Tagungsbericht der IADM-Jahresfachtagung 2025 im Deutschen Museum in München

Tagungsbericht

Bilderdruck zwischen Kunst, Wissenschaft und Gewerbe: Produktion und Rezeption kolorierter Grafik und Fotografie

Jahresfachtagung des Internationales Arbeitskreises für Druck- und Mediengeschichte e.V. (IADM) im Deutschen Museum München vom 12. bis 15. November 2025

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts explodierte die Produktion farbiger Bilder – erstmals konnten sie in nie dagewesenem Umfang hergestellt werden und zirkulieren. Neue Drucktechniken und die frühe Farbfotografie katapultierten die Bildwelt in eine Ära massenhafter, farbiger Reproduktion. Die Jahresfachtagung des IADM widmete sich diesem faszinierenden Spannungsfeld zwischen Kunst, Handwerk und Wissenschaft. Im Mittelpunkt der Tagung standen die medialen Innovationen des 19. Jahrhunderts, ihre technischen Grundlagen sowie ihre gesellschaftlichen Auswirkungen.

In seiner Keynote zeichnete der IADM-Vorsitzende Wilfried Kusterka die Entwicklungslinien nach, die von frühen Farbtheorien, Farbdruckverfahren samt Chromolithografie bis hin zur Farbauszugstechnik des frühen 20. Jahrhunderts führten. Er zeigte auf, wie sehr sich dabei Alchemie und die aufkommenden Naturwissenschaften wechselseitig vorantrieben und die Techniken der farbigen Bildreproduktion beeinflussten: schließlich erfreuten sich naturwissenschaftliche Experimente schon im 18. Jahrhundert großer Beliebtheit im aufkommenden Bürgertum. Im 19. Jahrhundert wurde der Diskurs über das Wesen der Farbe zudem von der Kunst aufgegriffen.

Im Anschluss boten die Führungen durch die Ausstellung Bild Schrift Codes im Deutschen Museum den 36 Teilnehmenden einen praxisnahen Einblick in die materielle Welt der Bild- und Druckproduktion und Wissensübermittlung innerhalb der Mediengeschichte. Carola Dahlke, Maria Latischew und Sonja Neumann zeigten, wie Menschen mit Bildern, Schrift und Codes kommunizieren und Wissen überliefern – vom frühen Bilder- und Buchdruck über moderne Drucktechniken bis hin zu Kryptologie und digitaler Verfahren.

Am Nachmittag führte eine Exkursion zum Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung. Dort gewährte Robert Weingartner Einblicke in die traditionsreiche Druckwerkstatt, bevor Wolfgang Blum die Geschichte der (bayerischen) Landesvermessung skizzierte und das einzigartige Lithografiestein-Archiv vorstellte.

Am zweiten Tag richteten die Fachvorträge den Fokus zunächst auf die technische und mediengeschichtliche Bedeutung der frühen Farbfotografie. Sonja Neumann präsentierte Adolf Miethes Dreifarbenfotografie und die Herausforderungen ihrer naturgetreuen Reproduktion im Druck. Dabei stellte sie das diffizile Verhältnis von Dreifarbendruck und Dreifarbenfotografie mit zahlreichen Beispielen vor.

Daniel Scheidegger untersuchts in seinem Vortrag ein frühes Verfahren der Farbfotografie, das als Photochrom 1889 von der Kunsthandlung Heinrich Appenzeller erstmals präsentiert wurde. Die farbigen „Lichtbilder“, die damals als technische Sensation gefeiert wurden, wurden Orell Füssli & Co. als bahnbrechende Erfindung zugeschrieben. Scheidegger ging der Frage nach, worin dieses geheime Farbverfahren tatsächlich bestand – und offenbarte dabei in einer akribischen Rekonstruktion der Patentverfahren, die Komplexität der Kombination von Foto- und Drucktechnik.

Sybille Schmitz lenkte daraufhin den Blick auf die Plakatgestaltung, wobei sie die strategische Nutzung „lauter“ Farben analysierte, die Aufmerksamkeit erzeugen und heute die visuelle Kommunikation weltweit prägen. Spannende Bezüge zu historischen Vorbildern des Plakatdesigns und -drucks wurden vorgestellt und die vielfältige Formen- und Farbsprache der Entwicklung vom 19. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart aufgezeigt.

Anschließend vertiefte der Besuch im Rara-Saal der Bibliothek des Deutschen Museums das Verständnis historischer Farbdrucke. Eva Bunge präsentierte äußerst seltene Bücher zu verschiedenen historischen Farbdruckverfahren und machte die zuvor erläuterten Drucktechniken anschaulich erfahrbar.

Mit Blick auf die Professionalisierung der Fotografie zeigte Peter Best, wie die Ausbildung von Fotografen und Fotografinnen vom 19. Jahrhundert an institutionalisiert wurde und sich technische, künstlerische und gesellschaftliche Anforderungen miteinander verbanden. Das Finale der Tagung wurde von Jacob Luckschewitz bestritten. Er stellte die „Renaissance“ künstlerischer Farbdruckverfahren um 1900 in den Mittelpunkt seines Vortrags und erläuterte, wie traditionelle Techniken seinerzeit neu interpretiert wurden, um sowohl künstlerische als auch reproduktionstechnische Ansprüche zu erfüllen. Sein Fokus richtete sich dabei vorrangig auf den Farbholzschnitt, die Farbradierung und das Farbmezzotinto, deren Herstellung jeweils ein hohes Maß an handwerklicher Kunstfertigkeit erforderten und die doch angesichts der seinerzeit aufkommenden modernen (auf fotografischen Aufnahmen basierenden) Farbdruckverfahren wie aus der Zeit gefallen wirkten.

Insgesamt spiegelte die Tagung die komplexen Wechselwirkungen von Farbe, Drucktechnik und Fotografie wider. Sie zeigte, dass technische Innovation, künstlerische Praxis und wissenschaftliche Erkenntnisse untrennbar zusammenwirken und dass die gesellschaftliche Wahrnehmung von Bildern und Farbe stets neu verhandelt wird – von Plakaten über Werbung bis hin zur Berufsfotografie. Die Vorträge und Führungen verdeutlichten, dass die Entwicklungen des 19. Jahrhunderts nicht nur historische Bedeutung haben, sondern auch die Grundlagen für die heutige visuelle Kommunikation und die digitalen Medien legen. Gleichzeitig wurde klar, dass trotz umfangreicher Forschung noch viele Fragen offenbleiben: Wie greifen Foto- und Drucktechnik bei der Entwicklung moderner Farbdruckverfahren ineinander? Wie prägen frühe Druck- und Farbtechniken unsere heutige visuelle Kultur? Welche weiteren Zusammenhänge zwischen technischen Entwicklungen und ästhetischer Wirkung lassen sich noch erschließen?

Kurzübersicht Tagesablauf

Mittwoch, 12.11.2025


  • Mitgliederversammlung des IADM e.V.

Donnerstag, 13.11.2025


  • Keynote: Wilfried Kusterka Die Koloristen im 19. Jahrhundert zwischen Alchemie und Naturwissenschaft

  • Führung durch die Ausstellung Bild Schrift Codes im Deutschen Museum München

  • Führung durch die vermessungs- und drucktechnische Ausstellung sowie des Lithografiestein-Archivs des Landesamts für Digitalisierung, Breitband und Vermessung München durch Wolfgang Blum

Freitag, 14.11.2025


  • Sonja Neumann: Farben nach der Natur – Adolf Miethes Dreifarbenfotografie im Druck

  • Daniel Scheidegger: Fake oder grosse Erfindung? – Die Grundlage der Erfolgsgeschichte der Photochrom Schweiz.

  • Sybille Schmitz: Laute Farben – schreiende Plakate. Über die Verwendung von Farben in der zeitgenössischen Plakatgestaltung

  • Besuch der Bibliothek des Deutschen Museums: Besondere Farbdrucke und Bücher zum Farbdruck im Rara-Saal, näher erläutert durch Eva Bunge

  • Peter Best: Die historische Entwicklung der fotografischen Bildung. Von den frühen Erfindungen der Fotografie zur Berufsfotografin und zum Berufsfotografen.

  • Jacob Luckschewitz: „In der alten Weise, aber neu in der Anwendung“­– Perspektiven auf die „Renaissance“ künstlerischer Farbdruckverfahren im Dienst der Kunstreproduktion um 1900.

Samstag, 15.11.2025

Führung durch die Ausstellung Foto und Film

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