellen Lesen und ‘Verstehen’ von Texten. Die Intention, Maschinen die Kulturtechnik des Lesens und ‘Verstehens’ beizubringen entwickelte sich bereits seit den 1960er Jahren. Sie ermöglicht es heute den Geisteswissenschaften, mittels KI Forschungsergebnisse zu generieren, die ohne sie undenkbar sind. Die gleiche Technologie ermöglicht es auf der anderen Seite Propaganda und FakeNews weltweit zu generieren und zu posten.

Der Abschluss der Tagung ist der Frage nach der Bedeutung des Kulturellen Erbes Johannes Gutenbergs in einer postindustriellen Gesellschaft gewidmet.

1 Otto-Joachim Grüsser Gehirnvorgänge und bildnerische Kreativität. Phylogenetische, historische und individuelle Bedingungen, S.73 und Stein: Schriftkultur, S. 253 f

Tag 1: Donnerstag, 12. November 2026

UhrzeitVeranstaltung/Referatsthema
9:00 bis 10:30 UhrIADM Mitgliederversammlung
11:00 bis 11:30 UhrKeynote
11:30 bis 12:45 UhrHFN-Rundgang im 1. Stock / alternativ thematische Führung.
12:45 bis 14:00 UhrMittagspause Cafeteria HNF
14:15 bis 15:00 UhrSilvia. Werfel: Gedruckt wie geschrieben? Geschrieben wie gedruckt? Das professionelle Schreiben nach Gutenberg
15:00 bis 15:45 UhrKatharina Pieper: Schrift und Kalligrafie in Deutschland bis zum 20. Jh.
15:45 bis 16: 15 UhrKaffeepause
16:15 bis 17:00 UhrProf. Sybille Schmitz: Frauenschrift und Weltkulturerbe: Nüshu. Eine Schrift stiftet Identität
17:00 bis 17:45UhrHans Ulrich: Lithografie und Schrift
Ab 19:00 Uhroptional Gemeinsames Abendessen

Tag 2: Freitag 13 November 2026

UhrzeitVeranstaltung/Referatsthema
9:00 bis 9:45UhrDr. Dorothee Ader: Neue Schriftgeschichten. Von der Schriftgießerei zum digitalen Klingspor Type Archive
9:45 bis 10:30 UhrProf Dr..Jörg Petri: Entkörperte Typen sortieren: Schriftklassifikation im Wandel typografischer Technologien
10:30 bis 11:15UhrWilfried Kusterka: Kulturtechnik des Rasterns und Konturierens zwischen Albrecht Dürer und digitaler Font-Technologie
11:15 bis 11:30 UhrKaffeepause
11:30 bis 12:45 UhrHFN Rundgang im 2. Stock / alternativ thematische Führung
12:45 bis 14:00 UhrMittagspause-Cafeteria HNF
14:00 bis 14:45 UhrDaniel Scheidegger: Bild, Text, Wissen. KI generierte Dokumentation für die Geisteswissenschaften
14:45 bis 16:00 UhrHNF-Rundgang im 2. Stock / alternativ thematische Führung
16:00 bis 17:00 UhrAbschlussdiskussion: Gutenbergs Erbe in der postindustriellen Gesellschaft
17:00 UhrEnde

Die Teilnehmer*innen können zwei von vier möglichen thematischen Führungen durch die Ausstellung auswählen:

  1. Kommunikation – Vom reitenden Boten zu Mail und Messanger
  2. Sie waren die Ersten – Frauen in der Informationstechnik
  3. Röhren, Rechner, Revolutionen – Geschichte des Computers
  4. KI – Künstlich und intelligent? 

Die Eintrittsgebühren für den Besuch der Ausstellungen und die Teilnahme an zwei thematischen Führungen sind in der Tagungsgebühr inbegriffen.

Tagungsgebühr: 80.- €  für Mitglieder / 140.- € für Nichtmitglieder

Studenten zahlen die Tagungsgebühr für Mitglieder

Anmeldungen sind zu senden an den Vors. des IADM: w.kusterka@web.de

Die Anmeldung wird erst mit der Überweisung der Tagungsgebühr auf das IADM-Konto wirksam! 

Konto Nr.: DE10 8605 5592 1100 3906 30 / Stichwort: IADM Jahresfachtagung 2026

Bitte bei der Anmeldung den Vornamen, Nachnamen und die Adresse angeben.

Nichtmitglieder, die zusammen mit der Anmeldung ihren Vereinsbeitritt in den IADM erklären, zahlen als Tagungsgebühr 80.- € zuzüglich 40.- € Jahresbeitrag für den Internationalen Arbeitskreis Druck- Mediengeschichte e.V. [IADM].

Die Anmeldung kann bis 15. September kostenfrei storniert werden. Nach diesem Termin kann keine Rückerstattung der Tagungsgebühr bei Nichtteilnahme erfolgen. Die Anmeldungen haben bis spätestens 15. September zu erfolgen.  

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