Industriekultur und visuelle Bildkultur in der Mediengeschichte

Ein Beitrag zur Sonderausstellung „Das Auge des Fotografen. Industriekultur in der Fotografie seit 1900“ im Museum für Druckkunst in Leipzig

Mahlmannstraße, Fabrik für ätherische Öle Rudolf Lauche, 1920 (c) Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Fotoatelier Hermann Walter
Von der typografischen Buchkultur zur visuellen Bildkultur

Das Land Sachsen hat das Jahr 2020 zum Jahr der Industriekultur ausgerufen. 500 Jahre sächsische Industriekultur. Aus diesem Anlass veranstaltet das Museum für Druckkunst in Leipzig vom 08.03. bis zum 28.06.2020 eine Sonderausstellung zum Thema „Das Auge des Fotografen. Industriekultur in der Fotografie seit 1900.“

Fotografie und Druckkunst, das ist auch ein Stück Mediengeschichte, denn mit der Fotografie beginnt die Wende von der typografischen Buchkultur zur visuellen Bildkultur, von der Dominanz des Textes zur Dominanz des Bildes. Die Bildkultur der Fotografie ist selbst ein Kind der Industriekultur.

Die Fotografie erscheint in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Bühne der Mediengeschichte. Sie tritt zur Zeit der Frühindustrialisierung neben die Typografie Johannes Gutenbergs und den manuellen druckgrafischen Techniken des Bilderdrucks wie Holzschnitt, Kupferstich, Radierung u.v.a.m. Die Kultur des Handsatzes Gutenbergs und die Kultur der manuellen druckgrafischen Techniken haben beide, im Unterschied zur Fotografie, eine ähnlich lange Tradition wie der Bergbau in Sachsen.

Johannes Gutenberg und Albrecht Dürer sind Zeitgenossen der Frührenaissance und des Humanismus im 15. und 16. Jahrhundert. Die typografische und grafische Druckkunst repräsentiert zwar kein Kulturdenkmal der Industriekultur, wohl aber gehören beide zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe.

Das neue Medium der Fotografie stellt im 19. Jahrhundert keinen Gegensatz zur Druckkunst dar, sondern steht komplementär dazu. Erst über die gedruckten Medien wird die Fotografie zum Massenmedium. Zu etwa gleicher Zeit, wie sich die Technik der Fotografie zu etablieren beginnt, rationalisieren Rotationspresse, Bleigieß- und Bleisetzmaschinen auch den Zeitungsdruck. Aktive Zeugnisse dieser Innovationen kann sich der Besucher des Museums für Druckkunst demonstrieren lassen.

Fotografie verdrängt Xylografie

Unter dem, was heute als „Fotografie“ bezeichnet wird, verbergen sich mehrere Erfindungen, die unabhängig voneinander fast zeitgleich erfolgen. Die Heliografie Nicephore Niépces 1826, die Daguerreotypie durch Jacques Mandé Daguerre 1839 und die Talbotypie Henry Fox Talbots 1841 gehören zu diesen Erfindungen.

Werbeanzeige einer Xylografischen Anstalt (1879) Quelle: Wikipedia

Der Holzstich (Xylografie), der Ende des 18. Jahrhunderts von Thomas Bewick aus dem Holzschnitt entwickelt wurde, ist der letzte Versuch, mit manueller Technik dem steigenden Bedarf an Bildern in gedruckten Publikationen im 19. und 20. Jahrhundert gerecht zu werden. Die Xylografie wurde noch lange weiter praktiziert, als die Fotografie schon erfunden war, und man für den Zeitungsdruck und Zeitschriftendruck noch bis ins 20. Jahrhundert hinein Holzstiche nach fotografischen Vorlagen anfertigte. Auch dies kann im Museum für Druckkunst vor Ort in Augenschein genommen werden.

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert haben die Fotografen, Xylographen und druckgrafische Künstler den Medienumbruch ihrer Zeit durchaus gespürt. So resümierte der österreichische Kunsthistoriker Moritz Thausing 1866:

Die Fotografie ist es endlich, welche dem Kupferstich und in zweiter Reihe auch aller reproduzierenden Kunst den Todesstoß versetzen soll (…) Der Kupferstich ist eben ein überwundener Standpunkt; er gehört in die Rüstkammer vergangener Zeiten, neben Zündmaschinen, Sanduhren, Radschlösser und anderen Erfindungen, welche den Fortschritt der Jahrhunderte überflüssig gemacht haben.“ [1]

Die gescheiterten Versuche zur Vervielfältigung von Fotografien

Im 19. Jahrhundert werden zahlreiche Versuche unternommen, um zu einer schnellen Vervielfältigungsmöglichkeit der Fotografie durch sogenannte Edeldruckverfahren zu kommen. Die hohe Anzahl schnell aufeinanderfolgender Erfindungen von Edeldruckverfahren sind ein Indiz für den Bilderhunger des 19. Jahrhunderts. Aber die auf fotografischer Technik basierenden Edeldruckverfahren, wie die seit 1840 zum Einsatz kommende Kalotypie (Salzpapierabzug), die Photolithografie (1855), Photogalvanographie (1856), dem Kohle-Pigmentdruck (1864), der Woodburytypie (1864), die auch als Photoreliefdruck oder Photoglyptie bezeichnet wird, lösen das Problem nur unzureichend. Die Verfahren sind zu aufwendig und können den Bildbedarf nicht decken. Als Edeldruckverfahren überlebte der Lichtdruck (1868) die längste Zeit. Er wird im Museum für Druckkunst noch heute praktiziert.

Fotografie wird zum Massenmedium

Um die Fotografie als Massenmedium zu etablieren, und damit der visuellen Bildkultur zum Durchbruch zu verhelfen, bedurfte es der Erfindung der Autotypie. Auch für die Erfindung der Autotypie stehen viele Erfinder Pate, auch wenn immer nur Georg Meisenbach genannt wird, der clever genug war, für seinen kleinen Erfindungsbeitrag ein Patent anzumelden. Die entscheidenden Versuche erfolgten zwischen 1852 und 1890. J.M.Eder beschreibt 1929 in seinem Buch „Die theoretischen und praktischen Grundlagen der Autotypie“ den Zweck dieser Erfindung.

„Die Autotypie (Rasterphotographie) ist ein photomechanisches Reproduktionsverfahren, bei welchem Halbtöne (Lichtabstufungen) vorgegebener Originale in Bildpunkte verschiedener Größe umgewandelt werden. Dies erzielt man durch Vorschaltung eines mehr oder weniger feinmaschigen Rasters vor eine lichtempfindliche Platte, welche zur Herstellung des Bildstockes (Klischees) verwendet wird (… ) Man kann das Endresultat dieses Verfahrens dahin richtig definieren, das echte Halbtöne in falsche umgewandelt werden.“ [2]

Autotypie und Rasterfotografie sind schließlich die entscheidenden Innovationen, die um 1900 den Druck von Fotografien mit der vorherrschenden Drucktechnik des Hochdrucks kompatibel macht. Hier liegen die technikgeschichtlichen Bedingungen, die dem Medium Fotografie dazu verholfen haben, sich als Massenmedium zu etablieren und damit die Wende zur Bildkultur einzuleiten.

Die gewaltige Entwicklung der Kunstgeschichte im 19. Jahrhundert lässt sich nicht trennen von der Geschichte der Reproduktion, also von der Erfindung der Fotografie und den groß werdenden Druckereien wie Adolf Braun in Mühlhausen, Bruckmann oder Hanfstaengel in München.“ [3]

Die Erfindungen der Lithografie 1798, der Fotografie 1839 und der Bildtelegrafie 1901 bilden die technischen Keimzellen des mediengeschichtlichen Kulturwandels. Eingeleitet wird die visuelle Bildkultur schon vor Erfindung der Fotografie durch die Lithografie. Walter Benjamin schreibt 1936 dazu:

„Mit der Lithografie erreicht die Reproduktionstechnik eine grundsätzlich neue Stufe. Das sehr viel bündigere Verfahren, das die Auftragung der Zeichnung auf Stein von ihrem Kerben in einen Holzblock oder ihrer Ätzung in eine Kupferplatte unterscheidet, gab der Grafik zum ersten Male die Möglichkeit, ihre Erzeugnisse nicht allein massenweise (wie vordem) sondern in täglich neuen Gestaltungen auf den Markt zu bringen. Sie begann Schritt mit dem Druck zu halten (…) Mit der Photographie war die Hand im Prozess bildlicher Reproduktion zum ersten Mal von den wichtigsten künstlerischen Obliegenheiten entlastet, welche nunmehr dem Auge allein zufielen“ [4]

Die Lithografie eröffnet im 19. Jahrhundert mit der Blüte des Plakates eine neue Bildkultur für die Masse der Gesellschaft. Ernst Litfaß war ein Drucker, der 1854 die Litfaßsäule erfand, die schon im 19. Jahrhundert, ebenso wie Leuchtreklame und Schaufenster, das Straßenbild der Städte zu bestimmen begann.

Um 1900 hat sich der Status der gedruckten Medien durch die Technik der Autotypie voll etabliert. „Im Jahr 1900 gab es 5231 Zeitschriften auf dem deutschen Markt, überwiegend in kleinen Auflagen.“ [5] In Tageszeitungen, Illustrierten, Fotoreportagen in Zeitschriften und über Werbung ist das Medium Foto-Bild seit der Etablierung der Autotypie und der Rasterfotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts öffentlich präsent.

Fotografie und Kunst im Industriezeitalter

Die Fotografie gab in den 1920er Jahren auch der Kunst einen bedeutenden Impetus, um über die Wahrnehmung der sozio-ökonomischen Umwälzungen nach dem 1. Weltkrieg intensiv zu reflektieren.

Dirk Krüll, Thyssen Henrichshütte, Hattingen, 1983 (c) Dirk Krüll

„Die Tatsachen der modernen technischen Welt – die Arbeit in den Fabriken, die Metropolen, die politischen Massenbewegungen und der Verkehr in den Städten – galten von nun an als bedeutende Faktoren des sozialen Lebens.“ [6]

Vor diesem mediengeschichtlichen Hintergrund verspricht die Sonderausstellung „Die Augen des Fotografen. Industriekultur in der Fotografie seit 1900“ des Museums für Druckkunst in Leipzig interessante Einblicke in die sich entwickelnde Bildkultur seit 1900 zu geben.

Die Augen des Fotografen sehen die Dinge durch das Objektiv der Kamera. In der Kunst streben die Fotografen nach höheren Zielen als jenen, auf denen sich die Rasterfotografie bescheidet. Die Fotografie bietet mit ihrer Technik einen ganz anderen, nur durch ihre eigene Technik gestaltete Wahrnehmung der äußeren Dinge. So schreibt Moholy-Nagy in der Zeitschrift des Bauhauses:

Der fotografische Apparat hat uns überraschende Möglichkeiten geliefert, mit deren Auswertung wir eben erst beginnen. In der Erweiterung des Sehbildes ist selbst das heutige Objektiv schon nicht mehr an die engen Grenzen unseres Auges gebunden; kein manuelles Gestaltungsmittel (Bleistift, Pinsel usw.) vermag ähnlich gesehene Ausschnitte aus der Welt festzuhalten; ebenso unmöglich ist es dem manuellen Gestaltungsmittel, eine Bewegung in ihrem Kern zu fixieren; auch die Verzerrungsmöglichkeiten des Objektivs — Untersicht, Obersicht, Schrägsicht — sind keineswegs nur negativ zu werten, sondern geben eine unvoreingenommene Optik, die unsere an Assoziationsgesetze gebundenen Augen nicht leisten…[7]

Bauhausbücher Band 8 1925 Quelle Wikepedia

Albert Renger Pratzsch, ein Fotograf der Neuen Sachlichkeit, schreibt 1927 über die Fotografie:

Das Geheimnis einer guten Fotografie, die künstlerische Qualitäten wie ein Werk der bildenden Kunst besitzen kann, beruht in ihrem Realismus. Um Eindrücke, die man vor der Natur, der Pflanze, dem Tier, vor den Werken der Baumeister und Bildhauer, vor den Schöpfungen der Ingenieure und Techniker empfindet, wiederzugeben, besitzen wir in der Fotografie das zuverlässige Werkzeug (…) Dem starren Liniengefüge moderner Technik, dem luftigen Gitterwerke der Krane und Brücken, der Dynamik 1000pferdiger Maschinen im Bilde gerecht zu werden, ist wohl nur der Fotografie möglich.“ [8]

Die Ausstellung „Die Augen des Fotografen. Industriekultur in der Fotografie seit 1900“ zeigt mit Fotos von Hans Finsler aus der Schweiz sowie Bernd und Hilla Becher ganz unterschiedlich arbeitende Repräsentanten der Neuen Sachlichkeit mit ihren Blicken auf die Industriekultur ihrer Zeit. Fotografien von Evelyn Richter repräsentieren, kontrastierend dazu, die sozialdokumentarische Fotografie der DDR bis über die Wende hinaus.

Bertram Kober, Famos abgewickelt, 1990 (c) Bertram Kober

Man darf gespannt sein auf diese Ausstellung. Das Museum für Druckkunst bietet als „industriekultureller Ort“ gerade für diese Ausstellung eine authentische Location. Die „Zeitreise durch die Industriefotografie“[9] wird für den Besucher mithin auch eine Zeitreise durch die Mediengeschichte.

„Seit Beginn des 20. Jahrhunderts dokumentieren Fotografen die sich rasch verändernde industrielle Gesellschaft und setzen dabei Mensch, Handwerk und Architektur in Beziehung. Die daraus resultierenden Fotografien sind Bildquellen der Industriekultur – oft mit künstlerischem Anspruch.“ [10] Sie dokumentiert Leistungsschauen auf den Weltausstellungen der Industrie, dient als Mittel der Werbung ebenso wie der Propaganda. Die Fotografie als Repräsentantin der Industriekultur ist „das künstlerische Ergebnis einer bis heute andauernden Auseinandersetzung mit dem industriekulturellen Erbe.“ [11] Angesichts des heutigen Buzz-Wortes Industrie 4.0 ist der aktuelle Bezug in der Diskussion um die Digitalisierung unserer Gesellschaft erkennbar. Umbruchzeiten des gesellschaftlichen Wandels lassen das Bedürfnis nach Orientierung und Selbstvergewisserung seiner eigenen Identität in der historischen Rückschau verstärkt aufkommen. Industriekultur 2020 als Kontrapunkt zu Industrie 4.0.

Bertram Kober, Famos abgewickelt, 1990 (c) Bertram Kober

Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden Mitteldeutschland und das Ruhrgebiet. Die Bildbeispiele beziehen sich auf die Montanindustrie, den Maschinenbau sowie der Textil- und Druckindustrie. „Präsentiert werden rund 110 Fotografien, u.a. aus dem Leipziger Archiv Hermann Walter (Stadtgeschichtliches Museum Leipzig),dem Nachlass Hans Finsler (Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), von Evelyn Richter ( Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im MdbK Leipzig), Bernd und Hilla Becher (Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur Köln) bis hin zu unbekannten Aufnahmen aus sächsischen Archiven sowie zeitgenössischen Positionen.“ [12]

  1. Moritz Thausing: Kupferstich und Fotografie. In: Kemp/Ammeluxen, Theorie der Fotografie I -IV 1839 -1995, S.135
  2. J.M.Eder, A.Hay: Die theoretischen und praktischen Grundlagen der Autotypie Halle (Saale) 1928. S. 1 Reprint von 2016 Fachbuchverlag Dresden. S. 1
  3. Hubert Burda: In medias res. Zehn Kapitel zum Iconic Turn 2010, S.181
  4. Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. S. 5
  5. Werner Faulstich: Die Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts 2012, S. 17
  6. A. Haus und M. Frizot: Stilfiguren. Das Neue Sehen und die Neue Fotografie. In: Neue Geschichte der Fotografie hrsg. von Michel Frizot 1998; S. 457
  7. Bauhaus Bücher 8, L. Moholy Nagy: Malerei, Fotografie, Film 1927, S.5
  8. Albert Renger-Patzsch: Ziele (1927) in: Kemp/Ammeluxen, Theorie der Fotografie I -IV 1839 -1995, Bd. II, S. 74
  9. Presseerklärung des Museums für Druckkunst Leipzig
  10. Presseerklärung des Museums für Druckkunst Leipzig
  11. Presseerklärung des Museums für Druckkunst Leipzig
  12. Pressemitteilung des Museums für Druckkunst Leipzig

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