“Überzeugungsarbeit und Stehvermögen” — Günter Gerhard Lange und der Fotosatz bei der H. Berthold AG

 

Das Fotosatzgerät “Diatype” der H.Berthold AG. Foto:Industriemuseum.de

 

Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg löst mit seiner Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und Druckerpresse ab 1450 die erste Medienrevolution aus. Knapp 500 Jahre später bahnt sich im Nachkriegsdeutschland mit der Entwicklung des Fotosatzes ein weiterer elementarer Umbruch der Satzherstellung an. Die H. Berthold AG wird die erste Schriftgießerei Europas, die den Fotosatz aufnimmt. Motor dieser Entwicklung bei Berthold sind zwei Personen. Einer davon ist Direktor Carl Graumann, dazu im Folgenden mehr – der andere der spätere künstlerische Leiter Günter Gerhard Lange (1921—2008). GGL, so sein bekanntes Kürzel, wäre am 12. April 2021 100 Jahre alt geworden: ein Grund mehr, einen genaueren Blick auf diese Übergangszeit vom Blei- zum Fotosatz und seiner Rolle in dieser umwälzenden Entwicklung zu werfen. Einer Zeit, die GGL rückblickend als die schwierigste Zeit bei Berthold mit vielen Widerständen, Misstrauen und Vorurteilen in einem eher konservativen Gewerbe bezeichnet hat und sich dennoch mit vollster Überzeugungskraft dafür einsetzte.

Die Anfänge von Berthold

Hermann Berthold (1831–1904) gründete 1858 in Berlin das „Institut für Galvanotypie“ zur Herstellung von Messinglinien und galvanoplastischen Arbeiten für den Buchdruck. Er war nicht nur Unternehmer, sondern auch Erfinder. So erreichte er durch die Verwendung von Messing statt bisher Blei oder Zink eine präzisere Liniendicke bei gleichzeitig höherer Langlebigkeit. Weitere Erfindungen Bertholds sind 1864 der Winkelhaken mit Keilhebelverschluss und 1878 ein Typometer, das zum Standard-Maßsystem im deutschen Schriftgießereigewerbe wurde.

Wachstum und Zerstörung

Dem werbewirksamen Motto „Präzis wie Berthold Messing“ gemäß wuchs die Firma stetig und war 1918 die weltweit größte Schriftgießerei. Das Unternehmen florierte weiter durch laufende Zukäufe, eigene Gründungen und Übernahmen von Schriftgießereien. Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Berliner Hauptbetrieb bei einem Bombenangriff getroffen. Im Zuge der Kämpfe um Berlin verbrannte Ende April 1945 das gesamte Schriftenlager. Wertvolle Matritzenbestände wurden dabei vernichtet. Der Betrieb kam eine Zeit lang völlig zum Erliegen.

Günter Gerhard Lange beginnt bei der H. Berthold AG

1950 arbeitet Günter Gerhard Lange zunächst als freier Mitarbeiter für die H. Berthold AG. Zu diesem Zeitpunkt ist nach der Zerstörung des Berliner Hauptbetriebs der Bedarf an neuen und schnell herzustellenden Werbeschriften enorm. Begünstigt wird die Entwicklung durch den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung, der in Deutschland nach der Währungsreform einsetzt. GGL entwirft zunächst kalligrafische Schreibschriften wie Derby (1952), Solemnis (1953), Boulevard (1954), Regina (1954), Champion (1957) und als erste Mengensatzschrift die Arena (1951, 1952, 1954, 1959, 1991). Doch das ist bei Weitem nicht alles: Schriftproben und Musterblätter neuer Schriften müssen gestal-tet und in der Hausdruckerei gesetzt und gedruckt werden. Bei dem Qualitätsanspruch, den eine Gießerei an das eigene Werbematerial stellen muss, gehört dazu auch eine sehr sorgfältige Überwachung der Ausführung aller Schritte.

Günter Gerhard Lange in seiner Atelierwohnung in der Neubeuerner Straße in München, 2003. Foto: Imago/HRSchulz

Carl Graumann, der Vater des Fotosatzes bei Berthold

Die Entwicklung des Fotosatzes bei Berthold ist allen voran der Weitsicht des ehemaligen Direktors Carl Graumann (1919–1956) zu verdanken, der den Start im Fotosatz mit einem verhältnis-mäßig kleinen Gerät fokussiert hat. Im Hinblick auf einen großen Anwenderkreis war die Aussicht auf entsprechende Stückzahlen groß — leider konnte er den später einsetzenden Erfolg nicht mehr erleben.

„Der ehemalige Berthold-Direktor Carl Graumann ist der Vater des Fotosatzes in Deutschland. Jahrelang, bevor überhaupt dieses Wort in Deutschland auftauchte, hat er jede Verlautbarung über bleilosen Satz sammeln lassen – dicke Leitzordner. Dann hat er erfahren, dass in Braunschweig bei dem karthographischen Verlag Westermann jemand ist, der sich mit Gedanken in dieser Richtung befasst. Er hat Erkundigungen eingezogen, und jetzt kommt was ganz Merkwürdiges: Er hat schneller geschaltet als die Konkurrenz. Er hat dann diesen Ingenieur Hugo Heine, Leiter der lithographischen Abteilung, vertraglich verpflichtet. Zusammen mit dem Entwicklungsingenieur Walter Rossmann hat er den Prototyp des Diatyp-Gerätes entwickelt. So umständlich das klingt, aber die karthographischen Lithographen mussten die Bezeichnungen von Hand in das jeweilige Kartenbild einzeichnen. Bei Kartenänderungen mussten die Schriften wiederum formidentisch sein. Deswegen fing Heine an, die Beschriftung in Negativen zusammenzustellen; es entstanden Film-Schriftstreifen. Das war der Ursprung.“ (Günter Gerhard Lange, Typografische Monatsblätter 2. 2003, S. 14)

Die lange Entwicklung des „diatyp(e)“-Geräts

Als Günter Gerhard Lange 1950 bei Berthold beginnt, steht somit die Entwicklung des Fotosatzes bei Berthold bereits in den Startlöchern. Aber noch werden bei Berthold Schriftgusserzeugnisse, Messinglinien und in kleinem Umfang großdimensionierte Holzschriften für den Satz von Plakaten hergestellt. Diese drei Basismaterialien, Guss für Lettern, Messing für Liniensatz und Holz für Plakatschriften, muss man vor seinem geistigen Auge sehen, um jene Revolution ermessen zu können, die mit der Aufnahme des Fotosatzes am 01.07.1952 erfolgt. Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis das „diatyp“-Gerät, das später in „diatype“ umbenannt wurde, entstehen sollte. Nach längerer Entwicklungszeit mit Kosten in Millionenhöhe wollte der Vorstandsvorsitzende Thier die ganze Sache stoppen. Günter Gerhard Lange, der die Zeichen der Zeit früh erkannt hat, konnte sich jedoch durchsetzen.

„Der letzte Alleinvorstand, Direktor Thier, wollte die ganze Sache am liebsten aufgeben: ,Jetzt haben wir eine Million investiert, Herr Lange, und sagen Sie mal ehrlich, das wird doch nichts. Es hat doch gar keinen Zweck, wollen wir nicht aufhören?‘

  ,Wissen Sie, es wird nicht nur nichts, es ist schon was, und ich garantiere Ihnen, das ist die Zukunft.‘ Dieses Gespräch gipfelte schließlich in dem Satz: ,Macht, was ihr wollt.‘ Das war der Freibrief für die Weiterführung der Fotosatztechnik. Übrigens, diese ablehnende Auffassung teilten alle deutschen Gießereien.“ (Günter Gerhard Lange, Typografische Monatsblätter 2.2003, S.14)

1958, unmittelbar vor dem einhundertjährigen Firmenjubiläum, wird der Öffentlichkeit der Prototyp des ersten Berthold-Fotosatzgerätes auf der weltgrößten Messe der Druck- und Druckmedienindustrie, „Drupa“, vorgestellt.

Von einer einzigen “diatype”-Schriftscheibe können beliebig viele Schriftgrößen zwischen      4 Punkt und 36 Punkt stufenlos gesetzt werden. Jede Scheibe weist 190 Schriftzeichen auf. Foto: archive.org

Widerstände, Skepsis und Misstrauen in der Fachwelt

Die Skepsis der Fachwelt in die Fotosatztechnik ist jedoch anfänglich groß. In einer über fünfhundertjährigen Tradition des Buchdruckgewerbes und der traditionellen Gläubigkeit an den Schriftguss vermochte man der Fotosatztechnik noch keinen rechten Glauben zu schenken. Und so bleibt nach der „Drupa“ der erhoffte Impuls für eine Serienproduktion aus.

„Von den Schriftschneidern und den Setzern war niemand bereit, in die neue Technologie einzusteigen — bis auf einen Schriftschneider. Das war ein ambitionierter Amateurfotograf. Später wurde er Atelierleiter.

  Wir hatten bei Berthold die schwierige Situation, dass wir den Schriftguss solange wie möglich weiterführen wollten, um den Leuten ihr Brot zu sichern, zugleich sollte aber der Fotosatz vorangetrieben werden. Das brachte innerbetriebliche Auseinandersetzungen, man kann ruhig sagen, Bremseffekte: Die konservative Guss-Seite stand gegen die so genannten D-Männer, die Dunkelmänner.“

(Günter Gerhard Lange, Typografische Monatsblätter 2.2003, S. 14)

Marktreife und Weiterentwicklung der „diatype“

1960 wird GGL künstlerischer Leiter der H. Berthold AG, ab 1961 in Festanstellung. Damit erhält er auch mehr Einfluss auf die künftige Entwicklung und die Ausrichtung der Firma zu einem der bedeutendsten Hersteller von Fotosetzsystemen und den dafür notwendigen Schriften.

Während 1960 die Verkäufe allen voran der Schrift Akzidenz-Grotesk den Umsatz in die Höhe schnellen lassen, verläuft der Verkauf der Fotosatzgeräte eher schleppend. Die Akzidenz-Grotesk, auch sie hat GGL einst mit permanenter Überzeugungsarbeit gegen die Widerstände des Berthold-Vorstands durchgesetzt und damit schon einmal ein untrügliches Gespür für die Anforderungen des Marktes gezeigt.

Ab August 1960 wird die Entwicklung der „diatype“, die bislang nur nebenher betrieben wurde, konsequent aktiviert und bis zur Marktreife geführt. Schließlich wird das erste „diatype“-Gerät verkauft. 1961, im Jahr des Berliner Mauerbaus, nach zwei Konstruktionsänderungen dann 70 weitere Geräte. 1962 schließlich wuchs die Nachfrage stetig, auch aus dem Ausland.

Verbreitung der diatype und weitere Fotosetzgeräte

1964 scheint Berthold einer glänzenden Zukunft entgegenzusehen: während der Verkauf der Schriften zurückgeht, bringen die Fotosatzgeräte dafür einen kräftigen Zuwachs, sodass 1965 bei einer Steigerungsrate von 41 Prozent erstmals ein Umsatz von zehn Millionen Mark erreicht wird.(1) Zur „diatype“, dessen Stärke im Akzidenz-, Tabellen- und Formularsatz liegt, kommt der „Starsettograph“, der dem Satz von großen Überschriften vorbehalten ist. Nach sorgfältiger Analyse des Marktes folgt schließlich die Idee zur „diatronic “ für den Mengensatz.

Ausschnitt aus dem Titel der “Bedienungstechnik für die diatronic”, undatiert. Das Gerät wurde für Aufgaben konzipiert, die zu umfangreich sind, um schnell und wirtschaftlich auf Geräten wie “diatype” gesetzt zu werden, für die aber der Einsatz elektronischer Hochleistungsmaschinen zu aufwendig wäre. Die “diatronic” vereint in sich Eingabe- und Belichtungsstation. Foto:archive.org

 

1965 beginnt die intensive Konzeption und Arbeit an drei „diatronic“ Maschinen, die zur „Drupa 1967“ fertiggestellt werden sollen. Ein Komplex von Problemen fertigungstechnischer Art ist damit verbunden. Sowohl für die Maschinenfertigung als auch für die Schaffung der Schriftträger wird eine völlig neue Produktion aufgezogen. Es bedingt im letzteren Bereich ein umfassendes Schriftangebot, das den Wünschen der Maschinenhersteller entgegenkommt. Neben Schriften aus dem eigenen Gussprogramm werden zahlreiche Lizenzen von anderen Gießereien übernommen. Überall da, wo bislang Bleischriften zum Einsatz kommen, soll der Fotosatz eingeführt werden.

Die Berthold-Schriften als wichtiges Qualitätskriterium

Diese Schriften, die es erst einmal zu schaffen gilt, stellen sowohl im Fotosatz als auch später im digitalen Satz ein wichtiges Qualitätskriterium dar. Natürlich spielen Funktionalität und Bedienungskomfort des Systems eine wichtige Rolle, das sichtbare Endprodukt aber ist die Schrift. Ist der Kunde mit dem Ergebnis nicht zufrieden, ist die Arbeit des Setzers auch bei größter Mühe wertlos.

GGL hat diese Zusammenhänge, auch deren unternehmerische Bedeutung von Anbeginn klar erkannt. Und er hat stark für die Einhaltung des von ihm vorgegebenen Qualitätsstandards gekämpft. Vor allem gilt es nun intern zu überzeugen, dass die mehrstufigen Korrektur-schritte bis zur Freigabe einer Schrift – seine bildhaften Korrekturen wie „hier ein Katzenhaar dicker“ oder „zwei Mäusedärme leichter“ sind legendär – eben kein persönlicher Luxus eines GGL sind, sondern eine Investition in die Zukunft: nur so konnte Berthold als Synonym für Schrift- und Satzqualität bekannt werden. Mit seinem hohen Qualitätsanspruch gelingt es GGL, aus der von der Konkurrenz gerne belächelten Messinglinien- und Reklamebude Berthold heraus eine Schriftenbibliothek aufzubauen, die Weltgeltung erreichen konnte.

Ausschnitt von Korrekturen von GGL zur Bodoni Old Face kursiv aus dem Jahr 1982. Abgebildet in der “Basisinformation – produktübersicht – Preisinformation” zur Bodoni old face, november 1986. Foto: Sammlung Kisten Solveig Schneider.

Die Berthold-Schriftenbibliothek

Günter Gerhard Langes größte Leistung ist der grundlegende Aufbau einer neuen Schriftenbibliothek für Berthold; sein schrifthistorisch wertvollster Beitrag die Hebung traditioneller, bewährter Bleisatzschriften und deren Transformierung in den Fotosatz und die digitale Schrifterzeugung. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, ergänzt GGL die anfänglich überwiegend aus Akzidenz-Schriften bestehende Schriftenbibliothek um gute Werkschriften. Hierfür analysiert er systematisch den Markt und zieht internationale Vergleiche heran. Zusätzlich entstehen im Berthold-Atelier weitere klassische Schriften aus dem großen Reservoir der Schriftgeschichte wie etwa die Bodoni Old Face, die mit großer Sachkenntnis ausgewählt und unter der Leitung von Günter Gerhard Lange über alle Korrekturphasen begleitet werden.

Berthold exklusiv Probe 011: “Bodoni old face”,undatiert. Der Schaffung der Bodoni old face ging die Analyse zahlreicher original Bodoni Drucke im Brotschriftbereich voraus und ist strikt den Originalen Bodonis verpflichtet. Foto: Sammlung Kirsten Solveig Schneider.

Überzeugungsarbeit und pragmatische Beweisführung

Obwohl GGL als künstlerischer Leiter für das gesamte Schriftenprogramm von Berthold schon mehr als genug Arbeit hat, leistet er unentwegt Überzeugungsarbeit in Wort, Schrift und Bild.

„Das Maß an Überzeugungsarbeit […] ging so weit, dass ich zusammen mit dem Operator in die Betriebe ging, um am Beispiel Diatype die neue Technik vorzuführen. Es ist mir oft gelungen, die Leute zu überzeugen. Dies allein war aber nicht genug: Jetzt galt es Prospekte zu lancieren. Ich hatte die Entwürfe, die Texte und die Typografie konzipiert und außerdem die Schriftvorstellung. Viele sagten: Sie arbeiten für drei Leute.“ (Günter Gerhard Lange, Deutscher Drucker Nr. 17 vom 04.05.2001, Seite 8)

Einladung zum Vortrag “It die Qualität unserer Druckschriften gefährdet?” von Günter Gerhard Lange bei der Typografischen Gesellschaft München (tgm) am 8.11.1977. Zwischen 1965 und 1979 leistet GGL unaufhörliche Überzeugungsarbeit in Sachen Fotosatz und Schrift mit bis zu vierzig Vorträgen im Jahr. Repro: Stadtarchiv München

 

Ab 1965 schreibt Günter Gerhard Lange verstärkt Artikel in Fachzeitschriften und Publikationen wie „Typographische Monatsblätter“, „Deutscher Drucker“, „Der Druckspiegel“ und „Polygraph-Jahrbuch“. Seine Beiträge wie beispielsweise „Das Diatype-Fotosetzgerät von Berthold“; „Fotosatz heute. Tendezen und Möglichkeiten aufgezeigt von Günter Gerhard Lange“; „Über die Modifikation des Schriftbildes im Blei- und Fotosatz“ sind thematisch im Bereich Fotosatz und den damit verbundenen neuen Möglichkeiten angesiedelt.

Zusätzlich hält GGL wortgewaltig nicht nur intern, sondern auch extern ausgewählte Lichtbilder-Vorträge auf Messen, Fachveranstaltungen und Konferenzen. Mit Vorträgen wie „Typographie und Photosatz“; „Ist die Qualität unserer Druckschriften gefährdet?“ oder „Der Fotosatz als Wegbereiter einer neuen Typografie“: reist GGL zwischen 1965 und 1979 in Sachen Fotosatz und Schrift als Prophet und Missionar durchs Land und über die Kontinente. Nicht selten hält er bis zu vierzig Vorträge im Jahr.

Ein Modul für den Durchbruch: Schulungen im Fotosatz

Ein weiterer Grund für die anfangs schleppenden Verkäufe liegt in dem bis dato fehlenden Berufsbild des Fotosetzers mit entsprechend staatlichem Abschluss. Die Bereitschaft zum Kauf scheitert zudem auch daran, dass noch keine geeigneten Fachkräfte auf dem Markt verfügbar sind. Aus diesem Grund eröffnet Berthold 1966 das erste Fotosatz-Zentrum in Essen, weitere folgen in den Ballungsräumen der grafischen Industrie wie Frankfurt/Main, Stuttgart, München, Berlin und Hamburg. Sie haben einen nicht geringen Anteil an der Popularisierung und dem Durchbruch des Fotosatzes bei Berthold.

Sechswöchige Ausbildung zur Fotosetzerin

Auch in einer angepassten, neuen und schnelleren Ausbildung im Fotosatz ist GGL 1967 beweisführend tätig. Nach seinem Lichtbildervortrag „Typographie und Photosatz“ in der Typographischen Gesellschaft München (tgm) wird ihm in der anschließenden Diskussion die Frage gestellt, welche Ausbildung nötig sei, um ähnlich gute Leistungen wie in den gezeigten Beispielen im Titelsatz zu vollbringen. GGL kontert,

„jedem x-beliebigen Laien, der nur halbwegs Lesen, Schreiben und etwas Rechnen kann, in 6 Wochen bei täglich zwei Stunden Unterricht zu einem Photosetzer mittlerer bis guter Qualifikation auszubilden“.(2)

Auf die Frage des tgm-Vorsitzenden, ob er bereit sei, den Beweis dafür anzutreten, willigt GGL sofort ein.

Die 24-jährige Gudrun Leben, von Beruf Bankangestellte erklärt sich zu diesem Versuch bereit. Der sechswöchige Privatunterricht von GGL schlüsselt sich in drei Wochen theoretische Einweisung in die Herkunft und Grundelemente der Schrift, die anderen drei Wochen gelten der Praxisarbeit am „Starsettograph“.

Ende 1967 wird die Auszubildende und ihre Arbeiten bei einem Vortrag in der tgm vorgestellt. Da gleichzeitig Arbeiten der Lehrmeisterprüfung ausgestellt sind, regt das zu Vergleichen an. Laut GGL finden

„Kompetente Kenner das Niveau der Arbeiten des Laien weit besser als das der Meisterprüflinge“.(3)

Hinter dieser komprimierten Form steht die Summe von GGLs langen Erfahrung als Pädagoge in Verbindung mit der praktischen Arbeit als Typograph, Grafiker und Schriftgestalter.

Aufstieg und Fall des Fotosatz

In den nachfolgenden Jahren bis Ende der 1980er-Jahre produzieren verschiedene Hersteller, unter ihnen auch die Linotype GmbH unterschiedliche Arten von Fotosetzmaschinen, die den Bleisatz ab den 1970er-Jahren sukzessive ablöst und den Schriftsatz, die Druckvorstufe und das gesamte polygrafische Gewerbe revolutioniert und völlig neu strukturiert.

Doch schon ab 1982 kommt mit dem „Desktop-Publishing“ (DTP) die nächste Revolution, die ab Ende der 1980er-Jahre die gesamte Typographie bestimmt: der Personal Computer löst den Fotosatz innerhalb kürzester Zeit ab.

Der Konkurs von Berthold nach 135 Jahren

Die Produktion von Messinglinien und Schriftmaterial für den Bleisatz werden Ende 1978 aufgegeben, die Schriften mit dem Ikarus-System in ein digitales Format umgesetzt. In der Zwischenzeit sind bei Berthold viele weitere Fotosatzgeräte für die unterschiedlichsten Anforderungen und Aufgaben erschienen. Den ersten noch optomechanischen Maschinen folgte eine ganze Palette von Produkten bis hin zu den für den täglichem Praxiseinsatz stehende Systeme modernster Computertechnik. Die Entwicklung endet mit Systemen für die digitale Text-Bild-Integration.

1990 geht Günter Gerhard Lange nach vierzig Jahren bei Berthold offiziell in den Ruhestand. Sein späteres Resümee:

„Berthold war nicht bereit zur Freigabe ihrer Schriften. Credo: Wer mit Berthold-Schriften arbeiten will, so hieß es, muss Berthold-Maschinen haben. Dies war schlussendlich der größte Fehler. Ich vertrat den Standpunkt, diese Barrieren zu öffnen. Ich war aber nicht im Vorstand, sondern hatte ausschließlich die Schriftenfertigung zu verantworten.“ (Günter Gerhard Lange, In: Deutscher Drucker Nr. 17 vom 04.05.2001, S. 8)

In den letzten Jahren kämpft Berthold mit finanziellen Schwierigkeiten. Berthold hatte Anfang 1990 alle Schriften schon digital verfügbar gemacht und baut „einen der besten Laserbelichter der Branche“4. Dies kam allerdings „zu spät und vor allem zu teuer, weil sie gedacht hatten, sie kämen an PostScript vorbei und könnten ein eigenes Format durchbringen.“ (4) Das von Adobe entwickelte Format PostScript dient als Basistechnologie zum Ansteuern von verschiedenen Ausgabegeräten und wird schnell eine wichtige Grundlage für das Desktop-Publishing.

1993, nach 135 Jahren Bestehen, muss die H. Berthold AG Konkurs anmelden. Die Technik des Fotosatz hat nicht überlebt. Geblieben ist ein Schrift-werk, identisch mit der Person von Günter Gerhard Lange, das zum Synonym für Qualität geworden ist und bis heute besteht.

Anhang

Quellenverweis:

1) Vgl. Horst Kerlikowsky: „Phoenix aus der Asche: Am Lichtsatz wäre die Berthold AG beinahe gescheitert.“ In: DIE ZEIT Nr. 02 vom 06.01.1978. Seite 18.

2 + 3) Vgl. Günter Gerhard Lange: „Die Geschichte der Gudrun Leben. Laie in sechs Wochen zum Photosetzer ausgebildet.“ In: Graphische Woche, 24/1968. Seite 1096–1098.

4) E-Mail von Erik Spiekermann an Kirsten Solveig Schneider vom 12.04.2021

Literatur:

H. Berthold AG [Hrsg.]: Die Berthold Gruppe. Berlin: H. Berthold AG, 1973.

Günter Gerhard Lange: „Die Geschichte der Gudrun Leben. Laie in sechs Wochen zum Photosetzer ausgebildet.“ In: Graphische Woche, 24/1968. Seite 1096–1098.

Berthold Journal: 125 Jahre · 125 Years · 125 Ans. Alles Gute zum Geburtstag; Happy Birthday to you; Joyeux anniversaire. Berlin: H. Berthold AG [1983].

Hans Wenck: Fotosatztechniken: Titelfotosatz, Kompaktsysteme, Verbundsysteme, Fachwörter-ABC, Fachrechnen. Itzehoe: Verlag Beruf + Schule, 1983.

Arnold Ihlenfeldt: „Sprache – erst schön durch Schrift. Ein Kulturgut geht verloren: Zum Ende der Berliner Firma Berthold.“ In: Der Tagesspiegel Nr. 14785 vom 05.01.1994.

Joachim-Hans Schmidt: „Tüfteln und Wanderzirkus. Fotosatz-Geschichte: Erinnerungen von Joachim-Hans Schmidt an seine Zeit bei der H. Berthold AG 1959 bis 1985.“ In: Jorunal für Druckgeschichte, Neue Folge 6 (2000) No. 1. Seite w143 –w146.

Hermann Pfeiffer: „Interview mit einem wortgewaltigen Schriftkünstler und Typografen: Achtzig ist doch kein Alter für Günter Gerhard Lange.“ In: Deutscher Drucker Nr. 17 vom 04.05.2001. Seite 8.

Typografische Monatsblätter, 71. Jahrgang, Heft 2. Sonderheft Günter Gerhard Lange. Zürich, 2.2003.

Erik Spiekermann: „Messen mit dem Mäusedarm.“ Beitrag zum 100. Geburtstag von Günter Gerhard Lange auf der Website gglange.org. Online verfügbar unter: https://www.gglange.org/de/erik-spiekermann-messen-mit-dem-maeusedarm/, abgerufen am 20.07.2021

Michael Lang: „Zum 100. Geburtstag von Günter Gerhard Lange.“ Blogbeitrag auf der Website der Typographischen Gesellschaft München (tgm). Online verfügbar unter: https://tgm-online.de/guenter-gerhard-lange-100/, abgerufen am 20.07.2021

„H. Berthold AG.“ Eintrag auf der myfonts-Website. Online verfügbar unter: https://www.myfonts.com/foundry/H._Berthold_AG/, abgerufen am 20.07.2021

Ergänzende informationen

Neue Website zum Leben und Werk von Günter Gerhard Lange

Weitere Informationen zu Günter Gerhard Lange finden sich auf der anlässlich seines 100. Geburtstag freigeschalteten zweisprachigen Website gglange.org von Kirsten Solveig Schneider. Die Seite gibt Einblicke in sein Leben und Werk, die Arbeit bei der H. Berthold AG, seine Schriften, Vorträge und Publikationen. Freunde und Wegbegleiter wie Erik Spiekermann, Eckehart SchumacherGebler und Jost Hochuli erinnern in kurzen Statements an einen Großen ihrer Zunft.

>> www.gglange.org/de

Biographie von Günter Gerhard Lange

Günter Gerhard Lange (12.04.1921—02.12.2008) zählt zu den weltweit wichtigsten Schriftgestaltern des 20. Jahrhunderts. GGL, so sein bekanntes Kürzel, studierte an der Staatlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe Leipzig von 1941–45 Kalligraphie und Schriftgestaltung, Satz und Druck bei Georg Belwe sowie Zeichnen, Malerei, Radierung und Lithographie bei Hans Theo Richter. Nach dem Studienabschluss mit Auszeichnung arbeitete er in Leipzig zwischen 1945 und 1949 als freischaffender Maler und Grafiker und wurde zusätzlich Assistent von Walter Tiemann. Im Oktober 1949 siedelte Günter Gerhard Lange nach West-Berlin um und setzte seine akademischen Studien bei den Professoren Paul Strecker und Hans Ullmann an der Hochschule für bildende Künste in Berlin fort.

1950 begann GGLs Tätigkeit für die H. Berthold AG, die über vier Jahrzehnte währen sollte: zunächst als freier Mitarbeiter entwarf er Bleigussschriften für den Handsatz, u. a. Derby, Solemnis, Boulevard, Regina, Champion und die Arena. Schon ab 1952 begann bei der H. Berthold der allmähliche Umbau von Blei- auf Fotosatz. Günter Gerhard Lange setzte sich für die Übertragung des Schrifterbes der Bleiguss-Ära in die neue Technologie des Fotosatzes, später in digitale Techniken ein. 1960 wurde er zum künstlerischen Leiter der Berthold AG ernannt, ab 1961 in Festanstellung.

In dieser Periode schuf er fast 100 Originalschriften mit Referenzcharakter, wie beispielsweise die Concorde, die Akzidenz Grotesk Buch und die Imago, eine ganze Reihe von fotosatzkompatiblen, später auch digitalisierten Adaptierungen und Neuinterpretationen historischer Schriftschnitte wie etwa die Garamond, die Walbaum-Antiqua, die Caslon und die Bodoni Old Face.

1990 geht Günter Gerhard Lange offiziell in den Ruhestand. 1993, drei Jahre später, muß die H. Berthold AG Konkurs anmelden. 1995 übernehmen Harvey und Melissa Hunt in Chicago die Rechte an Berthold. Im Jahr 2000, mit knapp 80 Jahren noch einmal die Leitung der „Berthold Exclusive Collection“.

Neben seiner Tätigkeit für die H. Berthold AG unterrichtete er u.a. in Berlin, Kassel, München und Wien und hielt zahlreiche Vorträge im In- und Ausland. Sein oft provozierender Vortragsstil und seine drastische Rhetorik brachten Günter Gerhard Lange den Titel „Maschinengewehr Gutenbergs“ ein.

Günter Gerhard Lange wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a mit dem „Frederic W. Goudy Award“ (1989), der „TDC-Medal“ des Type Directors Club New York (2000), dem Designpreis der Stadt München (2003), und wurde Ehrenmitglied zahlreicher Berufsverbände und Vereine (AGD, BDG, tgm).

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