Ausstellung zu Braking News Making News und Faking News im Zeitungsmuseum in Wadgassen noch bis 31. Dezember 2021

Die Ausstellung Breaking News Making News Faking News im Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen widmet sich einem aktuellen Thema des öffentlichen Diskurses. Auch wenn der Untertitel, Von Gutenberg zu Trump. Eine medienkritische Ausstellung,  auf den ersten Blick überholt anmutet; dieser Eindruck täuscht. Die Ausstellung beleuchtet den Diskurs über die Presse aus historischer Perspektive, zeigt Kontinuitäten auf, legt aber einen besonderen Wert auf sprachliche Differenzierungen, die dabei helfen können, den aktuellen öffentlichen Diskurs über Pro und Kontra von Corona-Impfungen bis hin zu damit einhergehenden Verschwörungstheorien strukturierter zu begegnen.

Passend zu der historisch ausgerichteten Thematik gibt Dr. Harry Neß zwei Literaturempfehlungen und bespricht diese anschließend in diesem Blog-Beitrag.

1. Moritz Rauchhaus & Tobias Roth (Hrsg. u. Einf.): Feindflugblätter des Zweiten Weltkriegs. Verlag Das Kulturelle Gedächtnis. Berlin 2020. Preis: 28,00 EURO.

2. Roger Münch (Hrsg.): BREAKINGNEWSMAKINGNEWSFAKINGNEWS – Von Gutenberg zu Trump. Katalog des Deutschen Zeitungsmuseums. Wadgassen 2021. Bestellung: www.deutsches-zeitungsmuseum.de. Preis:  29,90 Euro plus 5,00 EURO Versand.

Von Flugblättern und Faking News

Das „Feindflugblatt“ ist kein Objekt von Nebenkriegsschauplätzen, sondern ist ein strategisch wichtiges Element der psychologischen Kriegsführung. Wie kaum eine andere Drucksache ist es ambivalent: Sein Besitz kann Leben retten, aber auch das Leben kosten.

Alleine 20.000 unterschiedliche Flugblätter, die im Zweiten Weltkrieg als Propaganda und als Passierscheine über feindliche Frontlinien hinweg zum Einsatz kamen, lassen sich in der Sammlung historischer Drucke der „Staatsbibliothek zu Berlin“ finden. Sie wurden meist in der Muttersprache der jeweils gegnerischen Kriegspartei verfasst, um den Feind zu motivieren, den Kampf aufzugeben. Teilweise wurden sie direkt an der Front verfasst, auf mitgeführten LKW’s und später in Eisenbahnwaggons im Hoch- oder Flachdruckverfahren gedruckt. Ihre Auflage in oft sechsstelliger Höhe wurde danach mit Verschussgeräten von Flugzeugen abgeworfen oder mit Granatwerfern über die feindlichen Stellungen hinweg gebracht.

In dem Buch „Feindflugblätter des Zeiten Weltkriegs“ wurden für eine exemplarische Sammlung 84 amerikanische, britische, deutsche, französische und sowjetische Flugblätter zusammengestellt, sorgfältig editiert und – wo nötig – übersetzt. Zu jeder Abbildung finden sich auf der Seite Angaben zu Absender und Empfänger, Abwurfdatum, Abwurfort, Abmessung, Auflage und jeweiliger Skalierung. Gegliedert ist das Werk des in Bildern gefassten Lügens und Grauens nach Themen wie beispielsweise Kapitulation, berühmte Autoren und Karikaturisten, Weiße Rose, Pin-up und Erotik, Popkultur und Antisemitismus. Ergänzt werden die ausgewählten Flugblätter von reproduzierten Schwarzweiß-Fotografien, die das Innere der Frontdruckereien, die Aktivitäten des Transports und des Abwurfs zeigen.

Um den historischen Hintergrund dieser tiefen Einblicke in die „Propagandamaschine“ zu vertiefen, sollte die Ausstellung „BREAKINGNEWSMAKINGNEWSFAKINGNEWS“ im Deutschen Zeitungsmuseum besucht bzw. der dazu gehörige Katalog in die Hand genommen werden. Er führt die Leser:innen an Beispielen und mit medienkritischen Fachaufsätzen in den geschichtlichen Entstehungskontext von Flugblättern bzw. der „Neuen Zeitungen“ ein, zum objektiven Zweck ihres Drucks beispielsweise in der frühen Neuzeit, der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges.

Ihr Erscheinen und ihre Verbreitung waren schon sehr früh von oftmals manipulativer Absicht geprägt. Das betraf den Bericht über politische und militärische Ereignisse, aber auch den über sensationelle Geschehnisse wie Naturkatastrophen, medizinischen Abnormitäten und Verbrechen. Hier herrschte auch eine Ambivalenz vor, die einer Handelsware: Allein käuferorientiert changieren die Flugblätter zwischen Unterhaltung und Information. Einer konsumorientierten Kontinuität zu der heute Aufmerksamkeit weckenden und Sensationslagen nutzenden Organe der Boulevardpresse, des Trash-TV und manchem Internetportal kann anhand der Ausstellung und des Katalogs gefolgt werden. Das museumsdidaktische kluge Konzept der über Epochengrenzen hinweg geradlinig vorgenommene Materialwahl der aufgenommenen Objekte und  ihre thematische Bearbeitung führt bis in die Gegenwart der neueren Zeitgeschichte, in der von Mediennutzern:innen kaum noch zwischen dargestellter Wirklichkeit, manipulativer Text- und Bildauswahl sowie der dahinter stehenden Wahrheit zu unterscheiden ist.

Beide Veröffentlichungen sollten zusammen gelesen werden, denn sie tragen aus unterschiedliche Perspektive dazu bei, dass der kritische und distanzierte Geist der Vernunft immer wieder fragt, wem nutzen die weitergegebenen Nachrichten und welchen Zwecken werden die dafür zum Einsatz kommenden Werkzeuge der Druck- und Medientechnik unterworfen.

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Akzeptieren Sie bitte den Datenschutz