Tag der Druckkunst 2020

Tag der Druckkunst 2020: Drucken + Kunst = Druckkunst

Am 15. März 2020 findet bundesweit zum zweiten Mal der Tag der Druckkunst statt, um auf die Bedeutung des immateriellen UNESCO-Kulturerbes der Künstlerischen Drucktechniken aufmerksam zu machen.

„Gedruckte Text- und Bildmedien sind seit mehr als 500 Jahren Teil der europäischen Kultur und Wissensgesellschaft. In Deutschland stehen Johannes Gutenberg und Albrecht Dürer stellvertretend für die Anfänge dieser Innovation.“[1]

Zugleich stehen diese beiden Namen für eine kulturgeschichtlich gewachsene Doppeldeutigkeit des Kunstbegriffs. Diese Doppeldeutigkeit reflektiert dieser Beitrag.

Mit Drucken assoziieren wir heute eher Technik und nicht Kunst. Der Blick in das Brockhaus-Lexikon bestätigt das:

„Drucken, grafische Technik: Vorgang zur Wiedergabe von Informationen (Bild und/oder Text) in beliebiger Anzahl auf einen Bedruckstoff (Papier, Karton, Gewebe, Glas, Folien oder Ähnliches) oder auf Produkte (z. B. Spielzeug, Tastatur). Meistens werden über eine Druckmaschine oder einen Drucker färbende Substanzen (z. B. Druckfarbe, Toner, Tinte, Lack) definiert übertragen.“[2]

Von Kunst ist in dieser Definition keine Spur. Welche Bedeutung hat also die Formel „Drucken + Kunst = Druckkunst“?

Mit der Erwähnung von Johannes Gutenberg und Albrecht Dürer wird von der UNESCO indirekt eine doppelte Bedeutung des Begriffs Kunst angesprochen. Handwerkskunst und bildende Kunst. Ein Blick zurück in die europäische Technik- und Kulturgeschichte soll diese doppelte Bedeutung umreißen.

Holztafeldruck: Anfänge des Druckens vor Gutenberg

Die Vervielfältigung von Text und Bild begann in Europa im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts mit Holzschnitt, Blockbuch und Kupferstich. Zeitlich lag die Ausbreitung dieser handwerklichen Drucktechniken etwa 25 Jahre vor Gutenbergs Erfindung des Bleigießinstrumentes und der Druckerpresse. Gutenbergs erste gedruckte Bibel wird auf das Jahr 1454 datiert.

Das erste Druckverfahren vor Gutenbergs Erfindung der Typografie war der Holztafeldruck. Wie Gutenbergs Bleilettern ist der Holztafeldruck ein Hochdruckverfahren. Text und Bild wurden mit Messer und Geißfuß als Buchstaben- und Bildrelief in einen Holzstock geschnitten. Vergleichbar mit einem Stempel wurden die erhaben liegenden Stellen mit einem Lederballen und Druckfarbe eingefärbt. Für den Druck kam ein angefeuchteter Papierbogen darüber und wurde – vor Erfindung der Druckerpresse – mit einer Bürste als Reibedruck abgerieben. Da sich auf der Rückseite des bedruckten Papiers das Relief der erhaben liegenden druckenden Elemente stark abzeichnete, konnten Holztafeldrucke im Reibedruck nur einseitig bedruckt werden. Daher auch die Bezeichnung Einblattdruck.

Außerhalb Europas trifft man den Holztafeldruck in China bereits im 7. Jahrhundert an. Drucken von Text und Bild im Reibedruckverfahren ist also keineswegs eine europäische Erfindung, auch wenn der oben zitierte Text der UNESCO zum Weltkulturerbe hier etwas anderes zu suggerieren scheint.

Die vergleichsweise späte Ausbreitung der Technik des Druckens in Europa begründet sich aus der späten Kenntnis der Papierherstellung. Diese war zwar schon im 2. Jahrhundert ebenfalls in China bekannt und wurde dort praktiziert. Durch ihre lange Geheimhaltung gelangte sie über Umwegen aber erst im 13. Jahrhundert nach Europa.

Unmittelbares Vorbild für den europäischen Holztafeldruck war jedoch nicht China, sondern der seit dem 4. Jahrhundert in Europa praktizierten Textil- bzw. Kattundruck. Bei diesem auch als Zeugdruck bezeichnete Verfahren kamen Models aus Holz zum Einsatz, mit denen stempelartig die Textilien mit Mustern bedruckt wurden. Dieses Verfahren war bereits im Altertum bekannt. Neben dem Zeugdruck gilt auch das Prägen von Münzen als Vorbild für den europäischen Hochdruck. Die Münzprägung fand in Europa bereits im 6. Jahrhundert vor Christus statt.

Eine in Buchform gefasste Folge von Holztafeldrucken wird als Blockbuch bezeichnet. Um aus mehreren einseitig bedruckten Tafeldrucken ein Blockbuch herzustellen, wurden zwei Seiten gedruckt, anschließend mittig gefaltet und an ihren freien Rückseiten zusammengeklebt. Durch Verschnürung mit Faden, Leder- oder Pergamentriemchen wurden in Europa ab etwa 1440 mehrere gedruckte Holztafeldrucke zu einem Blockbuch gebunden. Der Einblattdruck mit einem Bild und ohne Text wird als Holzschnitt bezeichnet.

Kupferstich: Alternative Technik zum Holzschnitt

Wahrscheinlich entwickelte sich aus der handwerklichen Technik der Gold-, Silber- und Kupferschmiede wenige Jahre vor Gutenbergs erstem Bibeldruck der Kupferstich als zweites Bilderdruckverfahren. Im Unterschied zum Holzschnitt ist der Kupferstich ein Tiefdruckverfahren, bei dem die druckenden Elemente mit einem Stichel in eine Kupferplatte eingeritzt werden. Die Arbeiten der Gold-, Silber- und Kupferstecher haben seit Jahrhunderten in ähnlicher Weise Metall kunstfertig bearbeitet. Zur Herstellung von Mustern ihrer Ornamente haben sie häufig im Reibedruck solche für sich angefertigt.

Die Kupferstichtechnik ist im Vergleich zum Holzschnitt wesentlich anspruchsvoller, weil es den geschickten Umgang mit Metall und das Vorhandensein einer Presse zur Voraussetzung hat. In den Werkstätten der Goldschmiede existierten Walzenpressen zur Herstellung von Blattgold. Solche Pressen für den Druck mit Druckfarbe umzufunktionieren stellte keinen großen Schritt dar.[3] Die gestochene Kupferplatte wurde für den Druck auf der Walzenpresse komplett mit einem Lederballen eingefärbt. Anschließend wurde die Oberfläche von der Farbe befreit, mit angefeuchtetem Papier bedeckt und unter hohem Druck durch die Presse geschoben. Dabei gaben die gestochenen Linien ihre Farbe an das Papier ab.

Der Kupferstich wurde seit dem frühen 15. Jahrhundert ausschließlich als Bilderdruckverfahren verwendet. Die ältesten Drucke stammen vom Spielkartenmeister aus dem Jahre 1446 und vom Meister E.S. Wegen seiner gegenüber dem Holzschnitt qualitativ besseren Technik wandten sich vor allem Maler dieser Bilderdrucktechnik zu. Martin Schongauer (1450 bis 1491) in Deutschland und Andrea Mantegna (1431 bis 1506) in Italien gehören zu den ersten namentlich bekannten Protagonisten und Meistern des Kupferstichs. Von beiden hat sich Albrecht Dürer inspirieren lassen.

Zeitgeist: Humanismus, Renaissance und Druckkunst

Anders als in China fällt in Europa die Anwendung der Drucktechniken des Bilderdrucks und der Typografie Gutenbergs in eine Zeit gravierender geistiger Umbrüche in der Kulturentwicklung Europas. Dieser Umwälzungsprozess wirkte auf die Erfindung der Typografie Johannes Gutenbergs und die technische Entwicklung des Bilderdrucks wie ein Katalysator. Typografie und druckgrafische Verfahren entwickelten sich vom 15. bis zum 19. Jahrhundert in unterschiedlichen Richtungen. Aus diesen unterschiedlichen Entwicklungslinien- so wird nachfolgend zu zeigen sein – erklärt sich die doppelte Bedeutung des Begriffs Druckkunst.

Der Humanismus in der Philosophie und die Renaissance in der Malerei begründen seit dem ausgehenden Mittelalter die geistigen Umwälzungen zum Beginn der Neuzeit. Die Malerei mit ihrer Hinwendung auf die Kunst der Antike und auf die Selbstreflexion des menschlichen Daseins bildeten den Fokus des geistigen Umbruchs. Mit dem Humanismus geriet die Vorherrschaft der Religion während des Mittelalters in die Krise und der Mensch begann damit, sich als sein eigener Täter, als Subjekt der Geschichte zu begreifen. Wissenschaft und bildende Kunst traten ebenso wie die Ergründung der Naturgesetze in den Mittelpunkt des neuen bürgerlich geprägten Denkens.

„Die Forderung Roger Bacons nach einer Wissenschaft und Philosophie, die sich unter Zurückweisung jeder anderen Autorität allein auf unmittelbare Erfahrung und Beobachtung der Natur gründet, ist der Fanfarenstoß, der das gewaltige Drama der Entfaltung moderner abendländischer Naturwissenschaft einleitet.“ [4]

Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg sorgte in Europa für die „ungeheure Breitenwirkung“ des einsetzenden geistigen Umbruchs.[5] Mit dem Humanismus und der Renaissance gingen Kunst und Wissenschaft eine folgenreiche Symbiose ein. Es war die Zeit von Nikolaus Kopernikus (1473 bis 1543), der hinter der Erscheinung von Sonnenaufgang und -untergang erkannte, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Dieser kopernikanischen Wende des Denkens mit ihrem Übergang vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild in der Astronomie entsprach in der bildenden Kunst die Entdeckung der Perspektive.

„Dass die Perspektive als konstruierendes Darstellungsmittel räumlicher Erfahrungen eine Erfindung der Renaissancekünstler war, ist kein Zufall. Entsprach doch ihr mathematisch konstruierendes Prinzip zur Ordnung der Bildinhalte dem neuen Selbst und Weltverständnis der Menschen dieser Epoche, welches zu einer neuen Realitätssicht führte.“ [6]

Gutenbergs Buchdruckerhandwerk war die Voraussetzung dafür, dass die wissenschaftlichen Diskussionen und Rezeptionen der antiken Texte und deren Übersetzungen aus dem arabischen auch außerhalb der Klostermauern stattfinden konnten.

Albrecht Dürer war es, der den neuen Geist der italienischen Renaissance für den Bilderdruck erfasste und innovativ nutzte. Von den Künstlern Venedigs auf seinen Reisen inspiriert, sorgte er nördlich der Alpen für die Verbreitung der Bildinventionen der Renaissance. Holzschnitt und Kupferstich waren die druckgrafischen Verfahren seiner Wahl. Er war der entscheidende Innovator seiner Zeit, dem es gelang, dass die Handwerkskunst des Bilderdrucks auf gleiche Stufe mit der Kunst der Malerei gestellt wurde.

Kunst kommt von Können

Der Begriff Kunst – verstanden in unserem heutigen Sinne als Literatur, Musik, darstellende und bildende Kunst – entwickelte sich etymologisch erst am Ende des 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Kunst wurde zu Gutenbergs und Dürers Lebzeiten noch in einer allgemeineren Bedeutung als Gegensatz zur Natur oder als Artefakte aufgefasst.

Ein etymologischer Blick auf den Begriff „Kunst“ zeigt, dass im 16. Jahrhundert Kunst „zunächst ‘Wissen, Kenntnis’ (vgl. mhd. nāch mīner kunst ‘soviel ich weiß’), ‘menschliche Befähigung, Fertigkeit (und) Kompetenz’“ bedeutet. In dieser allgemeineren Form wird Kunst noch als „unabhängig von ästhetischem Anspruch“ aufgefasst. Als etymologische Beispiele werden angeführt: „…schwarze Kunst, mhd. swarze kunst, Kochkunst, 16. Jh., Staatskunst, 17. Jh., Heilkunst, 18. Jh., sowie das ist keine Kunst ‘das ist ganz einfach’….“ [7] 

In diesem ursprünglichen Sinne bezeichnen wir auch heute noch aus Seide gefertigte Blumen als künstliche Blumen und meinen damit nicht, dass sie künstlerisch angefertigt wurden. Auch in der Verwendung des Begriffs „Kunststoff“ oder „Kunstlicht“ findet sich noch die allgemeinere Bedeutung von Kunst im heutigen Sprachgebrauch wieder. Ebenso ist die nachweislich seit 1740 benutzte Formel „Gott grüß‘ die Kunst“, wie sie bei den Angehörigen der Druckerzunft, den Jüngern der Schwarzen Kunst, Verwendung fand, wohl noch in dieser handwerklichen Bedeutung des Begriffs zu verstehen.

Die Handwerkskunst des Mittelalters war in Zünften organisiert und verfügte über diverse Regeln, an die ihre Mitglieder gebunden waren. Der Buchdruck mit Gutenbergs beweglichen Lettern wird 1472 erstmalig als handwerklicher Berufsstand erwähnt, dessen Zunftzugehörigkeit noch ungeklärt war.

„Die Zunftzugehörigkeit der Drucker blieb bis zum Ende des MA. problematisch: das neue Handwerk war noch nicht stark genug, eine eigene Zunft zu gründen und passte auch nicht so recht in eine der etablierten Zünfte. So gehörten einzelne Meister hier der Goldschmiedezunft, dort der Zunft der Bildschnitzer an.“ [8]

In der Frankfurter Buchdruckerordnung von 1572 zeigt sich die Werkstatt des Buchdruckers aber bereits als „Mikrokosmos, in dem der angehenden Handwerker durch Arbeitsrituale und Informationsaustausch zum Zusammenhalt eines Standes erzogen und für ein Verständnis der Entstehung von technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie sozialen Bezugssystemen und Bindungen persönlich geformt wird.“ [9]

Künstler wie Bildhauer und Maler wurden im Mittelalter als begabte Handwerker angesehen und schlossen sich ebenfalls in Zünften zusammen, wenn sie nicht Mönche waren, die im Auftrag der Kirche arbeiteten. Als Handwerker fertigten sie ihre Kunstwerke kollektiv in Bauhütten oder Malschulen an. Bereits seit etwa 1440 wird die Bezeichnung sculptor nicht nur für Bildhauer und Steinmetze verwendet, sondern auch für die Bearbeiter von Holzdruckplatten, also den Formschneider ebenso wie für den Metallschneider beziehungsweise Kupferstecher.[10]

Der Beginn der Akademischen Kunst

Seit dem 7. bis 8. Jahrhundert gab es neben der Handwerkskunst die seit dem Altertum bekannten sieben freien Künste, die im lateinischen als septem artes liberales bezeichnet werden. Zu ihnen gehörten: Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Astrologie, Geometrie und Musik. Während Malerei und Bildhauerei im Mittelalter noch zu den praktischen Künsten, den artes mechanicae, gerechnet wurden, bildeten die septem artes liberales den Zugang zum wissenschaftlichen Studium. Sie wurden später als Propädeutik für die höheren Fakultäten (Theologie, Medizin, Recht) von den »Artistenfakultäten« der Universitäten gelehrt.

Die Trennung zwischen der den Zunftregeln unterworfenen Handwerkskunst und der auf Wissenschaft ausgerichteten bildenden Kunst wird mit der Gründung der ersten Kunstakademien deutlich sichtbar. So gründet Lorenzo I. de‘ Medici 1490 in Florenz eine Bildhauerschule und 1494 Leonardo da Vinci die Accademia Vinciana in Mailand als erste Malerschule. Gemäß der Kunsttheorie Leonardos, der Libro della Pittura, sollte die Malerei aus dem bloß handwerklichen Bereich in den Rang einer Wissenschaft erhoben werden.[11] Cosimo I. de‘ Medici errichtet 1562 in Florenz die Accademia di Disegno. Deren Mitglieder erhalten bereits 1571 das Privileg der Zunftfreiheit. 1593 wurde in Rom die Accademia di San Luca gegründet.

Mit der Gründung der Akademien erkannte man während der Renaissance die Verbindung zwischen der Kunst der Malerei und den Wissenschaften an. Die Ausübung der künstlerischen Tätigkeit der Bildhauer und Maler hatte nach dieser Auffassung deshalb nun das Studium der Geometrie, Perspektive, Anatomie und Historie zur unbedingten Voraussetzung. Die in Rom gegründete Accademia di San Luca wurde zum Vorbild vieler weiterer Akademiegründungen. Ludwig IX. gründete 1648 in Paris die Académie Royale de Peinture et de Sculpture mit dem Ziel, die zunftfreien Künstler am königlichen Hof und andere sich von den Zunftzwängen beengt fühlende Künstler aufzunehmen. Kunst wurde im Absolutismus zum kunstpolitischen Machtinstrument. Ab 1683 wurden in dieser Akademie auch ausdrücklich Kupferstecher aufgenommen, was der Anerkennung der Druckgrafik als freie Kunst zu entscheidendem Auftrieb verhalf.

Die erste deutsche Kunstakademie wurde 1696 als brandenburgisch-preußische Akademie in Berlin gegründet. Ihr Vorbild war die Académie Royale de Peinture et de Sculpture in Paris. Akademiegründungen in Dresden 1764 und Düsseldorf 1773 folgten diesen Vorbildern.

Eine der Aufgaben der Akademien bestand darin, den Diskurs über Kunst zu führen und von maßgeblichen Personen Leitsätze und Kriterien für die Beurteilung von Kunst aufzustellen. Neben dieser Aufgabe bestand natürlich die Aufgabe zur systematischen Ausbildung der Maler, bald aber auch der Kupferstecher.

Seit dem 17. Jahrhundert ist auch bei der Anfertigung von Druckgrafiken eine Umdeutung der rein handwerklich kopierenden Tätigkeit zu einer interpretativen Leistung zu beobachten. Die eigene schöpferische Leistung des Formschneiders und Kupferstechers gerieten stärker in das Blickfeld. Es entstand ein Bewusstsein darüber, dass sich auch die Druckgrafik von der ars mechanica zur ars liberales als eigenständige Kunst entwickelte. Der Kupferstecher Matthias Quad von Kinckelbach und der leidenschaftliche Kunstsammler Paulus Behaim betonen 1608 die Eigenständigkeit von Formschneider und Stecher als „vollwertig skulptural arbeitende Künstler.“ [12]

Albrecht Dürer widmete sich ohne wissenschaftliches Studium den Gesetzen der Perspektive, wie einer seiner Holzschnitte eindrücklich zeigt Abbildung 1.

Albrecht Dürer Perspektive
Quelle: Wikipedia

Seine Kupferstiche Hieronymus im Studierzimmer und Melancholie ( geben Zeugnis von den Bildinventionen im Geiste der Renaissance und den Qualitäten seiner Drucke.

Albrecht Dürer Hieronymus im Studierzimmer
Quelle: Wikipedia
Albrecht Dürer Melancholie


Zugleich aber erschließt er mit der Verbreitung von gedruckten Bildern der Auftragskunst und den Künstlern den Markt. Albrecht Dürer wird durch die Verwendung der Drucktechniken des Holzschnitts und des Kupferstichs europaweit zum ersten Marketing-Experten für sich als Künstler ebenso wie für die Verbreitung der Inventionen in der Malerei. Auf diese Weise sorgte Albrecht Dürer für eine bedeutende Innovation in der Kunst, nicht nur in Deutschland. Die Perfektionierung seiner Holzschnitte und Kupferstiche durch seine Studien zur Perspektive und ihrer Interpretation von Licht und Schatten in seinen druckgrafischen Blättern macht ihn zu einem Ausnahmekünstler, der es vermochte, Innovationen in der Kunst anzustoßen. Ihm folgen weitere Kupferstecher, Radierer und Künstler nach, die mit einer Vielzahl neuer druckgrafischer Techniken wie der Radierung, der Aquatinta, der Schabkunst, des Holzstichs, der Lithografie und schließlich der Serigrafie in Europa die Druckkunst des Bilderdrucks beständig weiterentwickelten.

Die Motivation zur Entwicklung immer neuer drucktechnischer Varianten speiste sich aus den epochalen Entwicklungen der europäischen Malerei. Die Innovationen in der Technik des Druckens zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert sind bis zur Erfindung der Fotografie untrennbar mit den Entwicklungen in der bildenden Kunst verknüpft.

Kunst in der Aufklärung

In der frühen Kunstliteratur Georgio Vasaris, der als Begründer der modernen Kunstgeschichte gilt, finden die Inkunabeln der Holzschnitte und Kupferstiche vor den 1460er Jahren noch keine Erwähnung.

„Der Holzschnitt war für Vasari im Großen und Ganzen kein ernstzunehmendes künstlerisches Medium, zumindest nicht dann, wenn er allzu sehr wie ein Holzschnitt aussah. Es überrascht uns deshalb nicht, dass er die vielen Holzschnitte des 15. Jahrhunderts ebenso beiseite lässt, wie die von namenlosen Handwerkern gefertigten Kupferstiche, sofern er sie überhaupt wahrgenommen hat.“ [13]

Erst Albrecht Dürers Bildinventionen und deren drucktechnische Umsetzung in Holzschnitt und Kupferstich waren es dem Italiener Georgio Vasari wert, der Druckgrafik den „Ritterschlag“ als bildende Kunst zu erteilen. Georgio Vasari lobt 1568 in seinem Werk ‚Künstler der Renaissance‘ die „Virtuosität und den Einfallsreichtum“ in Dürers Druckgrafiken.[14]

In der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Französischen Revolution, fordern die Philosophen die Anwendung der Vernunft und der Freiheit der Kunst. Der Gegensatz zwischen Handwerk und Kunst verschärft sich im ausgehenden 18. Jahrhundert mit Immanuel Kant (1724 bis 1804) deutlich: In Kants Kritik der Urteilskraft heißt es:

Von Rechtswegen sollte man nur die durch Hervorbringung durch Freiheit, d.i. durch eine Willkür, die ihren Handlungen Vernunft zum Grunde legt, Kunst nennen.“[15] Kant unterscheidet dabei zwischen Kunst und Handwerk. Die      „… erste heißt f r e i e, die andere kann L o h n k u n s t heißen. Man sieht die erstere so an, als ob sie nur als Spiel, d.i. als Beschäftigung, die für sich selbst angenehm ist, zweckmäßig ausfallen (gelingen) könne, die zweite so, daß sie als Arbeit, d.i. Beschäftigung, die für sich selbst unangenehm (beschwerlich), und nur durch ihre Wirkung (z.B. den Lohn) anlockend ist, mithin zwangsläufig auferlegt werden kann.“ [16]

Kunst wurde zum Selbstzweck, aber deshalb keineswegs zwecklos.

War die bildende Kunst, und in ihrem Gefolge die Druckgrafik, in ihren Anfängen darum bemüht, ihre Anerkennung als artes liberales, also als freie Wissenschaft zu erreichen, so befreit Immanuel Kant die Kunst auch aus der Notwendigkeit, Beweisgründe für ihre Schönheit erbringen zu müssen, indem er die Kunst von der Wissenschaft wie folgt unterscheidet:

„Es gibt weder eine Wissenschaft des Schönen, sondern nur Kritik, noch schöne Wissenschaft, sondern nur schöne Kunst. Denn was das erstere betrifft, so würde in ihr wissenschaftlich, d.i. durch Beweisgründe ausgemacht werden sollen, ob etwas für schön zu halten sei oder nicht; das Urteil über Schönheit würde also, wenn es zur Wissenschaft gehörte, kein Geschmacksurteil sein. Was das zweite anbelangt, so ist eine Wissenschaft, die, als solche, schön sein soll, ein Unding. Denn wenn man in ihr als Wissenschaft nach Gründen und Beweisen fragte, so würde man durch geschmackvolle Aussprüche (Bonmonts) abgefertigt.“[17]

Die Kunst zu Lebzeiten Georgio Vasaris war im wesentlichen Auftragskunst für die Kirche und keine freie Kunst im Sinne Immanuel Kants. Die Aufklärung Kants ist dagegen darum bemüht, das Denken der Menschen, die Wissenschaft und die bildende Kunst auf die Kraft der eigenen Vernunft zu gründen.

Die Druckkunst als bildende Kunst neben Skulptur und Malerei zu etablieren, das ist die zweite Bedeutung des Kulturerbes „Druckkunst“, die vor allem auf Albrecht Dürer zurückzuführen ist. Gutenberg steht mit seiner Erfindung der Typografie und der Druckpresse für die Kunst der rationelleren Kopie des Bücherdrucks und für die handwerkliche Kunst einer gleichbleibenden typografischen Ästhetik. Albrecht Dürer bildet mit seinen Holzschnitten und Kupferstichen den Auftakt dazu, dass sich der handwerkliche Bilderdruck zu einer Kunst im Sinne der ars liberales und schließlich zu Immanuel Kants Inbegriff einer freien, nur der Vernunft unterliegenden Kunst, jenseits der „Lohnkunst“ entwickeln konnte. Zugleich verhalf er mit dem Einsatz der Drucktechnik den neuesten künstlerischen Bildinventionen zu ihrer schnellen europaweiten Verbreitung unter den Malern und in den aufstrebenden Schichten des Bürgertums.

Kunstgewerbe: Das Design bestimmt das Bewusstsein

Mit der Einführung der Gewerbefreiheit zu Beginn des 19. Jahrhunderts verloren die Zünfte ebenso ihren Einfluss wie die Akademische Kunst ihre Akzeptanz verlor. Die Erfindung der Fotografie in der Mitte des 19. Jahrhunderts war eine weitere entscheidende gesellschaftliche Bedingung, die zu einem Umdenken in der Kunst und gleichermaßen im Handwerk führte. In der Kunst sind es die Impressionisten und Expressionisten, die kritische Antworten auf die Fotografie und die in den Kunstakademien gelehrte Kunst der Figuraldarstellung und -komposition zu geben versuchen. Im Handwerk ist es die internationale Konkurrenz auf den Weltausstellungen, die ein Umdenken bewirken.

Die zunehmende Bedeutung der Industrialisierung lässt Handwerk und Kunst auf einer anderen Ebene nun wieder näher zusammenfinden. Seit 1851 fanden in unregelmäßiger Folge Weltausstellungen statt, auf der Erfinder ihre Produkte publikumswirksam zur Schau stellten und Firmen ihre industriell gefertigten Gebrauchsgegenstände wie Möbel dem Geschmack der Zeit und ihres Landes gemäß dem internationalen Publikum präsentierten.

Schon zur 1. Weltausstellung 1851 in London kritisiert Semper unter dem Gesichtspunkt der Ästhetik das präsentierte Angebot als „verworrenes Formengemisch oder kindische Spielereien.“ [18] Die Londoner Times nannte das Angebot „Sünden gegen den guten Geschmack.“ [19] Die Kritik richtete sich vor allem gegen den vorherrschenden Stil des Historismus.

Der Sozialist William Morris wurde als Gegner der industriellen Massenproduktion mit deren Umweltverschmutzung und entfremdeten Arbeit gleichwohl zum Vater der Arts-and-Crafts Bewegung, die auf eine Erneuerung des Kunsthandwerks abzielte. Seine Kunstgewerbereform besann sich auf das Mittelalter, wo Kunst und Handwerk noch eng miteinander verbunden waren und schöne Dinge hervorbrachten. In der neuen Zeit der Industrie ist dies verloren gegangen.

„Ich spreche von der Gefahr, dass die gegenwärtige Entwicklung der Zivilisation jegliche Schönheit des Lebens zu zerstören im Begriff steht.“ [20]

Das Design bestimmt von nun an das Bewusstsein.

Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen von privaten bürgerlichen Kreisen und Vereinigungen gegründete Kunstgewerbemuseen „mit dem Ziel, Künstler Handwerker und Gewerbetreibende durch die Einrichtung von Muster und Vorbildsammlungen, Werkstätten, Kursen und Bibliotheken gegen die ausländische Konkurrenz sowohl ästhetisch-theoretisch als auch praktisch-wirtschaftlich zu unterstützen.“[21]

Kunstgewerbemuseen und Kunstgewerbeschulen entstehen in dieser Zeit oft parallel und dienen der Ausbildung der Künstler und Handwerker. In Nürnberg wird 1853 die erste Kunstgewerbeschule gegründet, gefolgt von München (1868), Kassel und Stuttgart (1869), Kaiserslautern (1874), Pforzheim (1877), Karlsruhe, Wiesbaden, Frankfurt a. M. (alle 1878), Dresden (1879), Magdeburg (1887) Hamburg (1896) und Erfurt (1898).

Die Jugendstilbewegung, der Deutsche Werkbund (1907) und das Programm des Staatlichen Bauhauses in Weimar (1919) sind Bewegungen des 20. Jahrhunderts, die von der Arts-and-Crafts-Bewegung u.a. durch William Morris beeinflusst wurden. Seit dem 19. und 20. Jahrhundert hat sich seither der durchaus problembehaftete Unterschied zwischen freier Kunst und angewandter Kunst entwickelt.

Aus den einstigen Zünften entstand das Gewerbe und daraus das Kunstgewerbe und die Kunstgewerbeschulen für angewandte Kunst.

Das Bauhaus „wendet sich gegen den übersteigerten Individualismus und die Anmaßung der Künstler gegen den Irrationalismus einer Genie-Ästhetik wie gegen die Zerteilung der Künste in hohe und bloß kunstgewerbliche und fordert eine neue Einheit in der Baukunst als der am stärksten verpflichteten Kunst. In seiner Betonung der handwerklichen Ausbildung greift es zurück auf die Werkstatt gegen den Dünkel der Akademien.“ [22]

Die 1798 von Alois Senefelder erfundene Lithografie und die daraus entwickelte Chromolithografie ergänzten die bestehenden druckgrafischen Verfahren, die es den Künstlern nun ermöglichte, auf viel einfachere Weise ihre Entwürfe auf eine Druckform zu bringen, farbig und vor allem großformatig in hohen Auflagen zu drucken. Die Chromolithografie beflügelte Maler und Grafiker dazu, Werbeplakate für die vielen neuen industriell erzeugten Produkte zu gestalten und zu drucken. Im Geist der Moderne findet Drucken und Kunst zu einer neuen Form.

Seit 1870 entwickelt sich die Plakatkunst. Der französische Maler und Grafiker Jules Chéret (1836 bis 1932) gilt als Begründer der Plakatkunst, die dem neuen Zeitgeist der Moderne sehr gemäß ist.

H. de Toulouse-Lautrec inspirierte die Plakatkunst indem er Schrift und Bild zu einer Einheit verband und Linie und Fläche in Starke Kontraste zueinander setzte. In der Plakatkunst fanden Text und Bild Dank der Lithografie schon früh wieder zueinander.

Aus der Freiheit der Kunst wurde die „Kunst zu werben.“ [23] Das von Joseph Beuys geschaffene Objekt mit Aktenkoffer und dem Titel „Ich kenne kein Weekend“ kann diesen Übergang versinnbildlichen.

Joseph BeuYs Ich kenne kein Weekend
Quelle: Anja Rützel auf Twitter

Die Wiege der Technik des Druckens liegt gewiss in China, die weltweite Entfaltung und Innovation der druckgrafischen Verfahren des Bilderdrucks und des typografischen Buchdrucks gingen dagegen von Europa aus in die Welt. Gutenbergs Handwerkskunst der Typografie und Dürers künstlerischer Bilderdruck begründen das Weltkulturerbe der Druckkunst in Europa mit der Formel „Druck + Kunst = Druckkunst.“ Diesem doppelten Erbe ist der Tag der Druckkunst gewidmet.

  1. https://www.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-deutschland/bundesweites-50
  2. Brockhaus, Drucken (grafische Technik). http://brockhaus.de/ecs/enzy/article/drucken-grafische-technik (aufgerufen am 2019-07-30)
  3. Catharina Marcus: Das Handwerk der grafischen Kunst. Eine Reise durch 500 Jahre Geschichte der Drucktechnik, S. 45
  4. Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S. 317
  5. Störig, a.a.O S. 319
  6. Siegfried E. Fuchs: Die Perspektive, Entwicklungsgeschichtlicher Überblick und Lehrgang zum Erlernen der Perspektive
  7. „Kunst“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Kunst>, abgerufen am 05.08.2019.
  8. https://www.mittelalter-lexikon.de/wiki/Buchdrucker
  9. Harry Ness: Mediengeschichte braucht Zeit, in: Druckgeschichte 2.0 Festschrift , S. 14
  10. Jasper Kettner: Die Aufwertung der Kunstschneider in: Druckgrafik. Zwischen Reproduktion und Invention, S. 240
  11. Lorenz Dittmann: Der Begriff des ‚Akademischen‘ in der Bildenden Kunst. In: Festschrift für Werner Braun zum 65. Geburtstag, 1993, S. 71 -87
  12. Jasper Kettner: Die Aufwertung der Kunstschneider in: Druckgrafik, Zwischen Reproduktion und Invention, S. 245
  13. Peter Parshall und Rainer Schoch: Die Anfänge der europäischen Druckgraphik. Holzschnitte des 15. Jahrhunderts und ihr Gebrauch 2005, S. 3
  14. Anja Grebe: Albrecht Dürer. Künstler, Werk und Zeit. WBG 2013, S. 48
  15. Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, Werkausgabe Bd. X, Hrg. von Wilhelm Weischedel, suhrkamp, S. 237
  16. Kant, dto. S. 238
  17. Kant, dto. S. 239
  18. Thomas Hauffe: Die Geschichte des Designs im Überblick. Von der Industrialisierung bis heute. Dumont 2017, S. 33
  19. ebd.
  20. Zit. nach Thomas Hauffe, a.a.O; S. 39
  21. Brockhaus, Kunstgewerbemuseum. http://brockhaus.de/ecs/enzy/article/kunstgewerbemuseum (aufgerufen am 2019-10-27)
  22. Dittmann, a.a.O, S. 82
  23. Die Kunst zu Werben. Das Jahrhundert der Reklame. Ausstellungkatalog Altonaer Museum in Hamburg 18.9. bis 12.1.1997
  24. Panofsky, Dürers Kunsttheorie: vornehmlich in ihrem Verhältnis zur Kunsttheorie der Italiener, S. 21f
  25. Erwin Panofsky, Aufsätze zu Grundfragen der Kunstwissenschaft, hrsg. von Hariolf Oberer und Egon Verheyen, S. 123
  26. Hans Belting, Fernost und Bagdad, Eine westöstliche Geschichte des Blicks, S. 28
  27. Hans Joachim Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S. 317
  28. https://blog.nationalmuseum.ch/2017/05/serie-der-buchdruck-in-europa-teil-2/
  29. ebd., S. 278

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